Jump to ratings and reviews
Rate this book

Der Zeitgenosse Walter Benjamin

Rate this book
erweiterter Text einer Rede zum 100. Geburtstag Walter Benjamins am 16.1.1992, Universität Leipzig

87 pages, Hardcover

First published January 1, 1992

Loading...
Loading...

About the author

Hans Mayer

126 books7 followers
Hans Mayer (1907 - 2001) was a German literary scholar. Mayer was also a jurist and social researcher and was internationally recognized as a critic, author and musicologist.

Ratings & Reviews

What do you think?
Rate this book

Friends & Following

Create a free account to discover what your friends think of this book!

Community Reviews

5 stars
1 (9%)
4 stars
1 (9%)
3 stars
6 (54%)
2 stars
2 (18%)
1 star
1 (9%)
Displaying 1 - 2 of 2 reviews
Profile Image for Michael.
1,630 reviews221 followers
June 15, 2017
Der Essay  DER ZEITGENOSSE WALTER BENJAMIN  ist eine Würdigung zum 100. Geburtstag Walter Benjamins am 15. Juli 1992 und richtet sich vorzugsweise an Leser, die mit Leben und Werk WBs schon ein wenig vertraut sind. Wie der Titel unmissverständlich zum Ausdruck bringt, handelt es sich um einen historischen Blick; es ging Hans Mayer vor allem auch darum, WB darzustellen im Einvernehmung wie in der Opposition zu seinen Zeitgenossen Hofmannsthal und Brecht, Bloch, Adorno, Horkheimer, Lukacs und vielen anderen und die Entwicklung seiner Ideen als Reaktion auf seine Zeit deutlich zu machen.
Als WB-Novize maße ich mir nicht an, Mayers Denkschrift inhaltlich bewerten zu können.
Wenn mir manches Detail zunächst etwas unklar geblieben ist, ist der anspruchsvolle Essay aber auch für Einsteiger ein lesenswerter Rückblick, der Schlaglichter auf Leben und Themen-Ketten WBs wirft. Erster und wichtigster Verdienst ist allerdings, dass er bei mir Interesse und Lust geweckt hat, mich intensiver mit diesem nicht leicht zugänglichen Kulturkritiker zu beschäftigen und mehr von und über ihn zu lesen. 

Besondere Sympathie habe ich vor allem für WBs Haltung, zu Lautsprechern egal welcher Couleur, die sich im Besitz der Wahrheit dünken, Distanz zu wahren.
Mitte der zwanziger Jahre schienen jüdische Intellektuelle nur die Wahl zwischen Zionismus und Marxismus zu haben (bevor Stalin das „Moskauer Experiment“ in ein Massaker verwandelte). Obwohl Benjamin dem Marxismus näher stand als der bürgerlichen Wissenschaft, war auch in dieser Phase der Geschichte, in der jeder Intellektuelle sich auf die eine oder andere Seite zu stellen hatte, WBs Entscheidung die der Nicht-Entscheidung. An Rychner schrieb Benjamin auf dessen Frage „Dic, cur hic?“, was er also bei „Denen“ – gemeint sind Marxisten - zu suchen habe:

„(…) die denkbar stärkste Propaganda einer materialistischen Anschauungsweise hat mich nicht in Gesalt kommunistischer Broschüren sondern in der der „repräsentativen“ Werke erreicht, die in meiner Wissenschaft – der Literaturgeschichte und der Kritik – auf bürgerlicher Seite in den letzten zwanzig Jahren ans Licht traten. Mit dem, was da die akademische Richtung geleistet hat, habe ich genauso wenig zu schaffen wie mit den Monumenten, die ein Gundolf oder Bertram aufgerichtet haben – und um mich früh und deutlich gegen die abscheuliche Öde dieses offiziellen und inoffiziellen Betriebs abzugrenzen, hat es nicht marxistischer Gedankengänge bedurft – die ich vielmehr erst sehr spät kennengelernt habe – sondern das danke ich der metaphysischen Grundrichtung meiner Forschung (…) Was ich aber zur Zeit seiner Abfassung (=Ursprung des deutschen Trauerspiels) nicht wußte, das ist  mir bald nachher klarer und klarer geworden: daß von meinem sehr besonderen sprachphilosophischen Standort aus es zur Betrachtungsweise des dialektischen Materialismus eine – wenn auch noch so gespannte und problematische – Vermittlung gibt. Zur Saturiertheit der bürgerlichen Wissenschaft aber gar keine.“ 

Sich als Parteischriftsteller zu verdingen hätte auch kaum zu einem gepasst, dessen Ideal abseits aller Heilsversprechen in der Unvollendbarkeit lag. Hierzu schreibt Hans Mayer:

„Die deutsch-romantische Philosophie strebt in allem nach der Nicht-Vollendung, verstanden als Unendlichkeit. Als Absage an das harmonisch zu Ende geführte klassische Lebenswerk und Kunstwerk. Benjamin insistierte hier bereits auf der unharmonischen, unvollendeten Form allen Kunstgestaltens. Die Mehrdeutigkeit läßt folglich auch eine vielfache Spiegelung der Werke in vielfachen Rezeptionen zu.

