Die Frage nach der Geschichte beinhaltete zu allen Zeiten auch die Frage nach der eigenen Identitat. Wahrend der bribritischentischen Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert begrundeten westliche Indologen und christliche Missionare unter Beteiligung Gelehrter der traditionellen einheimischen Wissenssysteme eine sudasiatische Geschichtsschreibung, in der die Sudasiaten als die Nachkommen unterschiedlicher Volker (insbesondere Arier und Draviden) betrachtet wurden. Diese orientalistischen Geschichtstheorien uber Ereignisse, die tausende Jahre zurucklagen, fanden unter unterschiedlichen Vorzeichen Eingang in den politischen Diskurs, und in der Folgezeit wurden diese Projektionen in hohem Masse Bestandteil des Selbstverstandnisses verschiedenster politischer Bewegungen und Parteien moderner sudasiatischer Staaten. Heute mundet in Sudasien fast jede Diskussion uber die Vor- und Fruhgeschichte beinahe automatisch in eine Debatte um soziale und politische Machtinteressen. In jungster Zeit sind es vor allem sogenannte hindu-nationalistische Kreise, die ihre politische Legitimation aus der Vorgeschichte zu ziehen versuchen. Der vorliegende Band leistet damit auch einen wichtigen Beitrag zur Aufhellung der geistigen Hintergrunde des im deutschsprachigen Raum immer noch wenig verstandenen Phanomens des Hindu-Nationalismus.