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Eugen Ruge: Metropol > Die Sonne, die uns trügt Kapitel 6-9

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message 1: by Babette (last edited Oct 06, 2020 08:52AM) (new)

Babette Ernst | 775 comments bis 11.10.
6 Talon-Esser
7 Erhoffte Wendung
8 Privatsachen
9 Liebe in Zeiten des Terrors (S.311)


message 2: by Frank (new)

Frank (cromus) | 513 comments Dramatisch gekonnt spannt Ruge in diesem Abschnitten den Bogen der Ereignisse. Zunächst scheint sich die Lage zu entspannen, dann überschlagen sich die Vorgänge und auf einmal ist es wirklich nicht mehr Wilhelm, den man als fanatisches "Ekel" nicht verstehen könnte. Charlotte, die bisher so nachdenklich daher gekommen ist und nur von anderen "ein bisschen naiv" genannt wurde, benimmt sich nun naiv und man fragt sich schon, warum das so ist. Musste alles so kommen, so sein? Unglaublich gut beschreibt Ruge, wie sie menschlichen Verhältnisse den Einzelnen dominieren, ihn unfähig machen einzugreifen und zu verändern. Man sieht: Sich dem allgemeinen Trend entgegen zu stemmen wäre bloßer Heroismus- vermutlich folgenlos ohnehin. Mit dem Trend zu gehen könnte hingegen persönlichen Erfolg und ein Aufsteigen "im System" bewirken. Was macht der Mensch? Wer wirft hier den ersten Stein? - In viel geringerem Ausmaß wirkten solche Zwänge auch in der DDR. Man konnte sich ein bisschen "Heldenmut" leisten, aber viel zu wenige leisteten ihn sich. Ich meine dabei nicht einmal die "Oppositionellen", von denen viele einfach in den Westen und zu mehr Konsum wollten, den Begriff also zu Unrecht okkupieren. Die Minderheit, die wirklich "zu Hause" etwas ändern und verbessern wollte, war eben das: Eine Minderheit. Aber die meine ich auch nicht. Ich meine ausdrücklich diejenigen, die - wie ich - "im System" dachten und handelten und denen es doch darum hätte gehen müssen, es zu verbessern und endlich dem anzunähern, was täglich in den Zeitungen und in der Schule als Ideal verkündet wurde. Waren es die von Ruge beschriebenen Traumata der Säuberungen, der unbedingten Treue, des Vor-der-Realität-die-Augen-Verschließens etc., die es den "Genossen" noch später unmöglich machte ihre Spielräume zu nutzen? Ich habe es versucht, weil ich naiv war und immer darauf hoffte, dass da doch Leute sein müssten, mit denen man reden kann. Nein, Heldentaten habe ich nicht begangen, aber ich habe nachgefragt, gelästert, mit Studierenden über "das Ende der Mauer" nachgedacht und immer wieder habe ich an den humanistischen Gehalt sozialistischer Traditionen erinnert. Das hat nicht jedem gefallen und ich sollte 1985 meinen "Kader"-Platz an der Uni verlieren; aber dann setzten sich doch Leute für mich ein. Unter anderem unser Sektionsleiter- der mir immer sehr "stalinistisch" geprägt vorkam. Ausgerechnet seine Frau fädelte dann die Nichtverlängerung meines Vertrages 1988 ein, allerdings weniger aus politischen denn aus privaten Motiven: Sie wollte einfach "ihren" Assistenten haben. Das nahm ihr Mann (Mitglied es Kulturbeirats beim ZK der SED) zum Anlass, mich auf eine Position vorzuschlagen, die außerordentlich schmeichelhaft für mich war. "Bleib mal schön kritisch", meinte der Stalinist, "im Westen können wir schließlich nicht nur den Blödsinn erzählen, der bei uns in der Zeitung steht." Ups? Er selbst tat es ebenso, wie wir erfuhren, als eine Oberassistentin sich des nachts in der Uni einschließen ließ, um heimlich ein Redemanuskript zu kopieren, dass er (über Christa Wolf) auf einer internationalen Germanisten- Konferenz halten wollte, die ihn zum Präsidenten des Internationalen Verbandes der Germanisten wählen wollte. (Das kam dann wegen der Wende nicht zustande.) Wir waren bass erstaunt über den inhaltlichen Unterschied dieser Rede zu den bekannten Vorlesungen, die er sonst hielt. Was sollte man sagen? Ich bekam die zugesagte Stelle nicht, weil die Stasi Augen und Ohren auch in meinen