p.40 – Männer spielten im Leben meiner Mutter nie die zentrale Rolle. Sie hatte es früh gelernt, allein zurechtzukommen. Als Hausfrau und Mutter hatte sie sich nie gesehen, das was allenfalls ein, wenn auch zeit- und vor allem kostenintensiver Nebenjob. Meine Mutter war schon emanzipiert, als es das Wort noch gar nicht gab. p.85 – Ich will nicht in Ostalgie verfallen, aber die DDR-Gesellschaft war etwas gleicher als die bundesdeutsche. Da die Jagt nach Statussymbolen und ökonomischer Anerkennung eine sehr viel geringere Rolle spielte al sim Westen, waren die Menschen vielleicht ärmer, aber nicht unbedingt unglücklicher, solange sie nicht in Konflikt mit einem Regime kamen, das eine unvollstellbare Gnadenlosigkeit entwickeln konnte. Andererseits was es auch auf eine Art beruhigend zu hören, dass selbst die Paranoiker der SED nicht in der Lage waren, alles und jeden unter Kontrolle zu bringen. Immer wieder gab es Randale, sei es beim Fuβball oder auch in ostdeutschen Diskotheken, wenn die Lan Lover aus Kuba den Einheimischen die Mädchen streitig machten. p.108 – Kultur, das bedeutet für mich vor allem Mitmach-Kultur, bei der jeder dabei ist, vom Familienvater am Grill bis zur kostümnähenden Mutter und dem Kind auf der Bühne. Auβer dem Sport gibt es keinen anderen Bereich, der die Menschen zusammenbringt und zusammenhält. Letzendlich ist es völlig gleichgültig, ob es um Schultheater geht, ein Rockkonzert oder irgendwelche experimentellen Happenings, deren Sinn sich mir auch nicht immer erschlieβt. Egal. Wichtig ist die intellektuelle Auseinandersetzung der Menschen mit ihrer Umwelt. p.109 – Im Schnellkurs habe ich erfahren, was es bedeutet, in Deutschland behindert zu sein. Jede Treppenstufe kann zu einem unüberwindlichen Hindernis werden. p.110 – Natürlich fiel es mir anfangs schwer, meine eigene Mutter zu versorgen und den gelähmten Bruder gleich danach. Aber mit der Zeit klappte es besser. Wenn es keine Alternative gibt, denkt man nicht lange nach, sondern macht einfach. Die Dinge müssen ja erledigt werden. Auch in dieser Hinsicht war meine Mutter ein Vorbild gewesen. p.116 – Ich hatte auch zwei langjährige Beziehungen zu Frauen. Auch wenn es gute Partnerschaften waren, musste ich mir eingestehen, dass ich mir selbst etwas vormachte. Es war daher nur konsequent, die letzte Beziehung zu beenden. Daraufhin suchte ich erstmals nach einer langfristigen Bindung zu einem Mann. Natürlich gingen die ersten Versuche schief. Wie immer, wenn man sich etwas ganz fest vornimmt, klappt es umso weniger. Irgendwann beschloss ich dann, mich nicht weiter zu quälen, die Suche nach einem festen Partner einfach aufzugeben und mich in die Hände des Schicksals zu begeben. Ich habe losgelassen, ohne dass ich bis heute weiβ, wie genau ich das angestellt habe. Es geschah ganz einfach, schon deswegen, weil ich keine Lust mehr hatte, mich in Verzweiflung und Selbstmitleid zu suhlen. p.118 - Teile der SPD sind im Kern ohnehin recht weit entfernt von sozialdemokratischen Grundwerten wie Solidarität und Toleranz. Schwulenfeindlichkeit ist keine Seltenheit in den konservativen Kreisen der Partei. Meine Homosexualität was allerdings nie ein offen behandeltes Thema in der SPD, genauso wenig wie in anderen Parteien. Es gab noch ein Bezirksamtsmitglied, das schwul war, aber er gehörte nicht der SPD an. Hinter vorgehaltener Hand wurde manchmal darüber geredet, öfter mal getuschelt oder gekichert. Grundsätzlich galt die Regel: Man darf es sein, sollte es aber nicht an die groβe Glocke hängen. Bisweilen wurde es auch unfair, wenn es etwa heiβ, dass Schwule gar nicht mitreden können bei Familien- oder Bildungspolitik, weil sie ja keine Kinder hätten oder ordentliche Ehepartner. Welch ein Unsinn! Nach dieser Logik dürfte in Deutschland kaum noch einer über Fuβball reden. Für Schwule ist Berlin wohl die angenehmste Stadt in Deutschland, wenn nicht auf der ganzen Welt. Die Community ist groβ und weiβ um den Wert von Diskretion. p.122 – Ich erinnere mich noch gut an diesen historischen Donnerstag im November 1989. Eine Verwandte aus der DDR war zu Besuch bei uns. Sie war Rentnerin und hatte deshalb die Möglichkeit, in den Westen der Stadt zu fahren. Wir sind chinesisch essen gegangen und haben natürlich lebhaft über die Entwicklung in der DDR diskutiert. Ob das Regime dem Druck des Volkes nachgeben würde, über die Rolle Gorbatschows und das Leid vierzigjähriger Teilung. Das Gespräch was geprägt von Hoffnung und Skepsis. p.123 – Wieder zu Hause, meine Mutter und unser Gast waren schon zu Bett gegangen, rief mich ein aufgewühlter Nachbar an. Ich sollte meine langweiligen Akten weglegen und den Fernseher einschalten. „Du wirst nicht glauben, Klaus.