Peter Rühmkorf, einer meiner Lieblingsautoren, der mich schon mein ganzes erwachsenes Leseleben begleitet, hat diese Monographie über Wolfgang Borchert geschrieben: eine kurze Biografie über einen Autor, den ich ebenso lange schon mit Entschiedenheit ablehne, wie ich Rühmkorf bewundere. Da Borcherts Drama DRAUSSEN VOR DER TÜR auch heute noch gelesen wird (mit stiller Genugtuung denke ich daran zurück, wie Jan Philipp Reemtsma 1990 bei einer Tagung das Stück mit dem Film RAMBO verglich und einige Zuhörer empört den Saal verließen), habe ich nun endlich diese Lebensbeschreibung gelesen, um mein (Vor-?)Urteil vielleicht zu revidieren; man möchte ja nicht als unbelehrbar & starrköpfig gelten.
In der ersten Hälfte der Monografie, die zeitlich den größten Teil des viel zu jung gestorbenen Schriftstellers beschreibt, macht Rühmkorf keinen Hehl aus den literarischen Unzulänglichkeiten: „Borcherts Arbeitsweise – wenn man seinen Verzicht auf Mühe und Methode überhaupt so nennen will – war gekennzeichnet durch Fahrigkeit und laxierte Leichtschreiberei“, die Rede ist auch von „Verquere Proportion von Kunst und Leben“, „Ein Talent, das keines war“, „unselbständige Gedichte“ und „unbegnadetes Gereim“.
Ich habe mich mehrfach gefragt: Worauf basiert Rühmkorfs Interesse an Borchert? Warum schreibt er, der Hochseilartist, über diesen Bruder Leichtfuß? Ist es gar eine Brotarbeit gewesen, die vorzugsweise ironisch zu verstehen ist? Die Antwort lautet: nein! In den 50ern hatte Rühmkorf in seiner Bude drei Heiligenbilder an der Wand: Dizzy Gillespie, Max Beckmann und - - - Wolfgang Borchert!
(Protagonisten musischen Interesses, Borchert ganz oben)
Borchert schreibt Gedichte am Fließband, von Konzeption, Überarbeitung gar, kann nicht die Rede sein. Er verschickt sie per Post an alle möglichen Empfänger, und sollte mal ein Packen verloren gehen, so Borchert, sei das nicht so schlimm; man kann ja neue schreiben. Borchert, der mal depressiv, mal theatralisch aufgelegt ist, zeitlebens aber Bindungsprobleme hat, schreibt wie besessen, Sprachtempo geht ihm vor Qualität. Nach einer kurzen Zeit in einer Schauspieltruppe wird er als Soldat eingezogen. Erfahrungen an der Ostfront und Gefängnisaufenthalte wegen Wehrkraftzersetzung (einmal schießt er sich in den Finger, ein anderes Mal äußert er sich kabarettistisch über das Soldatenleben), die durchaus mit der Todesstrafe geahndet werden kann - und beim zweiten Mal steht sie kurz bevor -, nehmen ihm zwar äußerlich nicht seine häufig sorglos=oberflächlich wirkende Art, bewirken aber doch eine Veränderung in seinen Vorbildern und seiner Ästhetik:
(die Mütze sitzt aller seiner Vorbehalte zum Trotz recht keck auf Borcherts Kopf)
„Dazu ist zu bemerken, daß das Kriegsende für Borchert nicht nur den verlorenen Krieg und schon gar nicht Zusammenbruch einer falschen Ideologie bedeutete, sondern die Abrechnung mit höchst achtbaren und – nur eben letztlich doch nicht haltbaren – Vorlieben. Der Zusammenbruch der eigenen Hölderlinwelt, die Verstörung der eigenen Rilkeneigung werden dabei zu den eigentlichen Sensationen. Man verstehe: da wird die Kapitulation von literarischen Leitbildern zum wesentlichen Erlebnis, da zeichnet sich ein Damaskus ab, das im wesentlichen künstlerischer, ästhetischer Natur ist, und die Sätze, die den Widerruf aussprechen, spiegeln alle Ambivalenz des abgefallenen Jüngers (…)“
Borcherts „phänomenale Beobachtungsgabe“, die Rühmkorf mehrfach hervorhebt, fokussiert sich auf seine persönliche Erlebniswelt. Er schreibt über seine Leiden als Soldat und als Gefangener, die Frage aber, wie es zum Krieg gekommen war und was man von der Ausrottung der Juden und von den KZs zu halten habe, berührt Borchert nicht. Als Soldat sieht er in Weimar einen "Marsch von KZ-Häftlingen"; doch das eigene Künstler-Schicksal ist ihm unfassbar näher: "(...) im Augenblick tötet die brutal aufgezwungene Welt des Zwanges und der Uniform-Einform alles Schöne, alle Kunst in mir (...)". Vor so viel egozentrischer Verkennung ekelt es mich.
