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Die Nackten und die Doofen.

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Hardcover

Published September 30, 2003

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Eckhard Henscheid

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Profile Image for Klaus Mattes.
828 reviews16 followers
January 16, 2025
Seit den ausgehenden siebziger Jahren hat er mich beeindruckt und stilistisch geprägt, der universell gebildete, Achtung vor nichts und niemandem außer Verdi, Carlo Bergonzi, Rita Streich, Italo Svevo, Nabokov, Dostojewski und Eichendorff kennende Kamikaze-Satiriker aus der traulichen Oberpfalz. Übrigens geboren beinah im gleichen Monat wie Bob Dylan, der noch Vergrätztere. Zum Büchnerpreis hat’s dem Henscheid, nachdem er Böll für „steindumm“, Gerhard Zwerenz als „glorreichen Halunken“, Hanns Dieter Hüsch zum „Allerunausstehlichsten“, Marcel Reich-Ranicki zu „unser aller Lautestem“, die christliche Frau Fast-Bundespräsidentin Luise Rinser zur „Ruine Linser“ erklärt hatte, selbst natürlich nie mehr gereicht.

Auch einen seiner Jean-Paul-artig wortwuchernden, versoffenen, ironisch verschwatzten Provinzromane wie in den siebziger Jahren hat er seit „Dolce Madonna Bionda“ (1983, etwas bleiern, lieber vorher die drei großen der siebziger Romane lesen) dann nie mehr fertig gebracht. Sondern viel, vielleicht zu viel Tagespublizistik in Organen wie „Vorwärts“, „konkret“, „Rheinischer Merkur“, „Frankfurter Rundschau“, „Titanic“, „taz“, „Neue Rundschau“. Was dann später alles in Buchform gesammelt und noch mal nachgelegt wurde und dann doch etwas redundant und selbstgefällig albernd aussah. Folglich und weil ich es mit den Menschen gut meine, ergeht hierzu mein Rat zur ziemlich späten Kolumnenedition: „Nee, nee, lieber Finger weglassen!“ Er nervt so allmählich doch ziemlich. Man hat das Gefühl, diese fixen Ideen, obskuren Sammlungen des dummen Geschwätzes aus den Medien, und die Henscheid'schen Mechanismen des Komischen sind jetzt seit Jahrzehnten bekannt, da tut sich nicht mehr viel, das wiederholt sich.

Eine von Henscheid gerne gepflegte Form ist die schein-wissenschaftliche, im Verlauf eines Artikels stetig irrsinniger werdende Häufung von vielen, ziemlich kurzen, in der Regel durchaus nicht erfundenen, sondern sauber erinnerten Zitaten aus überraschend disparaten Kulturbereichen. Also vielleicht ein Text über die Krise des deutschen Fußballs und darin in einem einzigen Textabsatz die Stimmen von G. W. F. Hegel, Barbara Rütting und aus einem Langnese-Werbespot. Schon oft hat man sich gefragt, ob der Mann das flapsig Danebengesagte wirklich so witzig und wichtig nahm, dass er es jahrzehntelang auf Karteikarten archivierte, wie Arno Schmidt (mit dem er zu seinem Missvergnügen auch schon verglichen wurde – und mit Thomas Bernhard, ebenfalls zu seinem Missvergnügen) die vergessene deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts sich irgendwie sinnvoll anordnete und archivierte. Hier im Buch klärt Henscheid nun ein bisschen auf, es waren die allerorten aufgekritzelten Zettel, die ständig in der Brusttasche seines Flanellhemds steckten („Mein Archo-Laptop“).

Was er dann aus seinen Beständen ziehen kann, ist vielleicht unterhaltsam, je nach Geschmack, aber umhauen tut es einen nicht mehr. Oder es liegt vielleicht daran, dass ich 18 war, als ich Eckhard Henscheid entdeckte, es heute nicht mehr bin, die heute 18-Jährigen sich für die geistige Welt dieses alten Herrn nicht mehr interessieren.

