Als Melitta von Stauffenberg im Januar 1943 von Hermann Göring höchstpersönlich das Eiserne Kreuz II. Klasse erhält, ist dies der vorläufige Höhepunkt einer fast unglaublichen Karriere. Nicht nur beherrscht sie als Testfliegerin und Ingenieurpilotin alle damals bekannten Flugzeugtypen, hat sagenhafte zweitausend Sturzflüge absolviert, selbst ausgewertet und so den Bombenkrieg der Luftwaffe perfektioniert – sie bewahrt auch ein «Flugkapitän Gräfin Stauffenberg» ist nach den Kriterien der Nazis eine «Halbjüdin». Nur mit Hilfe von ganz oben gelingt es ihr, den Fängen der Rassenjustiz zu entkommen. Für einige Jahre kann sie sich sicher wähnen – bis sie nach dem 20. Juli 1944 in Sippenhaft genommen wird. Enkelin eines jüdischen Textilhändlers aus Odessa, Schwägerin des späteren Hitler-Attentäters, Stuka-Amazone, tragische Heldin ihrer Melitta von Stauffenbergs Geschichte erscheint fast wie ein Spiegelbild des totalitären 20. Jahrhunderts, das Eric Hobsbawm das «Zeitalter der Extreme» genannt hat. Ihre Liebe zum feingeistigen Althistoriker Alexander von Stauffenberg war genauso bedingungslos wie ihre Hingabe an die Fliegerei, die ihr am Ende zum Verhängnis wird. Thomas Medicus beschreibt auf der Grundlage bisher unbekannter Quellen dieses ebenso faszinierende wie radikale Leben. Ein einzigartiges Frauenschicksal – und ein dramatisches Kapitel deutscher Geschichte.
Interessante Biografie über komplexes Leben - als Halbjüdin, Ingenieurin und Testfliegerin - und nach dem 20. Juli Angehörige der Sippenhäftlinge. Keine lobhudelnde Verklärung, sondern ehrliche Schilderung
Die Biographie zu bewerten, ist nicht ganz einfach. Der Autor scheint intensiven Recherchen, wie das Quellenverzeichnis zeigt, nachgegangen zu sein und konnte dennoch Melitta von Stauffenberg nicht wirklich ergründen. Die Gründe sind offensichtlich: sie ist eine diskrete Person gewesen, die wahrscheinlich auch keine große Briefeschreiberin gewesen ist. Dazu kommt, dass die gemeinsame Wohnung von ihr und ihrem Gatten, Alexander Schenk Graf von Stauffenberg, 1944 Bomben zum Opfer fiel und nichts daraus gerettet werden konnte. So erfährt man als LeserIn nur wenig über die Pilotin und Flugingenieurin. Der Schreibstil war zwar meistens kurzweilig und die Nebeninfos über ihr Betätigungsfeld waren interessant. Insgesamt jedoch fanden sich für meinen Geschmack zu viele Mutmaßungen darin, vor allem bei der Interpretation ihres Notizkalenders.
Als Ingenieur hat mich insbesondere interessiert, wie sich Melitta von Stauffenberg in einer Männerwelt als Stuka-Testpilotin behauptet hat. Ihr technisches Fachwissen war faszinierend. Neben diesen Spitzenleistungen belastete sie ihre Herkunft als Halbjüdin. Nur durch den Schutz von alleroberster Stelle konnte sie der Judenverfolgung entkommen. Kurz vor Kriegsende (Januar 1945) starb sie den Fliegertod. Ein spannendes Buch über schicksalshafte Verwicklungen, wie sie viele Menschen während des Dritten Reiches erlebt haben.