"Zählen Sie bitte einige Ihrer Stärken auf!" "Trinkfest, sarkastisch, zeitweise findig." "Äh ... und Ihre Schwächen?" "Amrut." "Wie bitte?" "Mein indischer Lieblingswhisky." "Oh! Das kommt jetzt etwas ... überraschend. Weshalb haben Sie sich gerade für eine Stelle in unserer Firma entschieden?" "Nun, nachdem ich meinen beruflichen Werdegang eingegeben hatte, spuckte die Suchmaschine der Internetstellenbörse als einziges Resultat den Namen Ihres Ladens aus." "Tatsächlich? Wie bedauerlich. Was haben Sie in den letzten fünf Jahren gemacht?" "Ein Detektivbüro eröffnet und ein paar Fälle gelöst. Davor ein wenig studiert, gereist und im indischen Lebensmittelgeschäft meiner Mutter ausgeholfen." "In einer leitenden Position?" "Sie kennen meine Mutter nicht." Eigentlich beabsichtigt Vijay Kumar, sich eine Festanstellung zu suchen. Doch Noemi durchkreuzt die Pläne des Privatdetektivs. Das Mädchen will unbedingt wissen, wer ihre leiblichen Eltern sind. Was als einfacher Rechercheauftrag beginnt, entwickelt sich zu einer gefährlichen Jagd von Madrid bis ins Berner Oberland immer auf der Suche nach einem mysteriösen Doktor Grüninger
Indian by nature, Swiss by karma. Vijay Kumar, der beste, weil einzige indische Privatdetektiv von Zürich im Einsatz. Die nicht ganz 16-jährige Noemi beauftragt Vijay, herauszufinden, ob sie die Tochter ihrer Eltern ist. Sie glaubt nämlich nicht. Entwickelt sich ein turbulenter Fall mit einem katholischen Orden aus Madrid, der Kinder verkauft. Die brasilianische Drogenmafia hat auch noch ihren Auftritt, Adolf Ogi aber nicht. Freude herrscht.
So ganz turbulent und unterhaltsam, aber niente emozionante.
Noemi Winter ist ein Teenager wie er im Buche steht; sie fühlt sich von ihren Eltern unverstanden und denkt, nicht zu ihnen zu gehören, nicht ihr Kind zu sein. Was Vijay Kumar, Privatdetektiv indischer Herkunft, zuerst als typische Teenageridee ansieht, lässt ihn trotzdem nicht los und führt ihn schon bald nach Madrid, in die Verstrickungen von dubiosen Ärzten und kämpferischen Nonnen. Eine Suche nach Hintergründen beginnt, die mehr als einmal lebensbedrohlich wird.
Sunil Mann gelingt mit Familienpoker ein Krimi, der einen von der ersten bis zur letzten Seite nicht loslässt. Der Plot ist stimmig, besticht durch seine immer wieder neuen Wendungen, die ihn spannend machen. Am Schluss fügen sich die einzelnen Fäden vielleicht ein wenig zu schön ineinander, doch auch ein Krimi lebt schlussendlich vom Happy End und man liest es mit einem guten Gefühl. Die Charaktere in Familienpoker sind plastisch gezeichnet, man kann sich in sie hineinfühlen und sich mit ihnen identifizieren. Die Schauplätze sind anschaulich gezeichnet und lassen Bilder vor einem entstehen, egal ob das Buch in Zürich, Bern, Madrid oder im Berner Oberland spielt.
Familienpoker schneidet grosse Themen wie die Herkunft des Menschen, Menschenhandel und Familiengefühle an, behandelt diese aber mit einer Leichtigkeit, so dass der Lesefluss nicht gestoppt wird. Dadurch erhält der Krimi eine tiefe Note, welche in Kombination mit dem immer wieder durchscheinenden Witz Lesegenuss pur verspricht.
Fazit: Stimmiger Plot, plastische Figuren, packend erzählt – Lesegenuss pur; leider viel zu schnell zu Ende. Sehr empfehlenswert.