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Literaturkritik: Grundsätzliches zum Geleit, Radiosendungen, Buchkritiken, Kritiken, Aufsätze, Portr

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Eckhard Henscheid

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Profile Image for Klaus Mattes.
858 reviews18 followers
February 16, 2025
Ich besitze sie alle (nein, gelogen, den ersten nicht), die neun Ganzleinenbände der Werkausgabe, ein herstellungstechnisch so was vom Feinstem, was man sich je nur wünschen konnte. So 2002 ff. bei Zweitausendeins erschienen, damals je Band für in etwa 25 €, später mehrstufig und letztlich gnadenlos verramscht, nachdem die Gesamtausgabe sowieso schon ohne einen zehnten, geplanten Band erschienen war. Das allmähliche Zerfallen der Laden- und Remittendenversand-Kette Zweitausendeins war ab dem raschen Einbrechen des CD-Markts und dem wohl vergeblichen Versuch, es mit sehr vielen Kinoklassikern auf DVDs aufzufangen, für ein paar Jahre offenbar dann absehbar gewesen. Inzwischen gibt es das alte 2001 schon länger nicht mehr. Wie das vergleichbare Kunstkataloge-Recycling Unternehmen Frölich und Kaufmann ist es zu einer Unterabteilung der Hamburger Verlagsgruppe Ganske („Der Feinschmecker“, „BMW Magazin“, Polyglott, DTV) geworden. (Der Literatur-Kritik-Band war von 2007 und erfasste Texte bis 2004.)

Es dürfte nicht eben selten vorkommen, dass sich alternde Männer ihre eigenen literarischen Jugend-Heroen unbedingt noch mal kaufen und irgendwann sogar auch alles wiederlesen müssen, besonders wenn man es als wunderschönen, strapazierfähigen Leinenband bekommt. (Und erst recht, wenn dann so billig im Ramsch, wenn auf einer Seite auch „Mängelexemplar“ an den Buchblock gestempelt sein mag.) Einfach alles vom meist recht kauzigen und unabhängigen Radikal-Polemiker aus der Oberpfalz glaubte ich haben und sichern zu müssen. Bis zum Tode. Nach meinem Tod wird er nicht mehr - seinen Verdiensten gemäß - geschätzt werden. Man wird ihn für ein ehemaliges Idol selbstgefälliger grüner Boomer halten, die zu viel Bier tranken und zu viel Fleisch aßen. Zu viel Goethe lasen, zu viel Verdi hörten. Und so weiter.

Aber immer, wenn ich mal anfing, in Henscheids Buch mit den alten, herrlich unverschämten Invektiven gegen christlich-sozialdemokratischen Feuilleton-Harmonie der Kohl-Jahre zu lesen, wenn dann Henscheid Heinrich Böll, Hans Küng, Luise Rinser, Barbara Rütting, Gerhard Zwerenz, Alois Zwick, Edmund Stoiber, Peter Härtling, Hanns Dieter Hüsch, Alice Schwarzer, Hermann Burger, Marcel Reich-Ranicki, Fritz J. Raddatz, Björn Engholm, Gertrud Höhler und all die anderen zerfetzte, zersägte, zerserbelte, blieb ich nach zwei, drei Happen und unter zehn geschafften Seiten (von Aberhunderten, so 800 rund) stecken. Der Aktualitätsstoff war eben nicht mehr aktuell und schon auch nicht mehr wichtig. Dafür traten die unvermeidbaren Ticks und Manierismen Eckhard Henscheids immer öfter, selbstgefälliger, störender zu Tage. Ich weiß noch, dass ich das einstens für himmlisch, tolldreist genial, absolut einmalig in Deutschland gehalten habe.

Jetzt war es oft etwas nervtötend. Henscheids Steckenpferde, Idiosynkrasien, Manierismen, Wiederholungen, Obsoletheiten. Italo Svevo, Kafka, Dostojewski, Eichendorff, Nabokov, Schach, Katzen, Kritische Theorie und Frankfurter Schule, Fußball und Club Nürnberg und Eintracht Frankfurt, katholische Predigten und Falsche-Fuffziger-Priester, fränkische Landschaftssagen und Provinzzeitungsunfallmeldungen, die gottesnahe CSU, immer wieder der Reich-Ranicki und die FAZ und die Zeit. Immer wieder Dr. Hesse Unseld und die Suhrkamp-Taschenbuch-Selbstverständigungs-Kultur. Immer wieder innig wimmernde Frauen-Literatinnen-Stimminnen wie Christa Wolf und Ulla Hahn und Sarah Kirsch und Rainer Kirsch aus CSU-Bayern.

Fritz J. Raddatz! An Ihrem Böll-Nachruf fiel uns besonders auf und ins Gewicht, daß Bölls „Werk förmlich durchsotten (sei) von Sätzen wie“ usw. So. Sind Sie da ganz sicher, Raddatz, daß ein Prosawerk von Sätzen, „durchsotten“ sein kann? Ganz - sicher? Oder wollten Sie evtl. grad zu einem ausgreifenden barock-gargantuesken Essay über die neue Freßkultur in den Pyrenäen fürs „Zeit-Magazin“ ansetzen - und der Böll-Nachruf kam Ihnen plötzlich dazwischen? Nein? Sondern Sie sind ganz sicher, daß Bölls Werk von Sätzen förmlich, also irgendwie buchstäblich „durchsotten“ -- ja? Ja? Na, dann ist’s ja gut.

So kam es, dass ich dieses Buch gut zehn Jahre vorher zu lesen angefangen hatte, wie ich im Jahr 2024 irgendwann, als ich es ins Regal versorgte, feststellen konnte, trotz allem doch noch vollständig bis auf den letzten Satz durchgelesen hatte. Dann schaute ich auf meine nebeneinander im Regal stehenden neun hellen Werkausgabe Bände und die zwei ebenfalls hellen von Schöffling und Co. gleich daneben, „Denkwürdigkeiten aus meinem Leben“ und „Die Vollidioten“ (deren alte 2001-Ausgabe hatte ich irgendwann im Leben zwischendrin mal weg gespendet) und fand: Wunderbar, solche Schätze haben zu dürfen! Wenn man es nicht unbedingt gleich lesen muss.
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