Dies ist in der Tat bereits die Ästhetik der Kunst am Ende der „Goetheschen Kunstperiode“, wie Heinrich Heine es genannt hat. Mehr noch: Benjamins Bekenntnis zur romantischen Unvollendbarkeit, zur Arbeit des Sisyphos, war eine seiner eigenen Lebensmaximen. Die verschiedenen Fassungen etwa der Studien zu Kafka oder die „Reproduzierbarkeit“ stellen sich dar als ein produktives Scheitern.“

Wenn man es sich als einfacher Leser gewiss gerne manchmal etwas handlicher und verlässlicher wünschen mag: Sympathischer als jede selbstgefällige Gewißheit ist mir Benjamins Eingedenken des Scheiterns allemal.

Auch WBs Nähe zu Proust ist mir sehr willkommen:
„Dem späteren wunderschönen Bericht über „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“ ist bei allem literarischen Glanz nicht zu trauen. Benjamin hat das literarische Konzept, das angelegt war nach dem Modell der vom Sammler Walter Benjamin geliebten Bilderbücher, wobei hier eine literarische Verbindung zwischen Bilderbuch und Kinderbuch versucht wurde, ziemlich spät entworfen. Liest man einen Text daraus, etwas mit der Überschrift „Gesellschaft“, so fragt man sich, ob dies noch als erlebte eigene Kindheit verstanden werden darf, oder weit eher als eine eigene deutsch-berlinische Paraphrase zu analogen Schilderungen Marcel Prousts im ersten Band seines großen Erzählwerks.

„Es waren diese Stunden, die mir heimlich, und ohne daß sie es wußte, in die Falten der Decke fielen, die sie mir zurechtzog, und eben diese Stunden, welche selbst an Abenden, da sie im Fortgehen war, mich trösteten, wenn sie in der Gestalt der schwarzen Spitzen ihres Kopftuchs, das sie schon umgenommen hatte, mich berührten. Ich liebte diese Nähe, und was sie an Duft mir zugab; jede Spanne Zeit, die ich im Schatten dieses Kopftuchs und in Nachbarschaft des gelben Steins gewann, beglückte mich mehr als die Knallbonbons, die mir im Kuß für morgenfrüh von ihr versprochen wurden. Wenn dann von draußen mein Vater nach ihr rief, erfüllte mich bei ihrem Aufbruch nur noch Stolz, so glänzend sie in die Gesellschaft zu entlassen. Und ohne es zu kennen, spürte ich in meinem Bette, kurz bevor ich einschlief, die Wahrheit eines kleinen Rätselworts: „Je später auf den Abend, desto schöner die Gäste“.“


 Benjamin und Bloch: „Freunde, die es nicht waren“: es verbindet sie die gemeinsame Freude an der Mystifikation, am Geheimnis, am Versteckspiel. Das „Dunkel des gelebten Augenblicks“ wird in Literatur verwandelt und ausgedeutet (unbedingt nochmal Blochs SPUREN lesen!). Benjamin hat offenbar aber das Scheitern radikaler als Bloch mitgedacht: „Mir ist zu wohl zum Hoffen“. 

Hier eine Klammer aufgemacht und eine Parallele zu Arno Schmidt gezogen, die diesen einmal mehr als modernen Romantiker ausweist. Hans Mayer schreibt:
„Der Gedankenweg Benjamins von der deutschen Frühromantik an der Wende zum 19. Jahrhundert zu Charles Baudelaire, der mitten im Hochkapitalismus als ein Künstler zu leben hat, war folgerichtig. Die deutschen, dann die englischen, bald darauf die französischen Romantiker hatten alle Requisiten Baudelaires und der späteren Moderne sehr wohl gekannt:
den Spleen; die Droge; die schöne Künstlichkeit als Widerpart einer häßlichen Realität; die Ansiedlung in einem selbstgebauten Paradies, wo man vor Blicken aus einer bloß realen Welt geschützt ist. Den Exotismus und die historische Regression (vor allem ins scheinbar so heile Mittelalter) kannten sie alle: Hardenberg und Friedrich Schlegel, Tieck und Wackenroders  „kunstliebender Klosterbruder“. Clemens Brentano und E.T.A. Hoffmann faßten es zusammen. In England waren es S.T. Coleridge und Thomas de Quincey.“ 

