dubh's Reviews > Ein deutsches Mädchen: Mein Leben in einer Neonazi-Familie

Ein deutsches Mädchen by Heidi Benneckenstein
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Zwiespältiges Resümee

Heidi Benneckenstein verbringt die ersten knapp zwanzig Jahre ihres Lebens in einem rechtsextremen Umfeld. Ihre Familie, ihre Freunde in einem Dorf bei München - alle sind sie Neonazis, teilweise sogar Größen in der Szene. Heidi und ihre Schwestern kennen es nicht anders, denn die wenigen Berührungspunkte mit Andersdenkenden lassen sie als Außenseiterinnen keinerlei Erfahrung machen. Stattdessen bewegt sich Heidi in militanten Jugendgruppen, wird Mitglied in der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) und knüpft Kontakte zu sogenannten freien Kameradschaften. Zuhause wird sie mit Härte und Drill erzogen, die Atmosphäre wirkt so, als wäre die Zeit im Hause Redeker stehengebleiben - mindestens extrem rückwärtsgewandt wirkt die Erziehung, aber schnell wird klar, dass die Redekers in gefestigten nationalsozialistischen Strukturen leben und ihre Kinder auch dementsprechend formen. Es ist eine Parallelwelt, die kaum zu begreifen ist, da sie so dermaßen ordentlich und zutiefst mustergültig-nationalsozialistisch ist, dass ich an mancher Stelle fast ungläubig lachen musste.
Im Alter von 15 Jahren nimmt Heidi an Aufmärschen teil, hetzt gegen alle, die nicht in ihre Weltbild passen, und greift Menschen auch körperlich an.
Erst als die Siebzehnjährige schwanger wird, kommt ihr Weltbild erstmals ins Wanken. Wollen ihr Freund Felix, selbst ein rechter Aktivist, und sie wirklich, dass ihr Kind in dieser Szene groß wird? Auch der Kontakt zu einem rechten Liedermacher, dessen politisches Weltbild ebenfalls Risse bekommen hat, gibt Heidi zu denken… Schließlich wendet sie sich mit 19 von ihrer Familie ab, taucht unter und schafft mit einem Aussteiger-Programm die Kehrtwende in ihrem Leben.

„Ein deutsches Mädchen“ ist eine Biographie, die mich ziemlich zwiespältig zurücklässt. Zum einen ist sie schockierend, zum anderen macht sie mich auch ein Stück ratlos. Doch von Anfang an.

Die Schilderungen der Kindheit ist wirklich aufrüttelnd, denn natürlich weiß ich, dass es Nazis gibt - aber in meiner Vorstellung sind das Menschen, die sich bewusst für diese menschenverachtende Ideologie entschieden haben. Bei Heidi ist es anders, denn sie wurde von Kindesbeinen an indoktriniert, ja, vollumfänglich rechtsextrem sozialisiert. Sie hat sich nicht bewusst entschieden, sondern kannte schlicht und ergreifend nicht anders. Alleine diese Erkenntnis hat mich erst einmal schockiert, ebenso wie die Tatsache, dass es bei Redekers zuhause wie bei einer Muster-Nazi-Familie in den 30er Jahren zuging. Das Mädchen stellte ich mir wie ein Kind auf einem Werbeplakat für den BDM vor, blond mit Zöpfen und im züchtigen Kleid - die Bilder im Buch haben mich bestätigt.

Ratlos hat es mich allerdings gemacht, dass Benneckenstein keinerlei Bezug zu ihrer heutigen Einstellung nimmt. Natürlich ist es schwierig, sie bei all der Erziehung für ihr Handeln damals verantwortlich zu machen, denn sie steckte sehr tief im braunen Sumpf und kannte keine Alternative. Verwundert hat mich dennoch, dass sie zu keinem Zeitpunkt gegen ihr Zuhause oder zumindest ihren Vater rebelliert hat. Nein, sie nimmt die Strafen und Demütigungen hin, ordnet sich den geforderten antiquierten und zutiefst nationalsozialistischen Tugenden ihres Vaters unter und freut sich über die wenigen Belohnungen für ein perfekt konformes Verhalten. Andernorts scheint sie allerdings dann nicht mehr so auf den Mund gefallen zu sein, gibt gerne die Frontsau und scheut sich auch nicht vor körperlichen Angriffen.

Nachdem Benneckenstein sich nun die Mühe gemacht hat, ein - zugegeben etwas holprig zu lesendes - Buch zu schreiben und so ihre Erlebnisse einer breiten Öffentlichkeit offen zu legen, hätte ich mir gewünscht, dass sie sich auch mit ihren eigenen Taten und ihrer Verantwortung befasst. Stattdessen habe ich den Eindruck, dass sie die Schuld fast ausschließlich bei ihrem Vater sieht. Ich stimme ihr zu, denn er hat ihr dieses Weltbild eingetrichtert, hat bedingungslosen Gehorsam gefordert - und dennoch empfinde ich dieses „Wegschieben“ sämtlicher Verantwortung als falsch. Ja, Heidi Benneckenstein ist ein Opfer, aber sie ist auch Täterin und hatte hier die Chance, alles auf den Tisch zu packen.

Dennoch habe ich Respekt vor ihrem Ausstieg und dem Mut, unter ihrem realen Namen von ihrem ersten Leben zu berichten. Vielleicht schafft Heidi Benneckenstein irgendwann ein fundierteres, selbstreflektierenderes Werk, das auch etwas besser zu lesen ist.
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Reading Progress

Started Reading
November, 2017 – Finished Reading
February 25, 2018 – Shelved

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