Jump to ratings and reviews
Rate this book

Ein Lesebuch

Rate this book
Das vorliegende Lesebuch versteht sich als Vorschlag und Einladung zu einer Erkundung des Bernhardschen Schreibens, dessen begriffs- und geschichtenzerstörende Irritationskraft den Leser in seinen Sog zieht und ihn jene Haltung einnehmen läßt, die Thomas Bernhard als die seinem Werk angemessene beschrieben hat: »Man soll sich vorstellen, man ist im Theater, man macht mit der ersten Seite einen Vorhang auf, der Titel erscheint, totale Finsternis – langsam kommen aus dem Hintergrund, aus der Finsternis heraus, Wörter, die langsam zu Vorgängen äußerer und innerer Natur, gerade wegen ihrer Künstlichkeit besonders deutlich zu einer solchen werden.«

364 pages, Paperback

First published January 1, 364

10 people want to read

About the author

Thomas Bernhard

290 books2,485 followers
Thomas Bernhard was an Austrian writer who ranks among the most distinguished German-speaking writers of the second half of the 20th century.

Although internationally he’s most acclaimed because of his novels, he was also a prolific playwright. His characters are often at work on a lifetime and never-ending major project while they deal with themes such as suicide, madness and obsession, and, as Bernhard did, a love-hate relationship with Austria. His prose is tumultuous but sober at the same time, philosophic by turns, with a musical cadence and plenty of black humor.

He started publishing in the year 1963 with the novel Frost. His last published work, appearing in the year 1986, was Extinction. Some of his best-known works include The Loser (about a student’s fictionalized relationship with the pianist Glenn Gould), Wittgenstein’s Nephew, and Woodcutters.

Ratings & Reviews

What do you think?
Rate this book

Friends & Following

Create a free account to discover what your friends think of this book!

Community Reviews

5 stars
1 (11%)
4 stars
4 (44%)
3 stars
3 (33%)
2 stars
1 (11%)
1 star
0 (0%)
Displaying 1 of 1 review
Profile Image for Klaus Mattes.
742 reviews10 followers
January 16, 2025
Anfang der siebziger Jahre kam der Verleger Siegfried Unseld von einem Treffen mit Thomas Bernhard zurück und notierte, vereinbart worden sei die Herausgabe eines „Readers“. An die Zusammenstellung dieses Readers erinnerte er seinen eigenwilligen Autor bis in die achtziger Jahre noch oft. Doch Thomas Bernhard hatte entdeckt, dass sich mehr Ruhm und Tantiemen mit sehr vielen frischen Veröffentlichungen einfahren ließen, die sämtliche, dem blühenden Suhrkamp-Imperium zur Verfügung stehenden Publikationszyklen und Formate ausnutzten. Die Zusammenstellung eines Lesebuchs aus Teilen schon gedruckter Werke und liegengebliebener Entwürfe interessierte ihn nicht mehr.

Liest man im vorliegenden Band den Text „Großer, unbegreiflicher Hunger“, den es 1954 in einer von Hans Weigel besorgten Sammlung junger österreichischer Literaten gegeben hatte (eine Handvoll Wiener konnte mit dem Namen Thomas Bernhard damals was anfangen), kann man verstehen, warum Bernhard einen Reader kaum noch wollte, nachdem er sich noch mal ein bisschen in die Jugendwerke eingelesen hatte. Holla, denkt man, das ist eher Thomas Bernhard zum Abgewöhnen! Wer ihn bisher nicht mochte, wird ihn hinterher erst recht nicht mögen, aber vielleicht genauer wissen, warum.

Seine exzessive Produktivität der siebziger Jahre hat Thomas Bernhard noch bis zur Mitte der Achtziger fortschreiben können, unter anderem dadurch, dass er sein dickstes Buch, „Auslöschung“, quasi auf Vorrat verfasst und Jahre später erst freigegeben hat. Wie gewohnt, hatte er seinem Verlag, von dem er jeden Monat ein Gehalt in der Form von Vorschüssen auf zukünftige Honorarabrechnungen bezog, mehrere Titel gerade entstehender Bücher mitgeteilt, von denen er in Wahrheit noch keine einzige Zeile hatte. Nach dem Tod im Februar 1989 setzte die Bernhard-Hausse ein, aber das große nachgelassene Manuskript ließ sich nicht entdecken. Also musste sich Raimund Fellinger, welcher für Suhrkamp viele Jahre Peter Handke (der zu Bernhards Antipoden geworden war) und dann eben auch noch Bernhard betreut hatte, den lange geplanten Reader doch noch besorgen.

