Puh, es war wirklich nicht leicht, dieses Buch zu lesen. Nicht, weil Selina Seelmann eine furchtbare Autorin wäre, ganz im Gegenteil! Sie versteht ihr Handwerk und vor allem versteht sie es, feine Nuancen einzufangen, Stimmungen so zu beschreiben, dass man 1:1 fühlt, was sie meint.
Nein. Es hat wehgetan, das zu lesen, weil die toxische Beziehung der Protagonistin Milena so real, so schmerzhaft dargestellt ist, dass da irgendwann keine Distanz mehr möglich war. Milena verliebt sich, noch minderjährig, in den deutlich älteren und verheirateten Nick. Der verlangt von ihr, die sich (noch) nicht zu wehren weiß, dass sie mit anderen Männern schläft und filmt sie sogar dabei.
Da wird erst über die Liebe philosophiert: »Wenn ich nur geliebt werde, fühle ich ja nichts dabei. […] Ich würde auch lieber lieben.« Und: »Ich war schon immer davon überzeugt, dass der Moment, kurz bevor man jemanden zum ersten Mal küsste, der einzig lebenswerte war.«
Als Lesende sind wir bei Milena, wissen auch nicht so recht, wie uns geschieht, bis schließlich klar wird: Da ist was ganz und gar nicht in Ordnung.
Doch Milena ist kein Opfer, will keines sein. Sie erobert sich ihr Narrativ zurück, erzählt die Geschichte neu. Am Anfang saß ich noch recht planlos vor dem Text, wusste nicht, wo der hin will mit mir, doch nach den ersten sechzig, siebzig Seiten war die Sogwirkung da, die mich nicht mehr losgelassen hat. Denn da sind Alltagsgedanken, die ich mit Milena teile, die sie nahbar für mich machten, fast so, als kenne ich sie persönlich:
»Ungewohnte Supermärkte waren die Möglichkeit eines anderen Lebens, denn was war das Leben anderes als eine beliebige Kombination aus Einkäufen, Mahlzeiten und Lebensmitteln, die man wegwarf, während sich in der Brust Herzschläge selbst verschwendeten?«
»Die Stärkste unter ihnen« ist kein Buch, das man mal eben so wegliest. Das Zeit braucht. Und starke Nerven. Für ein Debüt ein sehr gewagtes Thema, aber Selina Seemann meistert diese Herausforderung mit Bravour. Die Zitate, die ich hier nur bruchweise unterbringe, durchziehen diesen grandiosen Text und irgendwann hätte ich am liebsten alles angestrichen, weil es so, so wichtig ist!
Ich danke @netgalleyde und @kremayrscheriau ganz herzlich für das Rezensionsexemplar!