Elisabeth Götte, Deutschlehrerin, wirft das Handtuch. Sie verläßt ihre Schule, ihr Land, ihre Sprache und folgt einer Einladung nach Cambridge. Sie wird freundlich empfangen, fühlt sich rasch heimisch in der anderen Sprache, bis sie allmählich bemerkt, daß sie nichts versteht. Bleibt sie eine Fremde in dieser Sprache, in dieser Welt?
Ruth Rehmann (June 1, 1922 – January 29, 2016) was a German writer.
Rehmann was born in Siegburg, the daughter of a local pastor. She studied in Hamburg with the aim of becoming a translator; and then she studied art history, German literature and music. During the 1950s, she worked as a violinist, as a teacher[3] and as a press secretary at the American and Indian embassies. In 1983, Rehmann ran as a Green Party candidate for a seat in the Bundestag.
In 1959, Rehmann published her first novel Illusions (Illusionen). She had attracted much attention when she read a chapter from that book at the Group 47 conference in 1958. Her second novel The People in the Valley (Die Leute im Tal) won first prize in a literature contest. Later novels include:
The Man in the Pulpit (Der Mann auf der Kanzel) (1979)
Farewell from the master class (Abschied von der Meisterklasse) (1985)
The Woman from Schwaig Farm (Die Schwaigerin) (1987)
She has also written several radio plays and some short stories.
Nach Abschied von der Meisterklasse ist FREMD IN CAMBRIDGE das zweite Buch von Ruth Rehmann, das ich gelesen habe. Es sind Bücher einer Autorin, auf die ich zufällig Anfang des Jahres aufmerksam geworden bin durch einen Beitrag in Das Jahr 1959 in der deutschsprachigen Literaturund die sehr viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätten, als ihnen zuteil wird (jedenfalls, wenn man zugrunde legt, dass es bei Goodreads kaum Bewertungen oder gar Rezensionen gibt).
Wie schon in ABSCHIED geht es auch in diesem Roman neben der durchaus interessanten Handlung wesentlich um das, was nicht gesagt, was verschwiegen wird. Darüber hinaus bewegt Ruth Rehmann hier die Frage, was Sprache leisten kann, was mitteilbar ist und wo Grenzen liegen.
Die Lehrerin Elisabeth Götte flieht nach einem Vorkommnis in der Schule nach Cambridge, wo sie eine Einladung von einem flüchtigen Bekannten bekommen hat. Sie verbringt Tage und Wochen bei der akademischen Gastfamilie und ihr wird immer bewusster, dass ihr gutes Schulenglisch nicht ausreicht, um sich wirklich mitteilen und integrieren zu können. Decorum und Eigenheiten im Sprachgebrauch sind zu unterschiedlich, zudem weist in England die Sprache in sehr viel stärkerem Maße als in Deutschland Herkunft und Klassenzugehörigkeit eines Menschen aus. Oberflächlich mag sich Elisabeth mit Jeremy und seinen Eltern verständigen können, verstehen im weitere Sinne kann sie sie nicht. Da wird es nicht von ungefähr kommen, dass Elisabeth die Lektüre von Wittgensteins Tractatus Logico-Philosophicus wieder aufnehmen will und sich in Monks Biografie Wittgenstein. Das Handwerk des Genies. vertieft. Aber die Grenzen der Sprache hat Elisabeth schon in Deutschland zu spüren bekommen, als sie mit ihren Schülern ein Stück von Max Frisch auf die Bühne bringen wollte: Obwohl sie bei den Schülern sehr beliebt ist und im Ruf steht, eine Musterpädagogin zu sein, haben die Schüler nicht die Transferleistung vollzogen, den Humanismus des Stückes in den Schulalltag zu überführen, oder anders gesagt: aus der Ästhetik eine Ethik abzuleiten. Stattdessen wurde ein Schüler von seinen Mitschülern gemobbt, und eben das war die Ursache für Elisabeths Flucht nach England.
Hier, in Cambridge, erhofft Elisabeth das gelobte Land zu finden und idealisiert den Universitätsbetrieb, ohne tatsächlich Einblick zu haben, was hinter den Kulissen geschieht. Anlass genug gäbe es, stutzig zu werden, aber Elisabeth bleibt widerständig und lebt in ihrer Selfmade-World. Unbeirrt verfolgt sie ihr Ziel: "(...) einen Ort erfahren zwischen eurer und meiner Sprache."
Als sich schließlich die Situation zuspitzt, kommt es zum (buchstäblichen) Bruch, doch damit ist der Roman noch nicht ganz am Ende, im Gegenteil. Auf den letzten 20 Seiten gibt es einen Perspektivwechsel und was der Leser von Anfang an vermutet haben mag, trifft ein: Elisabeth ist eine ausgesprochen unzuverlässigere Erzählerin und alles, was wir bis hierher gelesen haben, stellt sich als ein von ihr in der dritten Person verfasster Bericht heraus. Ging es bisher um Grenzen und Möglichkeiten der Sprache, kommen nun Intention und Manipulation hinzu. Eine späte Erkenntnis des Leser lautet: Vieles ist nicht so, wie es schien (oder, wie David Lynch es sage: The owls are not what they seem).
Trotz aller Betrachtungen zum Thema Sprache ist FREMD IN CAMBRIDGE ein unterhaltsamer und gut lesbarer Roman, dessen Stärke es ist, dass die Hauptfigur einerseits immer wieder sympathisch ist und zur Identifikation einlädt, andererseits den Leser an der Nase herumführt und die Menschen in ihrem Umfeld übel manipuliert und benutzt. Nichts ist hier ganz einfach, aber eines ist trotzdem klar: Dieser kurze Roman ist "einfach" Klasse und unbedingt lesenswert.
(Für die ungemein hilfreichen Hinweise in den Kommentaren über die aktuelle "Sprachsituation" an den englischen Eliteuniversitäten sei Freund Mark Hebwood noch einmal bedankt)