Raimund Fellingers Nachwort aus dem Jahre 1993 ist weder mutig noch originell. Brav betet er des Meisters Legende vom ewig herumgestoßenen Großgenie herunter. Mehr Verdienst kommt Fellingers Textauswahl zu. Es finden sich ein paar jener, Anfangs der neunziger Jahre völlig unbekannten Jugendwerke. Aber leider enttäuschen sie qualitativ. Den jungen Bernhard, als Librettist, Lyriker, Dramatiker, Schauspieler, Regisseur im vorsichtig modernem Stil der fünfziger Jahre herumkünstlernd, ihn hat die nachmalige Kunst- und Literaturentwicklung Mitteleuropas schlicht nicht gebraucht. Am besten sind da noch die Gedichte, doch wären sie gut für einen anderen, nicht für den, den wir als Thomas Bernhard kennen.

Springen wir zu den allseits bekannten und beliebten fünf „autobiografischen“ Romanen der siebziger Jahre. Aus dreien gibt es prachtvolle Auszüge. Inzwischen in der Werkausgabe mit den revidierten Texten samt Anmerkungen enthalten, waren das bei Erscheinen dieses Lesebuchs noch Novitäten im Haus Suhrkamp, da vom Autor am Verleger vorbei geschmuggelt und zuerst nur bei Residenz bzw. dtv erschienen.

Gipfelpunkte des Werkquerschnitts sind die Schimpfarien der drei letzten Romane, „Holzfällen“, „Alte Meister“ und „Auslöschung“. Ganz pragmatisch, dabei nicht unbedingt schlüssig, hat sich der Lektor Fellinger für die Schlusspartien dieser Bücher entschieden. Wo die ewigen Satzkaskaden der Bernhard-Prosa sowieso stets den Eindruck vermitteln, alles dränge einer finalen Sensation entgegen, geht das auch in Ordnung.

Ich las die Erstausgabe, das st-Taschenbuch der frühen neunziger Jahre. Da leidet man beim Lesen. Suhrkamps Taschenbücher waren die kleinsten, das Papier war billig und die Satzspiegel überall zu eng, denn man wollte mit möglichst wenig Papier dem Leser möglichst viel geben, die Bücher möglichst preiswert halten. Bei einem Autor, der sowieso nie Absätze in den Texten machte, außer nach jeder Zeile in seinen Dramen, klumpt nun alles als Buchstabengewimmel vor den Augen.

Den wahren Bernhard-Freunden und -Kennern, von denen es ja erstaunlich viele gibt, hat diese Sammlung heute so gut wie nichts Neues mehr zu bieten. Sie müsste folglich von Bernhard-Anfängern gekauft und gelesen werden. Aber die hätten noch „Wittgensteins Neffe“, „Ja“ oder „Der Atem“ zur Wahl. Hat es 13 Seiten aus „Amras“ wirklich gebraucht? Und was bedeutet es anderes, als drei fast vergessene, längst nicht gut verkaufte Geschichten als Füller zu bringen, wenn man diese drei Prosastücke vollständig ins Buch setzt: „Der Kulterer“, „Der Wetterfleck“, „Goethe schtirbt“! (Nun gut, „Goethe schtirbt“ war immerhin eine Erstveröffentlichung, liegt heute aber natürlich als Einzelausgabe vor. Und ist einfach unwichtig.)

Ich gebe eine Passage aus dem Roman „Das Kalkwerk“ wieder und hoffe, da wird erahnbar, was ich für Bernhards größte Leistung halte, seine unverwechselbare Sprachmagie (bei der unwichtig ist, auf welche Inhalte er sie ausrichtet).

... tatsächlich verkühle man sich, trinke man ein Glas Wasser zu rasch und also in einem Zuge aus, davor habe er immer in seinem Leben Angst gehabt, sich durch zu rasches Austrinken eines Wasserglases fürchterlich zu verkühlen, andererseits habe er sich dadurch in seinem Leben niemals verkühlt. Eine Woche, bevor er seine Frau erschossen hat, habe er sich aber plötzlich tatsächlich eingebildet, sich durch zu rasches Austrinken eines Wasserglases verkühlt zu haben. Wieser sagt: er, Konrad, habe auf einmal nicht mehr sprechen können, er versuchte zu sprechen, konnte aber nicht. Zur Beruhigung sei er, Konrad, aus der Küche, wo er das Wasser getrunken hatte, wieder auf sein Zimmer gegangen, habe sich hingelegt, sei wieder aufgestanden, fortwährend in der Angst, durch diesen unglaublichen Stimmverlust möglicherweise nicht mit der urbantschitschen Methode fortfahren zu können, daß durch den Stimmverlust das Experimentieren auf einmal ein Ende haben könnte. Und dadurch verliere er vielleicht gar nach und nach die Beziehung nicht nur zur urbantschitschen Methode, sondern ...
Displaying 1 of 1 review

Can't find what you're looking for?

Get help and learn more about the design.