Mischa, ein junger Wiener DJ, hat zwei Stiefbrüder, einen Halbbruder, und dann sind da auch noch die Töchter der ersten Frau des Stiefvaters aus zweiter Ehe. Seine Mutter verschwindet oft und taucht wieder auf, bis sie irgendwann das Zurückkommen vergisst. Da ist Mischa elf Jahre alt. Er wächst bei seinem Stiefvater und dessen wechselnden Partnerinnen auf und versucht zwischen Zehntelbrüdern und Achtelschwestern, sich selbst nicht zu verlieren. Als er sich verliebt, gerät die bis dahin immer wieder mühsam austarierte Balance seines Lebens durcheinander.
Chapeau! Frau Cerha ist wirklich eine Meisterin in wunderbarer Sprachfabulierung und Erzählkunst. Die Geschichte des Romans ist weit weniger spektakulär, eine sehr untypische, außergewöhnliche Patchwork-Familiengeschichte mit Halbgeschwistern, Stiefgeschwistern und Stiefexgeschwistern. Da die Ehen der Erwachsenen nicht halten, sich alle ziemlich verantwortungslos verhalten, einerseits oft einfach abhauen, aber dann dennoch permanent wie eine grosse Kommune zueinander Kontakt halten, gibt es bei allen Kindern massig Traumata aus der Vergangenheit aufzuarbeiten. Dies macht der Hauptprotagonist des Romans auch und rollt gleich für seine "Zehntelbrüder" (Summe der Halb- und Stief- und Exstiefbrüder) die Vergangenheit mit auf.
Irgendwie erinnert mich die Figur des traumatisierten DJ's, der mit seiner Geschichte und Familie aufräumt, mit seinen Bindungsproblemen etwas an den Typen in Nick Hornbys Hi-Fidelity, aber nicht so unsympatisch jämmerlich selbstmitleidig, sondern selbstreflektiert, proaktiv forschend, sensibel für die Nöte anderer, der immer versucht ist, seine schlechten Erfahrungen für die gesamte Brüder- und Schwesternschaar in etwas Positives zu verwandeln und andere vor dem Leid der Erwachsenen zu beschützen. Ob es so einen sensiblen männlichen Prinzen in der Realität wirklich gibt, sei dahingestellt, aber hey das ist Literatur und Fiktion, vielleicht liegt diese idealtypische Ausgestaltung der Figur ja daran, dass sie eine Autorin konzipiert hat ;-). Ich würde mich auf jeden Fall sofort in dieses außergewöhnliche Exemplar verlieben.
Fazit: Sehr lesenswert, ein Roman mit viel Gefühl, gar nicht kitschig, sprachlich ein Hammer. Vom Tempo her hat die Erzählung noch ein bisschen Luft nach oben, weshalb ich einen Stern abziehe.
Ich freue mich schon auf das nächste Buch der Autorin und wundere mich schon sehr, dass sie mit diesem Talent erst seit 2010 Bücher schreibt.
Mischas Familie lässt sich mit "Patchwork" nur unzureichend erklären und eine behütete Kindheit hatte er definitiv nicht. Dennoch ist seine Geschichte, wie Ruth Cerha sie erzählt, alles andere als deprimierend.