Der Morgen des 24. Februar 2022 beginnt für Natascha wie jeder andere Tag. Und dann steht am Schultor die Deutschlehrerin ihrer Kinder und weint. Seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine führt Natascha ein Tagebuch und notiert, was sich in ihr und um sie herum abspielt. Wie sich in ihr lähmende Angst, Scham und Entsetzen breitmachen, während ringsum das Leben weitergeht, als sei nichts geschehen. Wie Einzelne sich trotz drohender drakonischer Strafen zum Protest auf die Straße wagen. Wie das Leiden der Ukraine wahrgenommen wird (oder auch nicht). Und wie die Sprache, das Gespräch unter Druck gerät – wie kann man noch reden und miteinander sprechen in einem Land, das den Gebrauch von immer mehr Wörtern verbietet?
Mit feinem Ohr kartographiert Kljutscharjowa die Sphäre des Inoffiziellen in Russland – das Tagebuch vom Ende der Welt ist ein mutiges Zeugnis, das uns Einblick in eine mittlerweile geschlossene Gesellschaft gewährt.
Wie lebt ein Mensch in dem heutigen Russland, der gegen den Krieg ist? Das Tagebuch enthüllt eine Frau, die feinsinnig und sensibel auf die Schrecken des Angriffskrieges gegen die Ukraine reagiert. In ihrem Alltag in Jaroslawl, hunderte von Kilometern von der Front entfernt, erlebt sie den Krieg medial, durch Nachrichten auf ihrem Handy, durch die Propaganda im Fernsehen. Und sie beobachtet Mitmenschen und ihre Strategien, die Auswirkungen des Krieges mental abzukapseln, in Schubladen zu verstauen, um nicht berührt zu werden. Oder Mitmenschen, die gar patriotisch der Verblendung folgen. Für mich als Leser, der einige Zeit in Russland gelebt hat, und dessen viel zu naiven Hoffnungen auf positive Entwicklungen dort erst mit dem Überfall auf die Ukraine zerstoben, ist die Lektüre bitter-süße Trauerarbeit.
4.5 Sterne "Außerdem erinnere ich mich an eine Erzählung über eine Stadt, die langsam in einen Abgrund rutscht. Die Behörden befehlen den Einwohnern, ganz normal weiterzuleben und jeden zum Verräter zu erklären, der die Worte ‘Abgrund’ und ‘sinken’ ausspricht." (S. 26)
"Was soll ich tun, wenn das Einzige, was ich kann, das Sprechen ist, ich aber nicht sprechen kann? Vielleicht sollte ich nicht mehr versuchen, mich an diejenigen zu wenden, die dort sind? Und mich an die wenden, die hier sind. Diejenigen, die in ihrem Inneren auch ein Loch von dieser Rakete verspüren. Ein Loch, von dem man nicht sprechen kann. Weil diese Rakete von unserer Seite kam. Und weil alle unsere Worte auf ihr geschrieben stehen." (S. 155-156)
a fragmented attempt to portray how the russian population deals (or fails to deal) with being citizens of a warmongering nation. the tone is light and easy to digest; the content is not.