Seminaren hatte und mich nicht mehr für "würdig" hielt, die DDR im westlichen Ausland zu vertreten. So blieb ich 1988 im Kulturbund der DDR "kalt gestellt" (aber nicht erschossen und auch nicht verhaftet!), bis mich nach dem "Sturm auf die runde Ecke" jemand von der PH Leipzig anrief und anfragte, ob ich nicht bei ihnen wieder anfangen wollte. Dahinter stand der Altstalinist, der sich zwar nicht gegen seine Frau und schon gar nicht gegen die Stasi durchgesetzt, jetzt aber (ein letztes Mal) seine Beziehungen hatte spielen lassen. Warum ich das schreibe? Weil man daran strukturelle Ähnlichkeiten des von Ruge Geschilderten zur jüngeren Vergangenheit erkennen kann. In der UdSSR der 30er Jahre hätte das Alles zum Aufstieg oder zum Kopf-Ab führen können. Kein Wunder, dass die Anständigen den Kopf einzogen und lieber gar nichts taten, als die sich ihnen bietenden Situationen auszunutzen. Das war ihre Anständigkeit. Andere sind dabei zu skrupellosen Karrieristen geworden. Ein Ulbricht z.B. (Aber selbst der musste noch dran glauben, als man später in Moskau den Streber Honecker geeigneter fand.) Als aber diese "Anständigen" auch den Krieg überlebt und ihre Rückkehr in den Osten Deutschlands erlebt hatten, waren sie offensichtlich nicht mehr in der Lage etwas zu riskieren. Die "neu- stalinistische" Generation - der oben erwähnte Chef war als Nazi- Soldat und gelernter Maurer in der DDR auf die ABF geschickt und dann ein international geachteter Professor geworden (eine im Westen Deutschlands unwahrscheinliche Karriere!) - war verstrickt in Schuld und Dankbarkeit und hatte dabei von "alten Genossen" bestenfalls die Listen und Winkelzüge gelernt, offiziell das eine zu sagen und insgeheim anderes zu denken. Und Strippen zu ziehen. In diesen "Strippen" habe auch ich gehangen, ohne das in meinen Zehner- und dann Zwanziger Jahren voll zu verstehen. Und nun bin ich - wie schon bei Haratischwili - erschüttert von den Einsichten über historische wie menschliche Zustände, die sich in der souveränen Erzählkultur der Autor/innen äußern. Ich sehe mich im Hotel "Memorial" (welch Name!) über Auswege und Schach- Züge nachdenken und ich verstehe: Auch ich hätte keinen Ausweg gewusst außer dem, in jedem Falle menschlich sauber zu bleiben und kein Denunziant zu werden. Und wenn sie mich dann vor die Alternative gestellt hätten? Aussagen oder "mitschuldig" werden? Ich hoffe, beim Lesen dieses Romans erkennen auch nicht- sozialistisch sozialisierte Leser, wie aussichtslos man in ein System aus Denunziation, Loyalität, Gewalt und Zuckerbrot ohne eigenes Zutun verwickelt werden kann und wie gering die Chancen sind dem wirklich zu entkommen. Es ist sonderbar, aber eben auch das "besondere Geschäft" von Literatur, dass es wieder Schriftsteller/innen sind, die eine Lücke ausfüllen, die gerissen wurde, weil man es in unserem Land erfolgreich zu verhindern wusste, dass sich die Betroffenen und wissenschaftlich mit DDR- oder SED- oder Sowjet- Geschichte Befassten mit ihren eigenen Verstrickungen auseinandersetzen und ihre Lebenswirklichkeit aufarbeiten konnten. Stattdessen müssen wir schon 30 Jahre den Restmüll einer "marktgängigen" und damit bloß quasi- wissenschaftlichen Delegitimierung eines in Folge eines (gesamt)deutschen und zu Recht verlorenen Krieges entstandenen Landes ertragen, dass es - nach gängiger Lesart - nie hätte geben dürfen, das es aber doch gegeben hat. Und ähnlich ist es mit Russland. Lauter "Russland- Versteher", wohin man guckt; aber Ahnung hat keiner, weil niemand von den Presse- und Politclowns je in einer Kommunalka gewohnt oder vom durchaus widersprüchlichen Denken eines waschechten "Tschekisten" (Putin!) auch nur beleckt wurde. Gut, ich ende hier. Wollte nicht zu viel von der Story selbst verraten, nur klar stellen, dass ich mich betroffen fühle, es sich also um eine zutiefst wahrhafte Darstellung handelt. Wünsche viel Belehrung und dennoch Kurzweil beim Lesen!


