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Eugen Ruge: Metropol > Totentanz Kapitel 3-5

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message 1: by Babette (last edited Oct 06, 2020 08:54AM) (new)

Babette Ernst | 764 comments bis 18.10.
3 Tag der Verfassung
4 Moral
5 Totentanz (S. 396)


message 2: by Babette (new)

Babette Ernst | 764 comments Oh, diese drei Kapitel haben es noch mal in sich. Die starke Hilde, die sich von Folter nicht unterkriegen lassen will, beeindruckt mich stark. Mit Galgenhumor ("Artikel 119. Die Bürger der UdSSR haben ein Recht auf Erholung") versucht sie durchzuhalten, gleichzeitig wird durch wenige Sätze so viel des menschenverachtenden Justizwesens deutlich, das es die Sprache verschlägt.

Ulrich in seiner Mittelmäßigkeit ist eine ebenso glaubwürdige Figur. Dass er Hildes Urteil in einem Anflug von Angst, seine wahre Herkunft und Ausbildung könnte bekannt werden, unterschreibt, scheint logisch. Wahrscheinlich ist es auch seine Mittelmäßigkeit und Unauffälligkeit, die ihn die Zeit des Terrors überleben ließ. Viele, die mit Stalin feierten, die sich durch Eifer hervortaten, überlebten nicht. Pervers klingt der Wettbewerb um die meisten unterschriebenen Todesurteile am Tag bzw je Stunde, aber was in diesem Buch klingt "normal"? Wenn man mit so viel Tod konfrontiert wird und in keiner Weise versteht, was eigentlich vor sich geht, wie Ulrich selbst zugibt, kann man wohl nicht mehr emotional beteiligt sein, wenn irgendwer (hier ein Taxifahrer) um Hilfe für einen Angehörigen bittet. Aber immerhin muss er sein Nichtstun noch vor sich selbst entschuldigen. Diese ganze Rechtfertigungsszene, in der Ulrich seine Schwäche, die sich gerade auch bei der Frau am Nachmittag gezeigt hatte, in Moral umdeutet, um dann flott weitere Urteile zu unterschreiben, finde ich genial. So ist Ulrich kein Monster, sondern eine Person, die uns näher kommt, die fragen lässt: "wie hätte ich mich verhalten?" Dazu muss man sich vorstellen, welche Chance er erhielt, als er, der kleine Kaufmann aus Riga, zum obersten Richter der Sowjetunion geworden ist. An welcher Stelle hätte man selbst Gewissensbisse bekommen und was wäre dann geworden?

Stalins Toast vom 7. November sagt noch etwas aus, das in der Sowjetunion üblich war und heute in einigen muslimischen Ländern noch immer üblich ist: Sippenhaft ("Auf die Vernichtung aller Feinde, bis zum Letzten, auf die Vernichtung der Feinde und ihrer Sippschaft.") Das kam in Haratischwilis Buch ebenso zum Ausdruck. In Georgien (Russland sicher auch) hatte die Familie und die Familienehre einen hohen Stellenwert, so war es logisch, dass die gesamte Familie untergehen musste, wenn einer sie entehrt hatte. Das konnte im Westen zu der Zeit schon keiner mehr begreifen.

Der Schluss des Romans, mit den Verhaftungen ringsum Charlotte und Wilhelm, die Angst, die ständig kreisenden Gedanken um die eigene Schuld und das Rattensymbol waren noch einmal absolut gelungen. Ich bin sehr begeistert von dem Buch.


message 3: by Frank (new)

Frank (cromus) | 504 comments Stimme zu. Ist auch literarisch gut gemacht. Spannend, glaubhaft, mit differenzierten Charakteren und Symbolen an den Stellen, wo der Autor nicht sagen will, was wir denken sollen. Ein bisschen kam mir die Idee, Charlotte und Wilhelm werden "wie Ratten" (als Menschen wurden sie ja kaum noch gesehen) das "sinkende Schiff" verlassen. Dass solche Typen wie Ulrich, dabei ist die Frage, an welcher Stelle unsereins wohl die Notbremse gezogen hätte (hätte ich?) absolut berechtigt, keine Zukunft haben, macht doch Hoffnung. Sie sind zwar angepasst, aber eben "im wirklichen Leben" impotent. ;-) Gut, dass der Roman den Leser darüber nachdenken lässt, dass Ruge am Ende Spielraum zu eigenen Gedanken eröffnet - wie Haratischwili. Der dezente (?) Hinweis darauf, dass immerhin auch Ostdeutsche in dieser Sache kompetent sein könnten, wird mit dem Schicksal Hedelers ins Bild gesetzt. Eigentlich ist das für den Roman nicht nötig, zeigt aber Ruges Stellung zu seinen benachteiligten "Landsleuten mit staatsnaher Vergangenheit" (und falscher Parteimitgliedschaft). Ich musste dabei an einen deutschen Botschafter in Kiew denken, der immer wieder mit mir über die Berechtigung streiten wollte, mit der man die DDR- Puschkin- Gesellschaft aufgelöst hat. (Ich war da mal kurzzeitig vom Kulturbund beauftragter Sekretär.) Er selbst stand der westdeutschen Puschkin- Gesellschaft vor, die sich zu Zeiten des Kalten Krieges selbstverständlich um Zusammenarbeit mit den DDR- Kollegen bemüht hatte. Nun waren die ausgeschaltet und die westdeutsche Gesellschaft hatte keinen Zugang mehr zu russischen Archiven, zu Konferenz- Veranstaltern usw. Es sei alles so bürokratisch und undurchsichtig, beschwerte sich der Botschafter. Stimmt. Aber ein Anruf von Prof. Kasper hätte der Gesellschaft alle Türen geöffnet, schließlich hatte der ja mit den russischen Kollegen zusammen studiert. Musste man ihn als Rektor der PH Leipzig entlassen? Vielleicht. War er als Professor untragbar? Vielleicht. Aber musste er auch noch aus seinem "Hobby" verdrängt und vollständig marginalisiert werden? Da ist es nur Recht, wenn nun seinen Nachfolgern nichts mehr gelingt. Aber das ist wieder nur eine persönliche Randbemerkung, weil ich es nobel fand, dass der anerkannte Autor die jüngeren Kollegen seines Vaters ;-) nicht nur ausnutzt, sondern auch ihre Rehabilitierung versucht bzw. überhaupt auf sie aufmerksam macht. Im Dreißigsten Jahr nach der Wende ist es angemessen daran zu erinnern, dass absolute Spezialisten im deutschen Hochschulwesen immer noch ignoriert werden und keine Stelle bekommen. Ihnen fehlt einfach die Lobby. Deshalb Dank an Ruge.


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