3,5 Sterne. Auf etwas über 70 Seiten wird eine rechtskonservative, von Hobbes und Hegel ausgehende und sich an Staat und Nation orientierende politische Philosophie begründet. Das gelingt anfangs recht gut, lässt aber hintenraus auch die Fallstricke erkennbar werden.
Die Argumentation geht wie folgt: Eine Hobbes’sche Bestimmung der menschlichen Freiheit als nicht aus sich selbst heraus vermittelbar macht eine politische Ordnung, den Staat, notwendig. Dieser muss dem Zugriff des einzelnen relativ entzogen bleiben, wenn er als Garant des Friedens und damit der Freiheit Bestand haben soll. Er grenzt sich also nach innen gegen individuelle und gesellschaftliche Partikularinteressen ab, nach außen gegen andere Staaten. „Staat“ wird konkret in der Nation; verortet in Raum und Zeit, in Beziehung zu anderen Nationen, lebendig im Bewusstsein der einzelnen. Die erfahrbaren Gemeinsamkeiten, die die Nation auszeichnen, sind v.a. die Sprache, das Recht und die Geschichte. Gleichzeitig wird Kritik am Begriff der „Kulturnation“ geübt; dieser sei v.a. erbaulich, aber politisch und theoretisch defizitär. Stattdessen bedürfe die erfahrbare Gemeinsamkeit „der Aufschließung durch die politische Reflexion auf das Allgemeine“. So hegelianisch, so überzeugend und als politische Philosophie vertretbar. Nationalismus im entfalteten Sinne wird immer eine Möglichkeit bleiben, solange sich Menschen auf Basis der neuzeitlichen Vernunft gemeinschaftlich organisieren.
Allerdings: Gegenwärtig sollte damit gerechnet werden, dass „Staat“ im Allgemeinen und „Nationalstaat“ im Besonderen veraltende Begriffe sind und künftige politische Ordnungen eher übernationalen, systemisch integrierten Verwaltungseinheiten ähneln werden, als den idealistischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts. Zusammenhalt wird über Wohlstand und eine Bullerbü-Romantik des Zusammen-Leben(-Müssens) generiert.
Kritikwürdiges sehe ich in der Konkretion, in der Übertragung der Philosophie in politische Forderungen, teils liegt es auch im Angedeuteten. Denn, meine Güte, was soll das: „Die Selbstzensur unserer Musterschüler der ,Reeducation‘ […]“ und „Mit der Ideologie der Sieger von 1945 wird der große moralische Prügel geschwungen […]“. So bleibt das ungute Gefühl, dass das vermisste Nationalbewusstsein nicht aufgrund historischer Realitäten fehlt, sondern dass dem ein Fehler der Geschichte zugrunde liegt, eine Verschwörung dunkler Mächte - nämlich der Alliierten, im wesentlichen der USA.
Fairerweise muss ergänzt werden, dass die Gefahr eines exogenen, bloß oktroyierten und notwendig manipulativen Nationalismus reflektiert wird - der Autor betont dann zwar seine Präferenz für ein intellektuelles Nationalbewusstsein, spricht dem dumpfen Nationalismus aber durchaus Wert zu bzw. grenzt sich davon kaum mehr als ästhetisch ab. Kubitschek spricht im Nachwort von einer „geistig okkupierten Nation“ - spätestens da ist der Boden der Hegelschen Vernunft der Geschichte verlassen.