Osteuropa-Literatur discussion

6 views
Eugen Ruge: Metropol > Totentanz Kapitel 1-2

Comments Showing 1-8 of 8 (8 new)    post a comment »
dateDown arrow    newest »

message 1: by Babette (last edited Oct 06, 2020 08:54AM) (new)

Babette Ernst | 773 comments bis 15.10.
1 Fieber
2 Verhör (S. 353)


message 2: by Babette (new)

Babette Ernst | 773 comments Zwei ganz intensive Kapitel über Schuld und Rechtfertigung. Zuerst Hilde, die sich eingesteht, bereits für die Revolution getötet zu haben und die Parteisäuberung gut zu finden, dann aber meint, das Verfahren zu durchschauen, dass Massenverhaftungen nur inszeniert werden. Wie so viele, denkt sie, dass Stalin nicht weiß was vorfällt. Ziemlich tragisch.

Charlottes Denken ist anders. Zwar beruhigt sie Wilhelms Aussage "Uns kann nichts passieren, denn wir haben nichts getan.", aber dann gehen ihre Gedanken zu einer Art Beichte über, was einerseits aus ihrem religiösen Elternhaus und überhaupt der häuslichen Situation herrührt und anderseits wieder verdeutlicht, wie sehr sich der Stalinismus und dogmatische Religion ähneln.

Um den Stalinismus zu rechtfertigen, führt Charlotte die Verwandlung von einem rückständigen Land in ein Industrieland an und das stimmt natürlich, denn ohne die Diktatur wäre dieser Prozess kaum in so kurzer Zeit möglich gewesen.


message 3: by Frank (new)

Frank (cromus) | 507 comments Das passt gar nicht in mein "Weltbild", was du zu Recht von Hilde sagst. ;-) Oder? Doch! Hilde ist ja gar keine Deutsche, sondern Litauerin (oder Lettin?). Als solche ist sie zwar mit der Aufklärung vertraut, man sagt nicht umsonst, dass die baltischen National- Bewegungen unter Preußens Dach groß geworden sind, da ihnen in Ostpreußen (Königsberg!) eine intellektuelle Heimat gegeben wurde, um die Machtverhältnisse in den Nachbarregionen zu destabilisieren, aber gleichzeitig kennt sie die russischen Märchen und hat Teil an der Mentalität der Herren ihrer Heimat. Und im Märchen heißt es immer, dass "Väterchen" gut ist, nichts weiß; nur seine Minister sind böse! Das passt also doch. Verwirrender wäre, wenn solche Gedanken von Wilhelm oder Charlotte gekommen wären. Die findet immerhin über die Religion Anknüpfungspunkte. Dazu habe ich meine Meinung ja schon geschrieben. Ja, Stalinismus und (orthodoxe) Religiosität haben wirklich viel gemeinsam. In diesem Sinne muss ich doch Swetlana Alexijewitsch empfehlen. "Tschernobyl" ist keine Festtags- Lektüre, aber eine, die gut beschreibt, wie "der Sowjetmensch" sich selber sieht und denkt. (Ich lese das und sehe mich wieder im Kreise meiner ukrainischen Kolleginnen und Kollegen und muss darüber nachdenken, was das für ein Kompliment war, als sie von mir sagten: DU bist einer von uns, du bist "nasch Tschelowiek".) Jedenfalls ist dieses Denken quasi die andere Seite des Denkens von Charlotte und Wilhelm (und irgendwo doch auch dem von Hilde). Bei Alexijewitsch lernt man allerdings verstehen, welche Defizite die enorme Beschleunigung, das versuchte Überspringen einer ganzen Entwicklungsetappe (der bürgerlichen!) gehabt hat. Wenn man liest, wie gottesfürchtig und traditionsverwurzelt die Menschen in der "Zone" dachten und sich mit Gottvertrauen über die Weisungen und Warnungen der Wissenschaftler hinweg setzten, dann glaubt man kaum, dass von derselben Nation die Rede ist, die auf Juri Gagarin stolz war und - eben - Atomraketen und -kraftwerke gebaut hat... Da ist viel Unbewältigtes liegen geblieben. - Aber ich schreibe schon wieder über andere Bücher. :-( Mir wird bei Ruge immer die beklemmende Situation im Gedächtnis bleiben, in der Hilde "fieberhaft" über ihr Schicksal nachdenkt. Und ich kann wieder Schillers geniale Vorahnung aus "Naive und sentimentalische Dichtkunst" zitieren: "Konsequenter Idealism ist Terrorism." Das trifft auf Wilhelm und Hilde und die anderen von der OMS zweifellos zu. Literaturtheoretisch gesehen ist ihr Untergang also folgerichtig. Immerhin lässt auch Schiller seinen "edlen Räuber" Moor sterben, denn für solche Menschen ist kein Platz in einem humanistischen Weltbild. Und doch: Dass wir das bedauern können zeigt, wie sehr Ruge wirklicher Tragik auf der Spur ist. "Metropol" ist eine (Gedanken)Tragödie, wo "Die Räuber" eine der dramatischen Handlung ist.


