In Jülich kam es am vergangenen Wochenende zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen älteren Frauen. Das Kernkraftwerk sei aber zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen, teilten die Behörden mit. Entschuldigung, wie lautete noch mal Ihre Frage? Ja, ich bin gerade etwas geistesabwesend. Das liegt unter anderem daran, daß Sie so ein langweiliger Gesprächspartner sind. Ich neige in solchen Fällen dazu, Meldungen aus dem Lokalteil vorzulesen.
Beende meine Lektüre vorzeitig, da ich wohl eine von den Frauen bin, die "Verlagserzeugnisse" bevorzugt, "die ausschließlich zum kuscheligen Zeittotschlagen hergestellt werden". Misogygähn.
Zwischen zwei Wälzern - einem spröden aber schönen DDR-Roman und einem Sachbuch, das mein Leben zu verändern verspricht - geistige und stilistische Lockerungslektüre von Max Goldt. Goldt kann man immer lesen und überall, es ist stets ein Gewinn. Wenn Goldt mal stirbt, könnte es sein, dass er in Nachrufen als der Stil-Lehrer der Nation bezeichnet wird. Das Einzige, was das verhindern könnte, wäre der Umstand, dass er sich selbst dafür hält. Ich lese seine Bücher meist mit einem Dauergrinsen im Gesicht (für das sich Goldt vermutlich schämen würde) und das unterbrochen wird von ein paar lauten Lachern. Vielleicht weniger als in früheren Büchern, wo er öfter den Gedankenfluss zugunsten der Pointe unterbrach. Auf den ersten Seiten ist übrigens wieder einmal die von ihm schon zu erwartende Jeanshosen-Mäkelei zu lesen, die einem irgendwann auf den Wecker gehen kann, und dann tröstet er mich und vielleicht auch andere Leser mit dem letzten Satz des Buches (es geht um die Betrachtung von Photos zu Zeiten des Mauerfalls): "Ich muss es mit einem Anfall von Demut bekennen, dass im November 1989 keineswegs nur die Ostdeutschen hässliche Jeansanzüge trugen."