Inwieweit Intelligenz erblich ist, wird in der Öffentlichkeit immer wieder heftig diskutiert. Aus wissenschaftlicher Sicht steht jedoch fest, dass es genetisch bedingte Unterschiede gibt. Allerdings wird das Potenzial, das jeder Mensch mitbringt, erst wirksam, wenn es in Familie und Schule nach besten Möglichkeiten gefördert wird. In ihrem neuen Buch erklären die renommierten Intelligenzforscher Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer, wie es zu Intelligenz- und Begabungsunterschieden kommt, wie man Intelligenz messen kann, woran man überdurchschnittlich begabte Menschen erkennt und wie man Intelligenz fördert. Sie stellen klar: Intelligenz ist eine individuelle Ressource, die man nur in der Gemeinschaft entwickeln kann. Und: Wir haben Begabte nötiger denn je, hängt der Erfolg unserer Informations- und Wissensgesellschaft doch maßgeblich von ihnen ab.
Dieses Buch liest sich wie eine Werbesendung für Sapiosexualität. Keine Frage: Intellekt ist sexy, wenn man sich in den richtigen Kreisen bewegt. Doch dieses Buch zeigt, dass man es mit den Lobpreisungen auch übertreiben kann.
Zunächst ist vielleicht zu sagen, dass die Autoren die Fakten selbst durchaus gekonnt verarbeitet haben. Wir lernen darin zwar nicht viel Neues zum Thema, trotzdem ist das Buch recht locker geschrieben und so ein ganz guter Vermittler in Sachen Basiswissen. Intelligenztests und ihr Aufbau werden erläutert und in ihren Möglichkeiten genauer beschrieben. Dagegen gibt es natürlich auch nichts einzuwenden - schließlich sind sie ein brauchbares Mittel um Logik und Kombinationsfähigkeit eines Menschen zu ermitteln.
Auch der Hinweis darauf, dass die (eine Zeit lang modernen) 'anderen Formen' von Intelligenz in Wahrheit allenfalls erworbene oder veranlagte Kompetenzen sind hat mir gut gefallen. 'Emotionale Intelligenz' - die Bezeichnung ist irreführend, 'Emotionale Kompetenz' hingegen trifft den Kern der Sache.
Auch die Tatsache, dass Intelligenzpotenzial bedauerlicher Weise erblich ist, was eine wissenschaftlich korrekte aber in unserer Zeit unpopuläre Angelegenheit ist, wird schonungslos vertreten. Das finde ich besonders gut - an unseren Universitäten hat sich die Unsitte eingebürgert das Empfinden von Gerechtigkeit über das Akzeptieren von Gegebenheiten zu stellen. Intelligenz ist eben leider nicht lernbar, egal wie sehr das (vor allem in den sozialwissenschaftlichen Kreisen) sauer aufstößt.
Nach diesem Loblied möchte ich allerdings auf den Punkt hinweisen, der mich beim Lesen enorm gestört hat. Das waren nämlich - aber das sollte inzwischen klar sein - nicht die fundierten Fakten oder die Härte mit der sie präsentiert wurden. Vielmehr fand ich einige der aus den vorliegenden Daten 'herausgelesenen' (Trug-) Schlüsse. Sind intelligente Menschen wirklich immer zufriedener? Würden die intelligentesten Menschen die bessere Kaste von Weltherrschern darstellen? Beide Fragen werden en passant in diesem Buch (für mich zwischen unbefriedigend und unverantwortlich beantwortet).
Wer die Vermessenheit in manchen Aussagen, die von den Autoren in 'Intelligenz' gemacht werden, vollends verstehen möchte, der muss lediglich die Zeitung aufschlagen: Das Ende der (zugegeben: unvollkommenen) Meritokratie ist da. Die akademische Gesellschaft wird von den Autoren stets als nahezu omnipotenter Leistungsträger beschrieben - und tatsächlich durchsetzt sie heute das öffentliche Leben wie keine andere Gruppe. Sie bildet die 'Elite' unserer Zeit und hat schon lange damit begonnen ihren Herrschaftsanspruch vermittels Erbschaft zu verfestigen. Die Natur hilft dabei natürlich aus, denn wie auch in 'Intelligenz' richtig erklärt wird ist das Intelligenzpotenzial eben erblich. Hinzu kommt, dass die Wahrscheinlichkeit höherer Weihen und größeren Kapitals in entsprechenden Familien größer ist, wie an mehreren Stellen betont wird. Also - eine 'Elite', eine 'Oberschicht' mit in sich geschlossenen Strukturen ist entstanden. Ist das nun gut für die Allgemeinheit, wie das im Buch zwar nicht direkt behauptet aber impliziert wird?
Die in diesem Buch geforderte Elitenherrschaft hat das Ende von Wohlstand und Frieden gebracht. Erst hat sie ihn geschaffen und schließlich in ihrem eigenen Narzissmus ersäuft. Jeder, der an ihrer Leistungsgesellschaft (intelligentere Menschen neigen zu höherer Leistungsbereitschaft und Kompetitivität) nicht teilnehmen konnte hat sich endgültig von ihr abgewandt, wie es scheint. Trump in den USA. Erdogan in der Türkei. Strache in Österreich. Nachdenklichkeit und Reflexionsfähigkeit werden eben nicht mehr geschätzt. Ist das eine gute Sache?
Es tut mir Leid - aber ich kann das Buch schon aus Wut über die mangelnde Weitsichtigkeit der Autoren nicht empfehlen. Ihre Vorschläge zur Neugestaltung unseres Schulsystems in allen ehren - aber das Buch hat wenig zu bieten, was andere einschlägige Werke nicht ebenfalls bereitstellen. Die Implikationen hinsichtlich der Aufgabe intelligenter Menschen und der blinde Glaube an deren Potenzial in Sachen Gesellschaftsaufbau und -zusammenhalt sind mir viel zu naiv.
Wer es schon hat braucht es aber auch nicht zu entsorgen. Kritisch lesen reicht völlig aus.