message 4: by Nina (new)

Nina (ninette42) | 63 comments So, nun habe ich Euch wieder eingeholt. Sehr berührend finde ich ebenfalls die Innenschauen von Hilde und Charlotte, wobei die verschiedenen Wesen und Leben der beiden noch einmal richtig deutlich hervortreten. Charlotte erklärt sich immer noch sehr viel mit ihrer Kindheit und der Rolle, die man ihr zugewiesen hat und die sie eigentlich auch als Erwachsene noch annimmt, während Hilde die Kämpferin bleibt und sich bis zum Schluss eigentlich keine persönlichen Gedanken oder Selbstmitleid erlaubt. Sprachlich führt Ruge uns sehr nah an die beiden und mit den beiden. Der Richter bleibt die jämmerliche Figur von Beginn des Buches. Helft mir bitte noch einmal auf die Sprünge. Weshalb soll die OMS ausgeschaltet werden und wieso bekam Charlotte die Anstellung im Verlag?Und weshalb verharren Wilhelm und Charlotte so lange Zeit im Metropol ohne ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen? Das ist mir irgendwie entgangen. Spannend, wie sich Geschichte, Familiengeschichte und Roman in diesem Werk begegnen. Dank Euch auch noch einmal viel deutlicher für mich.


message 5: by Frank (new)

Frank (cromus) | 507 comments Die erste Frage ist einfach zu beantworten: Das OMS sollte ausgeschaltet werden, weil Stalin endgültig den "Aufbau des Sozialismus in einem Land" zur Parole erhoben hatte. Das OMS stammte noch aus einer Zeit, als Trotzki mit Lenin davon ausging, dass die russische Revolution keine Chance hat, wenn ihr nicht entwickelte Länder wie Deutschland, Frankreich, England usw. folgen. Das war ja die Idee von Marx, dass der Kommunismus entweder weltweit, oder gar nicht verwirklichbar ist. (Er hat Recht behalten!) Also arbeitete das OMS quasi für die Weltrevolution, was früher gut war, nach der neuen "Theorie" Stalins aber als FALSCHE Idee Trotzkis und also als Trotzkismus galt. Und Trotzkisten waren eben auszuschalten. DAS haben weder Hilde noch Wilhelm in aller Klarheit begriffen, weswegen sie die Gefahr lange nicht sehen konnten. Warum Charlotte die Stelle im Verlag bekam? Schwierige Frage, weil im Buch nicht erklärt: Vielleicht, weil der Chef da so geil auf hübsche Frauen war? Ruge weiß es selbst nicht und lässt also auch Charlotte darüber meditieren, ohne dass sie zu einem befriedigenden Schluss kommt. Die letzte Frage ist schwer zu beantworten, wenn man sie aus "westlicher Perspektive" (Reisefreiheit, Unschuldsvermutung, jeder ist seines Glückes Schmied usw.) stellt. Wechsele die Perspektive und denke dir einen sowjetbürokratischen absoluten Überwachungs- Stalinismus: Wie hätten Hilde oder Charlotte oder Wilhelm ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen sollen? Was wären "eigene Hände" gewesen? Wilhelm kann nicht mal Russisch und ohne "propusk" (Genehmigung) hätten sie sich nicht einmal zur Produktionsarbeit melden können. Es war eben alles verwaltet. (Kafka lässt grüßen!) Hilde oder Wilhelm hätten "jemanden kennen" müssen, um "Protektion" nachsuchen müssen. Aber bei wem? Alle, die sie kannten (sie lebten ja konspirativ), waren vom OMS oder von der KOMINTERN (dieselbe Problematik) und hatten selbst Probleme mit dem (politischen oder physischen) Überleben. Da gab es nichts, was man "selbst" machen konnte (außer Selbstmord). Man versteht, woher die lethargische Passivität des sog. "Sowjetmenschen" kommt... Die beliebtesten Wendungen im Russischen sind "Da kann man sowieso nichts ändern" und "Alles wird gut". Sprachlich interessant ist die Grammatik: Wer ist MAN? Niemals "man selbst", also ICH. Und ES wird alles gut. Was? Das ist so wie die "unsichtbare Hand des Marktes" oder eben die Fügung Gottes. Man fühlt sich immer (bis heute) ausgeliefert und das war man damals wirklich ABSOLUT. Diese Tragik hat eine Dimension, die sich im Westen sozialisierte Menschen immer nur sehr sehr schwer vorstellen können. Deshalb haben Bücher über diese Thematik auch die Wucht antiker Tragödien, was sie bei Kafka nie hätte haben können. Da sind die "Prozesse" nur absurd oder wie bei Thomas Mann "ironisch" gebrochen oder einfach nur lächerlich. Aber in der UdSSR der 30er Jahre war wirklich gar nichts zu machen! Es kam auf den einzelnen Menschen nicht einmal an. Vor dem Gott Stalin waren die anderen weniger als Ameisen. Vielleicht konnte man da sogar weniger tun als man gegen den Faschismus tun konnte, wo individueller Widerstand immerhin denkbar war und auch stattgefunden hat... Ich weiß nicht, ob ich das habe verständlich machen können. Ich hoffe es. ;-) Jedenfalls gut, dass du fragst. Siehe Brecht: Nicht nur dem Lao-tse, der seine Weisheiten aufschrieb, sei gedankt, sondern auch dem Zöllner, "denn der hat sie ihm abverlangt". ;-) Ich will nicht sagen, ich sei Lao-tse, aber ich hoffe doch, ich konnte helfen.