“ Der Satz ist mir im Gedächtnis geblieben, weil es mir in der Tat schwerfiel zu glauben, was ich da sah: Ostberlinerinnen und –berliner, die sich zu Tausenden an den Grenzübergängen drängten, DDR-Grenzer, die die Menschen durchwinkten, dazwischen, immer wieder eingeblendet, die legendäre Pressekonferenz mit Günther Schabowski. Ich werde dies Bilder nie vergessen, den lauten Jubel und die stille Freude der Menschen. Was Glück wirklich ist, war an diesem spaten Abend von ihren Gesichtern abzulesen. Am nächsten Morgen fragte mich unser Gast, ob es etwas Neues gebe. „Eigentlich nicht. Es könnte aber sein, dass gleich deine Kinder auf einen Sprung vorbeikommen,“ antwortete ich. „Du willst mich wohl auf den Arm nehmen,“ entgegnete sie, „mit so etwas macht man keine Scherze.“ Die Kinder kamen dann tatsächlich, allerdings erst am Wochenende, weil sie erst einmal abwarten wollten, ob die Tore nicht wieder ins Schloss fielen. Viele Menschen hatten in den ersten Tagen schlicht Angst, nicht mehr zurück nach Hause zu kommen. p.124 – Ich gehöre zu jener Generation, der jede Form von Patriotismus angetrieben wurde. Nationalstolz, das klang in meiner Schul- und Studentenzeit immer gefährlich nach Nationalsozialismus. Mir war immer bewusst, dass meine Generation nichts zu tun hatte mit den Nazi-Gräuel, aber ich spürte zugleich eine besondere Verantwortung, sie mich gerade als junger Mensch auch hilflos lieβ. p.125 – Zwar erzeugt Nationalismus in jeder Form in mir bis heute ein massives Unwohlsein. Dass sich unser Verhältnis zu uns selbst während der Fuβball-Weltmeisterschaft 2006 auf eine so friedfertige und fröhliche Art entspannt hat, gefiel mit dennoch. p.127 – Wir in Lichtenrade hatten von Anfang an gelernt, mit dieser seltsamen Mauer zu leben. Etwas Besonderes war sie eigentlich nur für den Besuch aus West-Deutschland. Mit denen sind wir dann auf die Hochsitze geklettert und haben nach drüben hesp:aht. Bei Mahlow konnte man ganz gut gucken. Man hat aber nie Menschen gesehen. Dadurch wurde das beklemmende Gefühl eher noch verstärkt. p.128 – Ich hatte Glück, diese andere DDR ebenfalls kennenzulernen. Unser Deutschlehrer las mit uns Christa Wolf, Erwin Strittmatter und Bertolt Brecht. Dieser Lehrer, Wolfgang Juche, was später Schulrat, als ich Stadtrat war. Er war ein toller Pädagoge, einer von der Sorte, von denen man gerne ein paar mehr gehabt hätte. Wir sind mit ihm nach Ost-Berlin gefahren, ins Berliner Ensemble und haben „Arturo Ui“ gesehen. Er hat uns DEFA-Filme empfohlen, die das Dritte Reich aus Sicht der DDR aufgearbeitet haben. Die Kultur war für mich eine entscheidende Brücke in den anderen Teil Deutschlands. p.143 – Die Pflege alter Menschen ist ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Bettlägerige Senioren passen nicht zu unseren Idealen von Fitness, schönheit und ewiger Jugend. Wer es sich leisten kann, spendiert seinen Eltern eine fürstliche Seniorenresidenz und erleichtert mit einer monatlichen Überweisung ein Gewissen. Für Kleinverdiener ist eine menschliche Heimpflege allerdings oft unbezahlbar. Man muss kein Volkswirtschafts-Experte sein, um sie Pflege-Katastrophe zu erahnen, die auf uns zukommt, wenn die geburtenstärksten Jahrgänge ins pflegebedürftige Alter kommen und die Gesellschaft zugleich die gesamte Seniorenbetreuung privatisiert hat. Wenn die Lebenserwartung auch noch ansteigt wie prognostiziert, dann werden wir spiegelbildlich zur Kinderbetreuungsdebatte in wenigen Jahren eine Alterbetreuungsdebatte bekommen. Wir werden über Quoten, Fonds, Wahlfreiheit und ganz sicher auch über Menschenwürde zu reden haben. So normal, wie wir inzwischen die Anrechnung von Kinderbetreuungszeiten finden, wird eines Tages auch das Elternpflegejahr sein, inklusive der steuerlichen Besserstellung. Da man von einer Kleinstrente eine würdige Betreuung garantiert nicht finanzieren kann, kommen wir gar nicht umhin, die Pflege zu Hause durch die eigenen Kinder wieder ins Blickfeld zu rücken, nicht als Zwang, aber als eine Möglichkeit, die der Gesetzgeber durch entsprechende Regeln zumindest fördern sollte. p.184 – So kam es kurz vor Ende meine Rede zu jenem Satz, der zum bekanntesten meines Lebens werden sollte: „Ich bin schwul, und das ist auch gut so.“ Ich hatte mir diese Formulierung nicht vorher ausgedacht, sie war ein spontaner Einfall. p.235 – Ich finde es überhaupt respektabel, wie es Angela Merkel gelungen ist, einen Führungsstil zu etablieren, der sich vom Macho-Gehabe ihrer Vorgänger wohltuend unterscheidet. Auch wenn es mir die Parteiräson verbietet, so halte ich von ihr eine ganze Menge. Sie ist ausdauernd und beharrlich und lässt sich nicht bierren. Wer die Partei von Kohl löst, wer Stoiber uns Merz übersteht, we Koch und Wulff in Schach hält, der muss etwas vom politischen Handwerk verstehen. Immer wenn es darauf ankam, hatte sie die Mehrheiten auf ihrer Seite.