Zwei der aufregendsten Denker der Gegenwart im Gespräch über Kant und den Geist der Aufklärung
Wie kann ein Philosoph, der im Jahr 1724 geboren wurde, unser Denken heute maßgeblich beeinflussen?
Dreihundert Jahre nach der Geburt des alten Meisters in Königsberg treffen sich Daniel Kehlmann und Omri Boehm zu einer Reihe von Gesprächen über Immanuel Kant, die alles andere sind als akademisch-abgehoben. Denn der Begründer der modernen Philosophie selbst hat die grundlegenden Fragen des Menschseins benannt und erklä was man wissen kann, was man tun soll, was man hoffen darf.
Alle wichtigen Themen kommen zur von Vernunft und Illusion bis zu Rassismus, Kolonialismus und Aufklärung; von Raum und Zeit bis zu Freiheit, Kunst, Gerechtigkeit und dem Problem des Bösen; von der Wissenschaft bis zum Glauben, vom Selbst bis zu Gott. Omri Boehm und Daniel Kehlmann behandeln Kant als Zeitgenossen, der uns heute noch wichtige Antworten auf aktuelle Fragen geben kann.
His novel Measuring the World (German: Die Vermessung der Welt) was translated into more than forty languages. Awards his work has received include the Candide Prize, the Literature Prize of the Konrad Adenauer Foundation, the Heimito von Doderer Literature Award, the Kleist Prize, the WELT Literature Prize, and the Thomas Mann Prize. Kehlmann divides his time between Vienna and Berlin.
Im Kant-Jahr, am 22.4.2024 wird der 300. Geburtstag gefeiert, gibt es viele Einführungs- und Festschriften, sogenannte Liber Amircorum, worin eben schon die Freundschaft selbst anklingt, die sich Omri Boehm und Daniel Kehlmann festlich mit ihrem Buch über Kant „Der bestirnte Himmel über mir“ gegenseitig bestätigen. Da es sich selbst als „Ein Gespräch über Kant“ ausweist, lassen sich folgende Dialog Fetzen erklären:
Boehm: Aufzuwachsen ist nicht etwas, das auf natürliche Weise oder in Übereinstimmung mit der Natur geschieht … Kehlmann: Gegen die Natur sogar! Boehm: Anders als bei Tieren ist das Heranreifen eines Menschen eine Leistung, die von uns abhängt – sie fällt in unsere Verantwortung. Das ist der Schlüssel zur Idee der Aufklärung. Im Unterschied zu Tieren, die von Natur aus nicht anders können, als reif zu werden – es sei denn, sie werden durch äußere Umstände daran gehindert –, ist Reife für uns kein natürlicher Zustand.
Selbstredend fällt und steht hier alles damit, was Reife, Aufwachsen, was ein natürlicher Zustand ist oder sein könnte. Wo beginnt „das Tier“, wo fängt „der Mensch“ an, etc... Mit solchen Kleinigkeiten wollen sich die beiden jedoch nicht beschäftigen. Ihnen geht es nur darum in groben und langen Schritten durch das Gesamtwerk von Immanuel Kants drei Kritiken zu hoppeln, wobei von vorneherein feststeht:
Kehlmann: Wir sind der Natur unterworfen, und zugleich sind wir ihr unendlich überlegen. Das Meer kann uns physisch töten, aber moralisch kann es uns nichts anhaben. Und diesem Meer, so würde ich sagen, entspricht der alternde Körper.
Die Quintessenz des Buches besteht darin zu betonen, dass sich Kant in Ambivalenzen und Paradoxien zu denken traut und dass diese Art zu denken, gegen sich selbst, gegen die eigene Voreingenommenheit leichter fällt, wenn dezidierte Denkschemata eingehalten werden (so Boehm, Kehlmann nickt). Neben den Amphibolien der Reflexionsbegriffe gesellt sich da schnell der kategorische Imperativ hinzu, der wie das Ding an sich und die Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht Widerspruch, Diskrepanzen und Uneinigkeit provoziert, also konstruktiv Verwirrung stiftet. Sie bestehen darauf, dass es in der Philosophie um das bedingungslose Befragen aller Dinge gehe:
Boehm: Was verrät uns der kategorische Imperativ über unsere Intuitionen? Diese Frage wäre der Hauptgewinn, denke ich, und kein geringer, wenn wir in unserer Kultur vorgegebener Intuitionen, in der die eigentliche Gefahr darin besteht, dass die Philosophie nur noch vorgegebene Antworten bereithält, die Tür zur Philosophie damit wieder einen Spalt weit öffnen könnten.