Da sammelt er die mehr oder minder scheinheiligen Ehrbezeugungen der Medienmenschen anlässlich des Tods von Alt-Verleger Dr. Siegfried Unseld („Der Ulmer“) (Henscheid ist übrigens auch Doktor der Germanistik), sucht sich die etwas oberflächlichen Bemerkungen Goethes zum Thema Bayern aus den italienischen und Schweizer Reiseschilderungen zusammen („Goethe in Bayern“), freut sich zusammen mit der von ihm ewig solidarisch verhohnepiepelten Tante SPD über eine der weiblichsten, ostzonalsten Kulturträgerinnen, Bettina Wegner, sowie ähnlich unverzichtbare Meister des Geschmacklichen: Sabrina Setlur, Roger Moore, HA Schult, die Oberkrainer („Udo, Sabrina, Wolfgang - toitoitoi!“), und, obwohl er schon mal ein ganzes kleines, gebundenes Büchlein über die Welt der Kulturen („Da erleben wir gerade eine völlig neue Kultur des Geschmacks“) hat erscheinen lassen, sammelt er unverdrossen weiter Belegstellen aus dem von ihm mit Argusaugen verfolgten Medien- und Internet-Rummel: „Grand Prix der Kulturen“. Die ,„Bewahrungskultur“ des Odo Marquardt, die „Zapfkultur“ des Fachmagazins „Getränkefachgroßhandel“, Edmund Stoibers (von Henscheid viele Jahre „Stoiber-Bledl“ genannt) „Hinschaukultur“ und natürlich die „Geschwätzkultur“ von Dirk Schümer in der FAZ.

Ohne sehr viel Geschwätz ging es bei Eckhard Henscheid noch nie ab. Und mal bildete es einen Nachweis für die Humorlastigkeit Gottes, mal wurde es als Kardinalgemeinheit und brutale Sittenlosigkeit verurteilt. Ja, genau, im Banne von Karl Kraus hat Henscheid (außer dem von Italo Svevo, Kafka, Dostojewski, Nabokov, Joseph von Eichendorff, Jean Paul, Goethe) auch immer schon gestanden.

An der - inhaltlich weder neuen noch unerhörten, aber natürlich auch nach wie vor nicht unzutreffenden Abhandlung „Der Literaturnobelpreis und seine Leute“ sei mal ein bisschen vom typischen Henscheid-Sound exemplifiziert. Henscheid ist sachkundig, formuliert zupackend und zugänglich, ist aber auch immer wieder bereit, seinen roten Faden fürs Anbringen der von ihm seit Jahrzehnten durch viele Werke hindurch betriebenen sprachlichen Manierismen dranzugeben. Persiflierende Verweise ins Intertextuelle, die unmöglich jeder Leser als solche überhaupt erkennen kann, weil niemand dieselbe Bibliothek wie Henscheid im Kopf herumträgt. (Eben war's noch ein Jux über Botho Strauß, schon ist's einer zur Buchmessenbeilage von „Die Zeit“.) Dann auch dieser persönliche Kanon ihm befreundeter süddeutscher Autoren und Generationsgenossen, denen er bedenkenlos weltliterarisches Gewicht zubilligt (und zwar immer wieder, wenn man mehrere Bücher von ihm liest), obwohl es ansonsten nach wie vor eigentlich niemand tut.


Daß sechs Jahre später der heute zu Recht vergessene Philosophiesimulant und Weltkriegshetzer und ziemlich schnöde Bellizismusnutznießer Rudolf Eucken dran war und dann deutscherseits 1946 gar noch Hesse, niemals aber naturgemäß Kafka, Musil, Broch, Brecht, Benn, Doderer, Arno Schmidt, Ror Wolf und Gerhard Polt es waren, das ragt als ein perennisch nicht wieder gutzumachender Skandal, ja fast als ein chronisch semiseriös tragisches Skandalon von Moira als Bocksgesang - und daß man zwei Jahre nach Eucken auch gleich noch Paul Heyse abhakte, jenen also, dessen vergleichsweise poetischte Lebensleistung es war, den natürlich niemals in Nobel-Nähe gerückten Italo Svevo zu fördern, das schiebt die (inzwischen) mehrere Millionen Mark Nobelgelder bereits entschlossen durch die offenbar endlos offene und breite Toreinfahrt der exemplarischen Debilität, wie sie dann rund um den Preis ein volles Jahrhundert lang nimmermüd walkte und werkelte. Denn überhaupt sah es international-global akkurat so geistverlassen aus wie im deutschsprachigen Großraum.

Wie auch Henscheid sich selbst unter die besten Schriftsteller deutscher Zunge gezählt hat. Gesagt oder geschrieben hat er das zwar nie, aber es kommt immer wieder mal durch. Und vor 40 Jahren nahm ich es ihm auch ab, nach dem Wiederlesen einiger alter Sachen allerdings nicht mehr so. Der deutsche Literaturbetrieb hat ihn einerseits in der (etwas dubiosen) Gestalt von Kameraden wie Martin Mosebach mittlerweile tatsächlich als Klassiker willkommen geheißen, aufs Ganze besehen scheint dieser Henscheid jedoch auf der Reise zu befinden zum Status eines „zeittypischen“ Autoren, der seine Verdienste selbstverständlich hatte und behalten wird, aber darum nicht etwa gelesen werden muss,. Ähnlich also Arno Schmidt, Hubert Fichte, Alfred Döblin (alles außer „Alexanderplatz“), Karl Kraus letztlich auch, viel öfter gefeiert als gelesen.
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