message 3: by Babette (new)

Babette Ernst | 775 comments ich weiß gar nicht, warum ich diesen Abschnitt so lang gewählt habe, muss ein Versehen gewesen sein. Nun soll es so bleiben.

@Frank: Das ist ja ein sehr perönliches Bekenntnis, man merkt dir die Betroffenheit deutlich an.

Ich fühle mich an einen Theaterabend 1979 oder 1980 erinnert, es wurde Heiner Müllers Stück "Bruder Eichmann" gespielt, bei dem mir zum ersten Mal oder vielleicht auch besonders eindringlich klar wurde, wie sehr mein Alltag von kleineren und größeren Lügen geprägt ist, wie häufig ich das sagte, was man hören wollte und nicht das, was ich dachte und wie oft ich tat, was von mir verlangt wurde, ohne es zu hinterfragen. Es wurde mir klar, dass ein Leben ohne solche kleinen Lügen nahezu nicht möglich war, aber ich versuchte, eine Grenze zu ziehen, die dort verlief, wo ich anderen schaden würde. Dieser Theaterabend hatte so einen Aha-Effekt, ich kann mir jedoch sehr gut vorstellen, wie man sich immer schneller verstrickt, zumal die Gefahren 1937 in Moskau ganz anderer Natur waren.

Zum Inhalt des Abschnitts schreibe ich Sonntag mehr.


message 4: by Frank (new)

Frank (cromus) | 513 comments Schau an. Was Literatur alles kann! Der alte Heiner... ;-)


message 5: by Babette (new)

Babette Ernst | 775 comments Die Beschreibung der Situation und Gedanken ist ungeheuer gekonnt. Alles erscheint so logisch. Wie z. B. die Kollegen von Punkt zwei im Metropol auftauchen, aber jeder jedem mit Misstrauen begegnet, keiner will Schwäche zeigen, jeder Optimismus verbreiten.
Oder die Gedanken, die sie sich machen, als der Chef des NKWD verhaftet wird: Sind dann die unter ihm gefällten Urteile nicht die Urteile eines Volksfeindes und damit falsch gewesen? Das sind doch Fragen, die sich viele gestellt haben werden, aber jedem war zu dem Zeitpunkt schon klar, dass es besser ist, darüber nicht öffentlich zu sprechen, höchstens auf einem Spaziergang mit dem Partner. Also war doch jedem klar, dass nicht alles so sein konnte wie offiziell dargestellt. Trotzdem war der Traum einer gerechteren Gesellschaft so stark, dass man den nicht wegen ein paar Ungereimtheiten über den Haufen schmiss. Es wurde darauf gehofft, dass sich alles irgendwie aufklärt.

Nahezu jede Situation ist großartig dargestellt. Der Erste Mai oder der letzte Tag von Melnikow. In wenigen Worten wird so viel Tragik deutlich.

Für Charlotte wurde die Welt teilweise wiederhergestellt, als sie die Stelle im Verlag bekam. Die Freude, der Tristesse des Hotels und der täglichen Untätigkeit zu entkommen, war riesig, was ich gut nachvollziehen kann. Im Metropol sitzt der inzwischen depressive Wilhelm, aber Charlotte sprüht vor Lebensfreude, aus der die Beziehung zu Bork entsteht. Ja, so könnte es gewesen sein. In ihrer Freude schwinden die Zweifel am System, die Zweifel an der eigenen Zulänglichkeitwachsen jedoch werden größer. Schöne Szene, in der Charlotte das Buch entsorgt, man merkt, wie tief ihre Angst sitzt.