message 6: by Babette (new)

Babette Ernst | 773 comments Ich habe erstmal abgewartet, ob du es erklärst Frank, weil ich deine Erklärung für fundierter hielt,freue mich aber, mit meinen Gedanken ähnlich gelegen zu haben.
Vielleicht kommt noch hinzu, dass Stalin einen Verfolgungswahn entwickelte, der sich vor allem auf Gebildete und anders Sozialisierte bezog.
Spätestens im nächsten Abschnitt wird durch Ulrich klar, dass es irgendwann nur noch Zufall war, wer diese Zeit überlebte und wer nicht.


message 7: by Frank (new)

Frank (cromus) | 507 comments Die psychologische Komponente ist seit Isaac Deutscher en vogue. Ich will sie gar nicht bestreiten, aber ich glaube, die hohe Wertschätzung dieser "Erklärung" beruht darauf, dass man sich dann weniger mit dem "System" beschäftigen muss. Von Hitler sagt man ja Ähnliches. Wahrscheinlich trifft das zu, wenn es um die Juden geht (obwohl ich auch dort bei Stalin eher tief sitzende Vorbehalte aus seiner Zeit als Priester- Seminarist vermute). Seine Paranoia betraf eher die Angst um die unmittelbar eigene Person. Aber was sagt das schon? Psychische Eigenschaften sind ja vom Menschen und seinem Handeln nicht zu trennen. Irgendwie ist es also sicher auch dieser Wahn! Ansonsten, na ja, wir sind eben gleich sozialisiert und haben das eine oder andere doch schon gehört. ;-)


message 8: by Nina (new)

Nina (ninette42) | 63 comments Guten Morgen, Ihr beiden, vielen Dank für die Erklärungen. Ich hatte auch in diese Richtung vermutet, war mir allerdings sehr unsicher, da es für mich tatsächlich sehr schwer vorstellbar ist, dass es so gut wie keinen individuellen Handlungsspielraum gibt. Nicht wirklich hilfreich ist dabei auch meine mangelnde Kenntnis der osteuropäischen Geschichte. Das ist mir jetzt in jeder Leserunde mit Euch aufgefallen und eine Sache, die ich jetzt doch mal in Angriff nehmen sollte. Vielen Dank: )!


back to top