So wird aus Kants Philosophie ein Stichwortgeber, eine Art Souffleuse, die dem müden Denken neue Denkanstöße gibt und zwar durch rigide Formelhaftigkeit. Wie weit diese Schemata und Formeln etwas taugen, wie sehr sie im Grunde die Welt erschließen, das steht nicht im Vordergrund. Hier hätte ein rigoroserer Versuch getaugt, im Vergleich zu anderen Denkschemata die Beschreibungsmächtigkeit von Kants Gedankenarchitekturen hervorzukehren. Pustekuchen.
Omri Boehm und Kehlmann führen nun einmal ein Gespräch, nicht auf Augenhöhe, aber mit stets bezeugter, fröhlicher, ja dynamischer Sympathie füreinander. Die beiden mögen sich (zumindest auf dem Papier). Von Kant bleibt nicht viel übrig. Zwei Freunde gehen zum Fußball und zitieren ein wenig Philosophie und stellen fest, sie beide mögen Kant – ein guter Grund sich zu verbrüdern. Warum nicht? Es war ja meine eigene Schuld, mich zu ihnen zu setzen und ihnen auch noch zuzuhören, wie sie sich schulterklopfend bestätigen, dass der alte Kant im Vergleich zum ollen Baruch de Spinoza zwar noch die Nase vorn habe, aber die Sache mit den synthetischen Urteilen a priori gar nicht mehr so zeitgemäß sei und wir eigentlich nur noch alle versuchen müssten, bessere Menschen zu sein und zu werden, um Kants Denken gerecht zu werden, und das sei’s ja halt im Grunde irgendwie vom Gehalt der kritischen Schriften her schon. Na Prost!
Wie immer, das Gute zuerst. Ich habe durch dieses Gespräch wieder Lust auf Philosophie bekommen :-). Es hat Spaß gemacht, mein Vokabular über Kant wieder aufzufrischen und ein paar neue Gedanken aufzusammeln. Es ist immer wieder beeindruckend, wie das kantische System auf gefühlt alles eine plausible Antwort geben kann. Wissenschaft, Metaphysik, Ethik, Kunst, Ästhetik, alles kein Problem. Nur um das Gefühl geht es nicht, ist es ja auch kein Gegenstand irgendeiner Vernunft. Ein Gedanke, der im Dialog aufkommt, und der mich nicht loslässt, betrifft das Verhältnis zwischen Wissen und Denken. Wir können gewissermaßen gar nicht anders, als die Welt zu denken. Erfahrung ohne Begriffe ist blind, so heißt es doch bei Kant. Die Verwirrungen der Vernunft, wenn es über das große Ganze nachdenkt, mündet in den spannenden Antinomien. Im Gespräch wird eine resultierende Ambivalenz von Kant zum Vorschein gebracht, die seine Philosophie zu durchziehen scheint. Aber das ist gar nicht im negativen Sinne als logische Inkonsistenz gemeint, sondern als Naturell unseres Denkapperates, der nun mal nicht dafür gemacht ist, die Welt an sich zu erkennen. Denken ist faszinierend, weil man in diesem Meer aus Ambiguitäten quasi schwimmen gehen kann. Im Vergleich dazu, möchten wir Wissen schaffen, um die Welt besser zu verstehen und beeinflussen. Ich will zum Beispiel herausfinden, wie molekulare Maschinen den Organismus zum Laufen bringen und wie man dort mit Chemie zielgerichtet eingreifen kann, um u.a. Krankheiten zu behandeln. Da unser Denken über die Welt aber nun so verworren ist, müssen wir ihr das Wissen abringen. Das ist der Kerngedanke. Wir suchen nach Regelmäßigkeiten (oder, stärker ausgedrückt, Gesetzen), die unsere Erfahrungen mit den Kategorien der Anschauungen verbinden (z.B. Ursache und Wirkung). Auf diese Weise können wir etwas schaffen, dass für uns nützlich und verständlich ist. Die Kunst besteht dann darin, all diese Einzelregelmäßigkeiten durch gemeinsame Methodik und Logik in ein System zu schmieden, das man dann wissenschaftliche Disziplin nennen kann. Ich hab hier jetzt einen positivistischen Wissenschaftsbegriff mit Kant und Kuhn verabschiedet und weiß nicht, ob mir das gefällt. Aber vielleicht erklärt dieses künstliche und "abgebaut-dann-wieder-aufgebaut" Konzept von Wissenschaft, warum es uns so schwer fällt, die verschiedenen Disziplinen - Physik, Chemie, Biologie, Soziales - miteinander zu verbinden. Wenn alles dieselbe Welt perfekt beschreibt, dann sollte so etwas wie Evolution, ja eigentlich von der Physik lückenlos erklärt und vorhergesagt werden können....
