Die Schwestern Anna und Orlanda leben in Düsseldorf. Ihre Eltern sind schon früh verstorben. Anna, die Ältere, arbeitet als Krankenschwester, Orlanda singt an der Düsseldorfer Oper. Obwohl nur drei Jahre auseinander, könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Aber im Jahr 1929 ist die Welt heil, noch. Im gleichen Jahr erhält auch der Opernsänger Clemens Haupt eine Anstellung, sein Freund Leopold Ulrich verhilft ihm dazu. Durch einen ziemlich miesen Trick, wie die Kollegin Fritzi ihnen eindeutig zu verstehen gibt. Aber es ist wie es ist. In dieser Welt der Musik, der Leichtlebigkeit, in der ersten Bekanntschaft mit Swing und Jazz, wirkt die vernünftige Anna, die sich ganz ihrer Arbeit verschrieben hat wie ein Fremdkörper.
Wie schön ist die Welt der Musik, sei es eher die ernstere der Oper oder die fröhlichere des Swing. Unbeschwert leben Orlanda und ihre Freunde in dieser Welt. Die drohende Gefahr der Nazi-Herrschaft scheint nicht ihnen zu gelten. Sie verschließen einfach ihre Augen, so schlimm wird es schließlich nicht werden. Doch auch Anna, mit ihrer Ernsthaftigkeit und ihrer Gewissenhaftigkeit, scheint zunächst wie geblendet. Der schneidige Arzt, der ihre Karriere fördert, gibt ein Vorbild, das sich als sehr zweifelhaft herausstellt. Mit dem Verrinnen der Zeit lassen sich die negativen Auswirkungen des unsäglichen Regimes nicht mehr übersehen. Es werden Jobs gestrichen oder nicht erst vergeben, es wird subtiler Druck ausgeübt, es wird manipuliert.
In einen Rahmen der Nachkriegszeit gekleidet malt dieser außerordentlich beachtenswerte Roman ein Bild von einer schleichenden Verrohung der Gesellschaft. Welches Leid bereits das herannahende Unheil verursacht. Welche Schuld die Menschen auf sich laden, viele durchaus absichtlich, manche eher unfreiwillig. Wie wenige mit einfachsten Mitteln kämpfen. Wie einzelne durch ihre unbedarfte Vertrauensseligkeit Verrat üben. Die Musik verlässt diese üble Welt, in der nur Tschingderassabum besteht. Man soll den Kindern die ganze Geschichte erzählen, damit sie eine Vorstellung bekommen, wie es gewesen sein könnte. In der Hoffnung, dass sie es nie wieder soweit kommen lassen, dass sie einschreiten, bevor es zum Exzess kommt. Durch diese Geschichte zweier unterschiedlicher Frauen wird einem die Komplexität menschlicher Beziehungen näher gebracht und die bedauerlicherweise Unvermeidlichkeit des Schicksals. Ein Schicksal, gegen das man sich mit aller Macht stemmen möchte, stemmen müsste.
"Dafür strahlten die Sterne und der Mond über ihnen, denn am Himmel hatten die Nazis die Verdunklungspflicht nicht durchsetzen können." - - - - - Es ist der 5. Juni 1964 - Friederikes 21. Geburtstag. Sie hat endlich den Mut gefasst, Onkel und Tante davon in Kenntnis zu setzen, dass sie ihr Musikstudium aufgeben und das Konservatorium verlassen wird. Doch da kommt ihr die Tante mit einer Überraschung zuvor: ein Bündel Briefe von ihrer verstorbenen Mutter.
"Friederikes Hände zitterten ebenfalls, als sie das hellblaue Seidenband löste und den ersten Brief aus dem Umschlag zog. Sie begann zu lesen."
Es beginnt eine Reise in die Vergangenheit, in das Düsseldorf der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Geschichte erzählt von den beiden grundverschiedenen Schwestern Anna und Orlanda Mandel, Orlandas Freunden Clemens und Leopold und weiteren Weggefährten. Sie erzählt von der losgelösten Zeit des Swings und den darauf folgenden Einschränkungen und Bestimmungen durch die Nazis bis hin zum Wahnsinn des II. Weltkriegs.
Fazit: Ein sehr schönes Buch - damit meine ich nicht nur das Cover. Es gelingt der Autorin durch eine authentische Wortwahl das misstrauische und hektische Lebensgefühl dieser Zeit zu vermitteln. Die Protagonisten kämpfen alle mit ihren eigenen Schwierigkeiten und hadern mit ihren Ansprüchen an sich selbst und das Umfeld. Trotzdem eine Vielzahl von Personen in das Geschehen einbezogen werden, gelingt es leicht, den Überblick zu behalten. Auch die Themen, die angesprochen werden sind gut umgesetzt. So ist zum Beispiel auch die Kirche im Dritten Reich ein Bestandteil der Geschichte, aber nicht zu tiefgründig. Daher ist es für jemanden ohne große Bindung zur Kirche sehr informativ aber nicht langweilig. Auch bleibt ziemlich lange unklar, welche Schwester denn die Briefe verfasst hat. Alles in allem: sehr lesenswert!