Nach drei Jahren unter Barack Obama sind die Vereinigten Staaten zerrissener denn je. Neben der anhaltenden schweren Wirtschaftskrise kämpft das Land mit den Altlasten der Vergangenheit: Armut, Rassismus, Kriege ohne Ende. Obendrein stehen sich die politischen Lager so unversöhnlich gegenüber wie seit langem nicht. Fort ist der Wunderglaube, der den wortgewaltigen Demokraten Ende 2008 ins Weiße Haus katapultierte. Die letzte verbliebene Supermacht scheint die Hoffnung auf einen Aufbruch aus eigener Kraft verloren zu haben. Die SZ-Korrespondenten Reymer Klüver und Christian Wernicke erleben und schildern die politische wie soziale Krise Amerikas aus nächster Nähe. Sie ziehen eine schonungslose Bilanz der Präsidentschaft Obamas und benennen die herkulischen Aufgaben, vor denen er und eine Weltmacht im Niedergang stehen. Sie zeigen aber zugleich, warum Obama mit vielen seiner Reformvorhaben scheitern musste - und warum doch allein seine Wiederwahl Amerika eine letzte Chance zur eigenen Erneuerung als westlicher Führungsmacht eröffnen könnte.
Puh, gerade noch rechtzeitig vor der Wahl fertig gelesen.
Die Autoren zeichnen ein relativ nüchtern-neutrales Bild der Vereinigten Staaten von Amerika und ihrer Grundprobleme: Fehler und Dilemmas der (jüngeren) Vergangenheit und Gegenwart wie z.B. die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich, der noch immer aktuelle Rassismus, der Zerfall der middle class, Armut, Kriege und das über Allem schwebende ewig gültige Gottvertrauen in die eigene Besonderheit. Im zweiten Teil werden Zukunftsszenarios entworfen, die unter anderem dem ausufernden Medienwahn zu wahren Propagandamaschinen (FOX vs. MSNBC) oder den Nicht-Fortschritten, ja, de facto Rückschritten in Sachen Bildung, Infrastruktur, Klimaschutz geschuldet sind. Eine Art Gegenwartsfazit gibt schließlich eine Wahlempfehlung ab, die zu dem Schluss kommt, dass Amerikas beste Chance, endlich im 21. Jahrhundert (wieder) anzukommen, nur eine Wiederwahl Obamas sein kann.
Wenn ich sage, das Buch ist nüchtern geschrieben, soll das keinesfalls Langeweile suggerieren, eher ausgeglichene, unaufgeregte Reportagen, die es dem Leser meist selbst überlassen, sich seinen Teil zu denken. Man kommt sowieso immer zu den gleichen Schlüssen, egal, wie viele Bücher man über dieses Thema liest (solange sie aus "europäischer Sicht" und nicht von Tea Party Anhängern geschrieben wurden, sag' ich jetzt mal).
Dies Buch ist nach Obamerika und Tea Party: Die weiße Wut das dritte Buch zu diesem Thema (der IST-Zustand der USA), das ich in den letzten Wochen gelesen habe. Auch wenn sich alle drei Bücher naturgemäß in vielen Dingen überschneiden oder sogar wiederholen sind sie doch sehr verschieden in Herangehensweise und Stil. Gemeinsam haben sie zwei Dinge: Alle drei Bücher waren zum einen unheimlich informativ, unterhaltsam und haben alle drei einen guten, zusammenfassenden Überblick über ihr jeweiliges "Spezialthema" gegeben.
Zum anderen (und damit will ich hier bitte keine politische Diskussion anstoßen, denn ich lebe auch in keiner Seifenblase und weiß, dass hier auch nicht alles immer shiny ist, aber:) haben mir alle drei Bücher klar gemacht, wie froh und glücklich ich darüber bin, in Europa zu leben ;)