Aber naja, da bin ich nun ein bisschen vom Thema abgekommen. Zurück zum Buch. Ich finde Dialoge für die Philosophie sehr geeignet, da sie den Leser zum eigenen denken anregen. Außerdem entstehen die spannensten Gedanken oft in den Zwischentönen. Kehlmann kannte ich vorher noch nicht, ich habe ihn hier aber als sehr neugierig, kreativ und gedanklich bodenständig empfunden. Boehm war dagegen eher der typische Professor-typ, der bei seinen Antworten tief in die Theorie eintaucht und häufig sich in die Schuhe von Kant stellt: "Also Kant würde das so sehen..." Diesen Ansatz finde ich nicht immer passend, denn mich interessiert ja viel mehr, was WIR mit den ursprünglichen Gedanken anfangen können und wie wir es weiterentwickeln können. Aber eine fundierte, inhaltiche Auseinandersetzung mit der Textgrundlage ist dafür umso wichtiger und das hat Boehm super gemacht, manchmal vielleicht ein bisschen too much. Kehlmann hat aber dann häufig gute Akzente mit Querverweisen und gegenwärtigen Themen gesetzt. So habe ich mich sehr über den Verweis auf Max Tegmark's Unser mathematisches Universum: Auf der Suche nach dem Wesen der Wirklichkeit gefreut (eines meiner Lieblingsbücher). Leider wurde es dann direkt nach meinem Gefühl "von oben herab" abgekanzelt. So nach dem Motto "Hätte der Tegmark mal Kant gelesen, hätte er das Buch nicht geschrieben". Wie passt so eine Haltung mit kantischer Toleranz und Würdigung der Ambivalenz zusammen?
Und so erscheint mir das ganze Buch im Fazit, um im Stil Kants zu bleiben, als ambivalent. Es wird viel geboten und man kann immer wieder neue Gedanken fischen und die dann weiterdenken. Aber manchmal driften die beiden in Richtungen, mit denen ich mich schwertue. Machmal ist es Unverständlichkeit, manchmal unnöttige Begriffsdiskussionen und hier da unsympatische Überheblichkeit. Dennoch überwiegt die Freude über die spannenden Gedanken und ich hab's gerne gelesen. Und insbesondere von Kehlmann möchte ich in Zukuft mehr lesen.
Der Titel ("Der bestirnte Himmel über mir") ist für mich das Highlight des gesamten Projekts.
Ansonsten ein paar nette Gedanken, aber man hat sich meiner Meinung nach keine Gedanken gemacht, wer das Buch lesen soll.
Für belesene Philosoph:innen ist es doch gewiss zu oberflächlich - und für interessierte Menschen zu viel "was hätte Denker X zu Philosophin Y im Kontext Z" gesagt, sowie zu wenig Kontext oder Bemühung, die Themen genauer zu erläutern.
Tolles Buch, dass vor allem als Einstieg in Kants Denken verstanden werden dürfte. Prägnante Analysen und Skizzen. Auf mich wirkte die Expertise an der ein oder anderen Stelle doch recht asymmetrisch verteilt in Richtung Omri Boehm. Aber aus meiner Sicht kein großer Mangel. Unabhängig davon mag ich das Cover sehr gerne.