Ich weiss gar nicht, ob ich schon mal ein Buch von Bichsel gelesen habe. Was ich weiss, ist, dass wir damals in der Schule eine Geschichte von ihm gelesen haben. Aber wenn 15-Jährige einen Text über einen 65 Jahre alten Pensionär lesen, dann kommt das nicht gut. Wahrscheinlich habe ich Bichsel daher fast 20 Jahre lang gemeidet...
Aber dann ergab es sich einfach so, dass ich zu diesem Buch kam. Manchmal nimmt das Leseschicksal einen komischen Verlauf. Ich war darauf gefasst, die Geschichte fürchterlich zu finden, bin ich doch jahrelang mit der Meinung herumgelaufen, dieser Autor sei nichts für mich.
Ob er wirklich etwas für mich ist, kann ich nach einem Werk natürlich noch nicht beurteilen, aber auf jeden Fall kann ich aussagen, dass mir dieses Buch sehr zugesagt hat. Als ich damit anfing, hatte ich keine Ahnung, worum es überhaupt geht. Ich begann einfach zu lesen.
Und es dauerte nicht lange, bis mich die Handlung völlig im Griff hatte. Und das, obwohl eigentlich nicht viel passiert. Eigentlich gar nichts Grosses. Es wird vom Leben des Cherubin Hammer erzählt. Der funktioniert zwar ein bisschen anders als der Durchschnittsbürger, aber ist eigentlich ein fast unscheinbarer Geselle.
Dennoch nimmt Cherubin einen sofort für sich ein. Man ist sofort drin in dieser Erzählsprache, die uns davon berichtet, wie Cherubin täglich einen Stein auf den Berg trägt. Weshalb? Keine Ahnung. Er tut es einfach. Wie er eine Familie gründet. Einfach, weil es halt passiert. Cherubin ist sehr passiv, ruhig, zurückhaltend.
Aber da gibt es eben noch einen anderen Cherubin. Jener, aus den Fussnoten. Ein lauter, extrovertierter Typ, der lachend durch die Bars streift und auch schon mal im Gefängnis landet. Welcher ist der echte, der wahre Cherubin? Wer weiss. Wahrscheinlich beide. Oder keiner.
Auf jeden Fall hat mich dieses Buch in sich hineingezogen, fasziniert und meine Vorurteile völlig über den Haufen geschmissen. Scheinbar bin ich nun alt genug, um Peter Bichsel nicht nur zu lesen, sondern auch zu schätzen.
Mal sehen, wann ich ein weiteres Werk von ihm Schicksal zugeschaufelt bekomme, und was ich dann darüber denken werde. Ich bin gespannt und neugierig. Erzwingen will ich nichts, genauso wie die Lektüre von Cherubin nicht erzwungen war, sondern dann auf mich zukam, als es an der Zeit war.