Stilistisch entwickelt Borchert sich zum Neoexpressionisten, aber weiterhin ist zu konstatieren, dass er Typen statt Individualitäten schildert und sein „pennälerhaftafter Pathos“ und „Sentimentalität“ noch immer nicht abgelegt hat. Dann erkrankt Borchert schwer. Wie er zunächst auch die Krankheit - zumindest in Äußerungen gegenüber Dritten – unverzagt auf die leichte Schulter nimmt, ist erstaunlich:
„Aber ich gebe mir Mühe, geduldig zu sein wie ein Kirchenheiliger, dem man die Fingernägel absengelt und der mit seiner Engelsgeduld Gott einen Gefallen tun will. (Was müssen Engel für Leute gewesen sei! Und Gott erst ---)!“ (Diese Äußerung lässt mich ein wenig an Arno Schmidt denken, der literarisch ein ganz anderes Schwergeweicht ist. Aber wie Schmidt thematisiert auch Borchert, wie häufig es Menschen nach dem Krieg unmöglich ist, zueinander zu finden und beieinander zu bleiben.)
Schließlich aber drängt sich die Gewissheit auf, dass die Lebererkrankung tödlich enden wird und Borchert nicht mehr viel Zeit bleibt. Innerhalb kurzer Zeit schreibt er den Text, der ihm Weltruhm einbringt: DRAUSSEN VOR DER TÜR. Neben der Begeisterung gibt es vereinzelt auch Kritik, und Borcherts Erwiderung auf einen Brief von Cordes 1947 ist hoch interessant:
„Verstehen Sie die Opposition und den Zweifel an der Väter- und Studienratsgeneration? Diese Studienräte kamen aus einem bitteren Krieg – was taten sie? Sie erzählten ihren Kindern Heldentaten, veranstalteten Heldengedenktage, dichteten Kriegsbücher – und diese Generation konnte dann natürlich (in allen Ländern!) den zweiten Krieg nicht verhindern. Sie wurden Bataillonskommandeure, beteten nach dem Gottesdienst um Schutz für Hitler und sie wurden Kriegsgerichtsräte. Die wenigen, die warnten, starben oder mußten Migranten werden. Die Indolenten aber ließen es zu, daß wir, ihre Söhne, in die Hölle hineinstolzierten, und keiner von ihnen sagte uns : Ihr geht in die Hölle! Es hieß: Mach´s gut! und: für´s Vaterland! (Für Deutschland, für Frankreich, für Amerika!) Und nun? Nun sitzen eben diese Studienräte wieder hinter ihren Kathedern und beklagen das mangelnde Vertrauen und die Respektlosigkeit der Jugend!!! Soviel zu der „Generation ohne Bindung“ an das Gewesene.“
Auch wenn der jugendliche Nihilismus weltweit auf Anerkennung stößt, ist es für mich als heutiger Leser schwer verdaulich, dass Borchert nicht unterscheidet zwischen den deutschen Soldaten, die für Hitler die ganze Welt erobern wollten, und den Soldaten, die ihr Land und die Demokratie verteidigen mussten. Die Erfahrung im Schützengraben ist die nämliche, aber lässt sich die moralische Verantwortlichkeit ausblenden? Eben diese Verantwortung will Beckmann einfach zurückgeben an seinen Vorgesetzten:
„Diese Äußerungen nun sind vom Sozialpsychologischen her so interessant, weil sie die Voraussetzungen von akuter Wirkkraft und späterem Ruhm klären helfen. Von vornherein also begrenzt Borchert seine Position nicht auf den individuellen Erlebnisbereich, spricht nicht vom „gezeichneten Ich“ und nicht von den Widrigkeiten eines verstockten Individualisten in einem Lemming-Kollektiv, sondern von einer tragisch-schmerzlichen Gruppenerfahrung, der Erfahrung einer „verratenen Generation“. Und gerade daß er diese, daß er ganz pauschal die Jugend von allen Vorwürfen ausnahm und von aller Schuld entlastete, gab ja der potentiellen Popularität die fruchtbarste Vorgabe – zu einer Zeit, als Schuld, Unschuld, Kollektivschuld die Kernthemen des täglichen Disputs waren.“
Dass die deutschen Kriegsheimkehrer sich in dieser Mischung aus Larmoyanz und Opfer-Pathos erkennen mochten, kann ich nachvollziehen. Warum DRAUSSEN VOR DER TÜR aber fast weltweit für Furore sorgte, bleibt mir erstaunlich. Sollte das Drama gar ein existentialistischer Wegbereiter sein?
Es ist Rühmkorf gelungen, mir den Menschen und Literaten Borchert interessant zu machen. Die Bio ist hervorragend geschrieben und verdient aus diesen Gründen, empfohlen zu werden. Meine Sympathien halten sich allerdings weiterhin in sehr engen Grenzen und ich glaube nicht, dass ich in absehbarer Zeit zum (einbändigen) Gesamtwerk greifen werde, das irgendwo in zweiter Reihe eingestaubt steht. Obwohl: sprachlich funkelt es im „Spätwerk“ von Borchert nicht unbeträchtlich …
Wolfang Borchert ist eine Person von der ich der festen Überzeugung bin, das ich sie nicht hätte leiden können wenn ich ihn persönlich gekannt hätte. Er war sehr unselbstständig und gleichzeitig voller Selbstüberschätzung, hielt sich für ein Genie.
Ich habe sein Werk Draußen vor der Tür über die Jahre mehrmals gelesen. Es ist eines meiner Liebsten Theaterstücke und wird es auch bleiben.
Das Buch ist gut geschrieben, man kommt gut durch und die autobiografischen Bezühe werden auch im Blick auf die psychologische Komponente gut herausgearbeitet.