In einiger Ausführlichkeit folgendes, das sich kaum konziser zusammenfassen läßt und deswegen zitiert sei:
„Charles Baudelaire (1821-1867) wird bei Benjamin im Wortsinn zum „Mittelpunkt“ einer Geschichte der Bourgeoisie und damit der bürgerlichen Kultur. Er selbst, Walter Benjamin, so hat er es wohl verstanden, steht als Betrachter am Ende einer Entwicklung, die sich früh schon gespiegelt hatte in den „Kritiken und Charakteristiken“ der Brüder Schlegel und ihrer Freunde. Im Denken und dichterischen Wirken sodann des Verfassers von Texten über die „Blumen des Bösen“ war die bürgerliche Gesellschaft bereits „zu sich selbst gekommen“. Alle einstigen Positionen hatten auch ihre Negationen hervorgebracht. Im Politischen war es die Position der Freiheit und Gleichheit gewesen. Inzwischen war, wie das Georg Lukacs formulierte, der Citoyen abgelöst worden durch den Bourgeois. Baudelaire demonstrierte das Umschlagen in die Gegenaufklärung, die er selbst gleichzeitig denunzierte und praktizierte.“
Und wenig später:
„Hier findet Benjamin die dritte und wichtigste Ausdrucksform einer hochentwickelten und nun degradierenden Gesellschaft: den Begriff der Moderne. Auch mit ihr ging es zu Ende: so lautet Benjamins Diagnose in all seinen Arbeiten aus den dreißiger Jahren und im Exil. Drei Positionen haben sich dialektisch ins Gegenteil verändert. Aufklärung ist abgelöst durch eine Welt ganzer und halber Faschismen, Fortschritt führt in den Untergang: das hatte Walter Benjamin als einer der ersten erkannt. Die Moskauer Wirklichkeit schien das nicht zu widerlegen. Die Moderne wird zum Ramsch in einem Zeitalter, das alles zu reproduzieren vermag.“

Ich muss bekennen, dass ich kein Freund der Parteiliteraten bin, entsprechend freute ich mich über manch ironische Formulierung Mayers wie diese: "theologisierter Marxismus-Leninismus des Moskauer Vatikans". Über die marxistische Liebedienerei und Moskau-Affinität vieler Surrealisten entzweite sich Bataille mit den marxistischen Surrealisten und ging eigene Wege. Schließlich war er es, der den Koffer mit den nachgelassenen Manuskripten von WB rettete.

Zum Abschluss geht Hans Mayer noch einmal auf die Geschichtsauffassung WBs ein, wie sie ihren Ausdruck sinnbildlich an seinem Text "Engel der Geschichte" wird. Wer überhaupt irgend etwas über WB weiß, dem dürfte der Engel wohl bekannt sein.

DER ZEITGENOSSE WALTER BENJAMIN ist für mich eine sehr anregende Lektüre gewesen, und außer weiterer Beschäftigung mit WB werde ich mich demnächst auch mit Blochs SPUREN und mit Peter Szondi beschäftigen.
Profile Image for Tree high.
216 reviews22 followers
September 5, 2022
❤️

Książeczka zawiera wspomnieniowy artykuł-esej autorstwa niemieckiego badacza literatury niemieckiej (ur. 1907), opublikowany wkrótce po samobójczej śmierci jego bohatera Waltera Benjamina 26.09.40 r. - bardzo osobnego myśliciela, krytyka literatury, kultury, tłumacza z nm na francuski, autora monumentalnych Pasaży o 19 i 20. wiecznym Paryżu, ale także człowieka samotnego i odrzuconego twórcy. Prawdopodobnie Mayer napisał pierwsze wspomnienie o W.B. opublikowane wtedy w Europie.

Czytało się ciężko ze względu na dawny styl (m.in. z szykiem przestawnym), samą tematykę oraz bardzo erudycyjny charakter tekstu, ale polecam lekturę w oczekiwaniu na polskie tłumaczenie biografii Benjamina par excellence.

Więcej o samej książce pisze Grzegorz Marcinkowski: http://www.artpapier.com/index.php?pa...

Skończyłam czytać przy Beautiful Darkness Larsa Danielssona, przypadek albo i nie.
Displaying 1 - 2 of 2 reviews