Osteuropa-Literatur discussion

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Eugen Ruge: Metropol > Die Sonne, die uns trügt Kapitel 1-3

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message 1: by Babette (new)

Babette Ernst | 808 comments bis 1.10.
1 Metropol
2 Traum und Wirklichkeit
3 Der Mitbewohner (S.151)


message 2: by Babette (new)

Babette Ernst | 808 comments In diesem Abschnitt geschehen keine besonders schrecklichen Dinge und trotzdem hat er mich sehr bewegt. Zuvor hatten wir von Charlottes ersten Moskau-Erfahrungen gehört, es schimmert der Traum von einer besseren Gesellschaft durch, ein Ideal, an dessen Verwirklichung sie mitwirken kann. Und dann beginnt dieses Ideal plötzlich zu bröckeln. Erst nur ein paar ganz kleine Risse, die man kaum sieht und die sich schön reden lassen. Zweifel, die man gegen sich selbst richtet (Wie konnte man sich so in den Freunden täuschen), und immer wieder Rechtfertigungen und Nicht-wahr-haben-wollen. Großartig beschreibt Ruge die Situation, ich konnte sehr mit Charlotte mitfühlen. Weniger mit Willhem, der wahrscheinllich auch dem Enkel eher fremd blieb. Das empfand ich im ersten Buch auch so. Doch was Wilhelm an Informationen aus der Bibliothek mitbringt, z. B. über den Entwurf der Stalin'schen Verfassung, ist seine Art, sich sein Ideal zu erhalten.

Sehr schön sind die kleinen Situationen beim Schlange stehen oder der Kauf der Winterschuhe, bzw. das nachträgliche Besohlen beschrieben. Das war für mich nicht grundsätzlich etwas Neues, aber ich wusste bisher noch nicht, dass es Versuche gab, die Siebentagewoche abzuschaffen, weil es eine Einteilung aus der Bibel ist.

Interessant auch, dass Lion Feuchtwanger zumindest kurz im Nachbarzimmer wohnte. Plötzlich greift Ruge als Erzähler in seinen Roman ein und gibt Erläuterungen - das ist ungewöhlich, vielleicht auch unnötig, aber es störte mich auch nicht.

Jetzt wissen wir also, wer der vielbeschäftigte Wassja ist, ich bin gespannt, wie sich die Konstellation entwickelt.


message 3: by Nina (new)

Nina (ninette42) | 63 comments Ja, Babette, das hast Du sehr treffend beschrieben. Mir ging es ähnlich: ich hatte förmlich das Gefühl, bei Charlotte zu sein und die leichte Genervtheit, die sie Wilhelm gegenüber zu verspüren schien, zu fühlen.


message 4: by Frank (new)

Frank (cromus) | 530 comments Stimmt alles. - Trotzdem ist es mir immer wieder unheimlich davon zu lesen. Ich fühle mich betroffen, nicht weil ich Zeiterfahrung oder Verhalten teilen würde, sondern einfach, weil ich dieses "Sich- die-Welt-schön-reden" kenne. Anders hätte man nicht "bei der Stange" bleiben, hätte man nicht darauf hoffen können, dass sich "der Fortschritt" ("das Gute"?) doch langsam, aber sicher durchsetzen würde... Davon ab erkenne ich natürlich die Sowjetunion wieder, wie ich sie noch so viele Jahre später ähnlich erlebt habe. Nie werde ich vergessen, wie ich mich im Auftrag eines kubanischen Bekannten im GUM in Moskau schon morgens um 08.00 Uhr anstellte, um dann um 10.00 Uhr nach der Öffnung vielleicht eines der von ihm begehrten Tonbandgeräte zu erstehen. Als ich endlich dran war, gab es noch ein paar Geräte. Ich ließ sie mir zeigen und vorführen, was zu erheblicher Unruhe in der Schlange hinter mir führte. Meine Vorgänger hatten ihre Kartons ergriffen, hatten sie bezahlt und waren gegangen. Ich wollte nun sehen, ob es funktioniert! Zu Recht: Das erste Gerät gab keinen Ton von sich, nachdem man es eingesteckt hatte. Beim zweiten brannten die Leuchten nicht... Als ich der wachsenden Unruhe hinter mir begann um meine Gesundheit zu fürchten, nahm ich schuldbewusst das Gerät, das lief, aber eben nicht beleuchtet war. Ich schleppte mir fast einen Ast, denn das Ding wog 6 kg! Zu Hause in Leipzig strahlte der Kubaner und wischte mein schlechtes Gewissen mit einer Handbewegung weg. Funktioniert doch. Er war glücklich und erklärte mir, dass man in Kuba (und ich begriff: auch in der Sowjetunion) alles kauft, was man bekommt, wissend, dass man es dann erst mal reparieren lassen muss. Genau deshalb musste ich die 6 kg eines TBG Marke "Jupiter" schleppen, denn das viel modernere Tesla- Gerät, das man mit etwas Glück auch in der DDR, auf jeden Fall aber in Prag hätte erstehen (!) können, sei zu kompliziert für die primitiven Selbsthilfe- Werkstätten auf der Insel. So muss man erst mal denken. Selbst mir als "gelerntem DDR- Bürger", der durchaus wusste, wie lange man auf bestimmte Produkte warten musste, wäre DAS nicht eingefallen: Kaputte Technik kaufen? Absurd. Absurder war nur ein Erlebnis in Kiew 1992. Da standen die Leute auf dem Markt an und kauften kaputte Glühbirnen. Was? Ja, sie kauften kaputte Glühbirnen. Warum? Mein Kumpel, damals DAAD- Lektor an der Kiewer Universität, der sich auch anstellte, klärte mich auf: Man kann mit Hilfe der kaputten an eine funktionierende Lampe kommen, indem man die Exemplare auf Arbeit austauscht. Dort nämlich wurde doch öfter ersetzt, was kaputt war. Und man konnte nicht des Diebstahls bezichtigt werden... Ein bisschen so muss es Charlotte ergangen sein und ich kann es gut nachfühlen... ;-) Kurz: Schriftstellerisch überzeugt mich das Atmosphärische, das glaubhaft darzustellen Ruge absolut gelingt.


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