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The Pope's Rhinoceros by Lawrence Norfolk
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11578404
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really liked it
bookshelves: 2012, historical, literary

Es hat *nur* 16 Jahre gedauert diesen verschlungenen zweiten Roman von Norfolk fertig zu lesen. Ich habe ihn damals auf Deutsch gekauft und im Laufe der Jahre mehrmals angefangen, bin aber stets irgendwo am Ende des ersten Viertels versackt.

Kein leicht zu lesendes Buch, vor allem nicht zu Beginn. Man muss sich daran gewöhnen, dass Norfolk in Kreuzstich-Manier zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her springt. Auch die überbordende Figuren-Anzahl macht die Sache nicht leichter, vor allem, da oftmals nicht gleich klar ist, wer gerade die im Zentrum stehende Person ist, oder über wen berichtet wird.

Nun aber habe ich englische Originalausgabe rasch verschlungen, direkt im Anschluss nach Norfolks neuestem, vierten Roman "John Saturnall's Feast" der mir auch sehr gut gefallen hat.

Die Handlung von "The Pope's Rhinoceros" ("Ein Nashorn für den Papst") verzweigt sich in vielerlei Gefilde, aber im Zentrum steht der Streit um die Aufteilung der neuen Welt zwischen Spaniern und Portugiesen, und zu wessen Gunsten sich Papst Leo (= Giovanni di Medici) entscheiden wird. Dazu ruft der Papst ein Rennen aus, wer ihm zuerst ein Nashorn beschaffen kann.

Eigentliche Hauptfigur ist der Heide Salvestro, ein letzter Überlebender der von der Nordsee verschlungenen Stadt Vinetta. Im ersten von sieben Teilen geht es um ihn und seinen Gefährten Bernardo, die auf Usedom nach den Schätzen der versunkenen Stadt tauchen wollen, von abergläubischen Einheimischen bedrängt und schließlich von Mönchen eines Klosters, das teilweise von den bröckelnden Klippen ins Meer gestürzt ist aufgenommen werden.

Im zweiten Teil geht es um die Ränke im Vatican und um die Mönche von Usedom, die sich geleitet von Salvestro und Bernanrdo aufgemacht haben, den Papst zu bitten, beim Wiederaufbau ihres Klosters zu helfen. Spanier und Portugiesen bereiten ihren Schiffsexpeditionen vor.

Der dritte Teil behandelt die Fahrt des portugisischen Schiffes mit einem Nashorn, das von Goa nach Europa unterwegs ist. Ein Zwischenspiel mit neuen Figuren.

Der vierte Teil widmet sich der Fahrt des spanischen Schiffes, Salvestro und Bernardo an Bord, angeheuert, ein Nashorn aus Afrika zu beschaffen. Mit an Bord ist der Soldat Don Diego und eine afrikanische Prinzessin, die es einst nach Rom verschlagen hat, wo sie die Dienerin der Liebhaberin des spanischen Botschafters war.

Der fünfte Teil spielt im Königreich der Nri (heutiges Nigeria). Während die einheimischen Stämme ein großes Palaver dazu abhalten, wie man auf die immer zahlreicheren weißen Eindringlinge reagieren sollen, irren Salvestro und Co durch den Dschungel.

Im sechsten Teil kehrt Salvestro mit einem Nashorn nach Rom zurück. Großes Finale mit für den Papst und sein Gefolge arrangierten Kampf zwischen Elefant und Nashorn.

Der sehr kurze siebte Teil dient als Epilog: einer der Usedom-Mönche schildert die Rückkehr in den Norden, und was aus Salvestro geworden ist.

Über das Buch verteilt gibt es einen in der Vergangenheit spielenden Handlungsstrang von der Belagerung und Plünderung der Stadt Prato durch Truppen unter der Führung von Giovanni di Medici (noch nicht Papst) und dem Mord an der Adelsfamilie Tebaldo. Hier sind sich Salvestro, Bernardo, Diego und andere Figuren bereits begegnet und haben Schreckliches erlebt. Überhaupt: ist Norfolk nah an seinen Figuren drann, weiß man manchmal einige Zeilen & Absätze nicht so recht, wo und wann etwas stattfindet, ob geträumt, halluziniert oder erinnert wird.

Einige Merkmale machen den Roman zu einer kaum zu vergleichenden Lektüre:
1) Schöne, fast malerische Beschreibungen Natur, Stadt-Gewimmel, Gebäude-Eigenheiten.
2) Grillige Abschweifungen, ungewöhnliche Perspektiven. Da wird ein Tauch-Fass schon mal aus Sicht eines Hering-Schwarms oder seitenlang der Kampf verschiedener Rattenkolonien der Stadt Rom beschrieben.
3) Knackige Sex-Szenen, unerschrockene Schilderungen von Kriegsgreul. Sehr vielfältige Dialog-Register, von derb über förmlich, loses Daherreden, taktieren.
4) Kuriose Typen ohne Ende.
5) Immer wieder mal, aber nicht gerade selten, Situationskomik die sich bis zum Aberwitz steigern kann.
6) Kurzweilige Schilderungen komplexer Sachverhalte. Wie Geldwechsler in Rom arbeiten, wie Schiffs-Segel verarbeitet werden, wie Papst-Audienzen ablaufen, wie man im Dschungel Bronze-Figuren gießt.

Nun, endlich fertig, bin ich sehr zufrieden mit dem Buch, das mich -- wie es sich für einen historischen Roman, der weit ausholt gehört -- mit einer staunenden Melancholie und amüsiertem Respekt zurücklässt. Den fünften Stern vergebe halte ich zurück, weil der Roman zu lange braucht, bis man sich zurechtfindet mit seinem Fluss ... eben einen Tacken zu umständlich strukturiert ist. Dennoch absolut empfehlenswert für alle, die gerne etwas schwitzen, um reichlich beschenkt zu werden.
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Reading Progress

October 2, 2012 – Started Reading
October 2, 2012 – Shelved as: literary
October 2, 2012 – Shelved
October 2, 2012 – Shelved as: 2012
October 2, 2012 – Shelved as: historical
October 2, 2012 –
page 396
51.56%
October 6, 2012 –
page 614
79.95%
October 8, 2012 –
100.0%
October 8, 2012 – Finished Reading

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