Gaston Provosts Denunziationsschreiben wie auch die Buchentsorgung und viele andere Dinge machen klar, dass jeder noch davon ausgeht, sein Schicksal selbst in der Hand zu haben oder zumindest durch sein Handeln beeinflussen zu können. Es war eine Zeit zwisachen Hoffen und Resignation, die immer wieder ganz banale Alltagsszenen hatte. Ich finde die Darstellung bisher absolut gelungen.


message 6: by Nina (new)

Nina (ninette42) | 63 comments Babette, ich kann mich Dir nur anschließen. So wie Ruge die Gedanken von Charlotte und Hilde spinnt, ist man wirklich dabei, fühlt mit. Auch die Darstellung der anderen Personen, die im Metropol landen: tragisch und komisch zugleich. Wie auch bei N.H. beeindruckt und bedrückt es mich, wie stark und auch willkürlich das System in das persönliche Leben hinein wirkt und es Opfer fordert. Mir fehlen ja Eure persönlichen Erfahrungen, weshalb ich sehr dankbar für Eure Schilderungen und Erklärungen bin. Erschüttert bin ich auch davon, wie selbstverständlich die persönlichen Verfehlungen und Grenzüberschreitungen von Mächtigen hingenommen wurden. Die nächtlichen Gedanken des Richters aber auch Hilde zeigen das.


message 7: by Nina (new)

Nina (ninette42) | 63 comments Ich wusste auch nicht, wie international das "Personal" war.


message 8: by Frank (new)

Frank (cromus) | 513 comments Nina wrote: "Ich wusste auch nicht, wie international das "Personal" war."

Ich glaube wirklich, dass hier der Punkt (!) liegt: Alle diese "westlichen" oder doch zumindest verwestlichten Kommunisten (Hilde, Charlotte und Wilhelm eingeschlossen) konnten zwar ahnen, was los ist, aber sie konnten es nicht wirklich fassen. Am Beispiel Ulrichs zeigt Ruge, wie ein mit feudalen Gepflogenheiten vertrauter "Sowjet- Mensch" sich in das System ohne allzu große Mühe einpasst. Man spielt dort seine Rolle. Die im "Metropol" versammelten Kommunisten sind hingegen durch die bürgerlich- individualistische "Rechtsschule" gegangen und können bis zum Schluss nicht glauben, dass ihre ganze Organisation gemeint ist, also das Kollektiv, und dass es auf die individuelle Schuld gar nicht ankommt. "Aber das ist doch Sippenhaft", sagt irgendjemand (Hilde?, Charlotte?) im Buch und kann es NICHT FASSEN. Alle Personen, die sich hier nach Schuld befragen, durchsuchen ihre Biografien nach individuellen (!) Verfehlungen, die sie bekennen könnten. Nur Ulrich begreift, dass man bei tausenden Todesurteilen pro Tag nicht nach Schuld fragt. Und es ist ihm egal. So gesehen sind die Schauprozesse wirklich nur für das westliche Ausland inszeniert worden und appellierten - sofern es ums Inland ging - nur an das bürgerliche Individualbewusstsein der alten Eliten, denen sie auch Angst einjagen sollten. Die Ingenieure und Projektanten der Großbaustellen sollten nicht glauben, sie seinen unersetzlich. NACH getaner Arbeit könnten sie genau wie Bucharin & Co. vor dem Kadi landen. So wurde Loyalität mit Angst erzwungen und jede Bestrebung konspirativer Opposition im Keim unterbunden. Die Nutznießer des Stalinismus, also die "einfachen Arbeiter", lasen eh keine Zeitungen und interessierten sich nur für die Steigerung ihres Lebensstandards. Das zeigt die (freilich spätere) Szene mit Charlottes Sohn aus erster Ehe ganz gut. Die Metrobauer waren Metrobauer, egal, wen Stalin alles an die Wand stellen ließ...


message 9: by Nina (new)

Nina (ninette42) | 63 comments Ja, das ist entscheidend, um die Geschichte verstehen zu können. Ich muss gestehen, dass ich das Verständnis für das "Kollektiv" vorher nicht wirklich erfasst hatte. Dankeschön:)


message 10: by Babette (new)

