Ostpreußen, das "Land der dunklen Wälder und kristallenen Seen", ist versunken in der Geschichte und dennoch für Millionen Menschen unvergessen. Seit die Grenzen in Europa gefallen sind, ist es auch uns wieder nahe gerückt. Fünfzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen hat Klaus Bednarz diese einst östlichste Provinz Deutschlands besucht und mit vielen Menschen gesprochen, denen Ostpreußen eine neue Heimat geworden ist oder die 1945 ihre alte Heimat verlassen mussten. Auf diese Weise ist ein sehr persönliches Buch entstanden, geprägt von einer tiefen Zuneigung für das Land Ostpreußen und seine Menschen.
Das Buch kam 1995 heraus - das muss man in Rechnung stellen, und es fordert den/die Leser*in in mehrerlei Hinsicht heraus. Da ist zunächst einmal der Zeitsprung. Es handelt sich um einen Bericht über die Vergangenheit aus einer Zeit (direkt nach den Umbrüchen in Mittel- und Osteuropa), die selbst heute schon wieder Vergangenheit ist. Dann ist da ein gewisser ungelenker Stil und eine Überausführlichkeit in der Beschreibung, die ich gewöhnungsbedürftig fand. Zusätzlich stören die teilweise lieblosen Übersetzungen der Antworten von Gesprächspartnern aus dem Polnischen und Russischen. Beide Sprachen (nicht Kulturen!) haben die Tendenz zu einer Ausdrucksweise, die bei allzu wörtlicher Übersetzung gestelzt und umständlich klingt. Dies gibt die Tatsachen - Fakten und Charaktere - aber nur unvollständig wieder, und tut den zitierten Menschen häufig unrecht. Kommen wir zu den lohnenden Seiten: der Blick auf einen Landstrich durch die Augen der sehr unterschiedlichen Menschen, die dort heute Leben oder früher gelebt haben, und die sich teilweise begegnen. Hier zeigt sich, dass Bednarz sein journalistisches Handwerk beherrscht. Er gibt den Enthusiasmus von Studierenden, die Friedensvision des Professors ebenso wieder wie den revanchistischen Kommentar eines deutschen Vertriebenen oder den Unmut eines Kriegsversehrten der Roten Armee. Vor allem aber fördert er viel gesunden Menschenverstand ("arbeiten muss man überall") und herzwärmende Details zutage. Wer ein Stück weit verstehen will, was politischer und wirtschaftlicher Umbruch in Mittel- und Osteuropa bedeutet haben, findet hier einen wahren Schatz. Dazwischen stören allzu ausführliche Beschreibungen der (teils verwahrlosten) Landschaft und Kapitelüberschriften, die dem Uneingeweihten nicht zu Gebote stehen.
Eine sehr interessante Reise durch Ostpreußen und die Geschichte.
Ich muss gestehen, dass ich mich bisher mit der ostpreußischen Geschichte nicht besonders gut auskannte, ebensowenig mit dessen Geographie. So habe ich viel Neues beim Hören gelernt. Gut gefallen haben mir auch die Gedichte, die immer wieder eingeschoben worden.