Babette Ernst | 775 comments Grundsätzlich stimmt es sicher, dass man sich in Russland weniger als Individuum begriff. Letztes Jahr las ich aber "Der Meteorologe" von Olivier Rolin, bei dem es auch um die Zeit des großen Terrors unter Stalin geht. Das Schicksal des obersten Meteorologen der UdSSR wird anhand seiner Briefe und Berichten von Zeitzeugen erzählt. Auch dieser russische Wissenschaftler grübelte über seine persönliche Schuld nach und war fest davon überzeugt, dass ein Missverständnis vorliegen muss. Es ist erschütternd, wie er allmählich begreift, dass er keinerlei Gerechtigkeit zu erwarten hat.


message 11: by Frank (new)

Frank (cromus) | 513 comments Dazu kann ich nichts sagen. Ich kenne auch Rolin nicht und weiß nicht, inwieweit er sein Sujet aus der Zeit und den Umständen heraus erfasst hat. (Wenn ich mal Zeit habe, werde ich es lesen...) Aber sei es, wie es sei. Im Roman von Ruge gibt es auch Beispiele von Russen, die sich einerseits noch im Moment tödlicher Gefahr der Partei unterordnen, andererseits aber klar denken. Ich meine, für den "Apparat" der Partei steht Ulrich. Es sind die ein bisschen "an die Macht" gekommenen karrieristischen "Elemente", die dann in der Bürokratie in der Tat Karriere machen und die dabei zu Neu- Kleinbürgern werden. Kann man bei Bulgakow nachlesen- unübertroffen "Der Meister und Margarita". Denen stehen natürlich gebildete Russen, alte Partei- oder bürgerliche Eliten gegenüber, die im Ausland waren, Dostojewski (!) gelesen haben ;-) usw. Sie stehen womöglich für das, was aus der Revolution hätte werden können, gleichzeitig aber auch für das Unverständnis gegenüber einem "Volk", in dessen Namen sie handeln wollten, von dem sie aber keine Ahnung hatten. Stalin verstand das Volk und handelte so, dass es ihn anbetete, obwohl kein Mensch "von Geist" das begriff. Ein bisschen, denke ich, ist es wie heute bei Trump. Die Gebildeten geifern und fragen sich, wie das blöde (amerikanische) Volk den wählen kann, aber das Volk wählt ihn, weil es sich in ihm erkennt, gerne für die Todessstrafe stimmt und auch schon selbst mal zur Lynch- Justiz schreitet... In den - aus der Sicht des Volkes - arroganten "Gebildeten" erkennt und erkannte sich weder das russische noch das amerikanische Volk und zunehmend haben wir auch bei uns dieses Problem. (Mohren- Straße - wen interessiert das?) Und deswegen sind - hier im Roman - die Bucharins, Rakows usw. dem Volk auch völlig Wurscht. Zu dieser Einsicht kommt der Held in Arthur Koestlers "Sonnenfinsternis" und lässt sich am Ende willig erschießen, weil die Illusion der "Übereinstimmung mit dem Volk" sein Lebensinhalt als Revolutionär sogar dann noch war, als er bereit war, Teile dieses Volkes dem "Fortschritt" zu opfern... Das als Irrweg zu begreifen schließt ein, "keine Gerechtigkeit mehr zu erwarten". Und so dachten, meine ich, auch viele der Komintern- Kommunisten im Angesicht der Prozesse und der persönlichen Bedrohung. Charlotte (oder war es Hilde?) reflektiert das in der Einsicht, selbst unter "Arbeit" nie etwas anderes als Büroarbeit, also Arbeit im Apparat, also Elitenarbeit verstanden zu haben. Sie beugt sich demütig dem Gedanken, selbst überheblich auf das arbeitende "Volk" herab geschaut zu haben und will der Partei anbieten, diesen Hochmut im Lager durch körperliche Arbeit wieder gut zu machen. Bürgerliche Intellektuelle in ihrem (romantischen) Verhältnis zum Proletariat!


message 12: by Frank (new)

Frank (cromus) | 513 comments Also, ich merke schon. Ich fange an zu eifern. ;-) Nein, ich will das alles für mich verstehen und da kommt mir immer wieder der Ansatz von Rudolf Bahro in den Sinn, den ich hier also auf das Buch und die Motive der Figuren projiziere. Mir scheint das stimmig, aber anders "vorgebildete" Leser, also auch andere Lesevorerfahrungen (z.B. der Meteorologe), führen vielleicht zu anderen Eindrücken. Ich bin auch neugierig darauf.


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