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Armageddon Rock by George R.R. Martin
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it was amazing
bookshelves: 2014, crime-thriller, fantasy, horror, literary, all-time-favorites, golkonda-verlag

Diesen Roman habe ich zum ersten Mal in den frühen Neunzigern (Heyne-Ausgabe) als Teen gelesen, und er hat mich schon damals schwer beeindruckt. Vorausschicken muss ich folgendes: als 72er-Jahrgang blicke ich von Außen auf die kurze Ära der Hippies, der 68er-Gegenkultur, der Blumenkinder zurück, aber meine Perspektive auf diese Bewegung ist im Zweifelsfall von Sympathie & Respekt geprägt. — Seid also gewarnt: wer die Gegenbewegung der Spät-60er/Früh-70er & ihre (alles andere als eindeutigen Strömungen) für eine liederliche Irrung der Nachkriegsgeschichte hält, und also eher mit einer z.B. Jan Fleischauer-artigen Sicht auf diese Zeit zurückschaut, wird von Ton und Haltung des Romanes wohl ziemlich genervt werden.

Andererseits empfehle ich »Armageddon Rock« allen, die George R.R. Martin vor allem als Schöpfer des Fantasy-Epos über die »World of Ice & Fire« verehren und/oder durch die TV-Verfilmung »Games of Thrones« auf ihn aufmerksam geworden sind. Der zeitgenössische Martin wirkt im Vergleich zu dem jungen Autor der »Armageddon Rock« verfasste fast schon (augenzwinkernd) abgebrüht, der sich nicht mehr so weit aus dem Fenster, was seine politische und ideologische Haltung betrifft. Aufgemerkt also, dass der kommerzielle Flop & Welle negativer Kritiken für »Armageddon Rock« damals den Autor so schmerzten, dass er sich auf Jahre vom Romanschreiben abwandte, um sich im kommerziellen Betrieb der Film- & TV-Branche zu tummeln (u.a. bei Serien wie »The Beauty & the Beast«).

Was bietet also »Armageddon Rock«?
Strukturell teilt sich der Roman in etwa zwei Hälften. Die Karriere des Ex-Hippies und Polit-Aktivisten Sandy Blair verlief enttäuschend; aus dem umtriebigen Musik-Journalist eines Underground-Magazins wurde ein erfolgloser Roman-Autor. Nach dem Mord des Managers der fiktiven Band Nazgul (stelle ich mir vor wie eine Ideal-Kreuzung aus The Doors, Led Zeppelin, Deep Purple und Hawkwind) soll er eine große Reportage über die noch am Leben befindlichen Mitglieder der Band schreiben, und beschließt bald, dass er dazu auch nach langer Zeit wieder Kontakt mit seinen ehemaligen Freunden & Freundinnen aus WG- und Studienzeiten knüpfen sollte. Immerhin geht um den Geist einer untergegangenen Zeit, und was aus ihr geworden ist. Und so fährt Sandy quer durch die USA und mit dieser ersten Road Trip-Hälfte breitet Martin ein »Einst & Jetzt«-Panorama aus. — Die Nazgul: Der pragmatische Drummer Gopher John, der jetzt getrieben von einem Gefühl der Fainess jungen Bands eine Chance gibt; der sexy, geile Arschloch-Gitarrist Maggio, der über seiner Drogen- & Sexsucht fett & unansehnlich geworden ist; Faxon, der künstlerische Songschreiber-Kopf der Band, vermögend, distanziert, im Familienglück lebend & trotzdem voll Sehnsucht nach alten kreativen Zeiten. (Und als Erinnungs-Gespenst nie fern: Hobbins, der kleine, hypercharismatische Albino, von einem Scharfschützen während eines Konzerts ermordete Sänger der Nazgul.) — Sandys Freunde: die lebensfrohe, optimistische Maggie, wird von Einsamkeit & Jobroutine zerrieben; die naive & früher gewaltbereite Bambi, die ihr Glück im Glauben & in einer friedlichen Kommune gefunden hat; der Radikalideologe Lark, der zum zynischen Werbefuzzi wurde; der freche Intellektuelle Froggy, der als kleiner Dozent versucht, seinen Studenten die Ideale der Vergangenheit zu vermitteln; und die tragischste Figur des Buches, Slum, Sohn aus wohlhabender, konservativer Famlie, der von seinem herrischen Vater in die Klapse geschickt wurde.

Die zweite Häfte hebt damit an, dass ein geheimnisvoller Millionär mit Leidenschaft für Okkultismus den Plan verfolgt, die Nazgul wieder zusammenzubringen, eine große Revival-Tour zu unternehmen, um so mit der Macht der Nazgul-Musik und mit Hilfe von Blutmagie abzuschließen, was einst abgewürgt wurde: nämlich die finsteren, erzkonservativen, unterdrückerischen Kräfte der US-Gesellschaft zu überwinden, auf die sich der Roman anhand des militärisch-industriellen Komplexes, Nixon, dem Vietnamkrieg, der unverhältnismäßigen Polizeigewalt gegen Demonstranten, den Attentaten auf J. F. & Robert Kennedy sowie Martin Luther King bezieht (nebst dem zu frühen Tod von Jim Morrison, Jimmy Hendrix und Janis Joplin). Sandy wird als Promotor angeheuert und begleitet also die Proben und Konzerte der wiedervereinigten Nazgul.

Verklammert wird das alles einmal mit einer Art Detektivgeschichte, weil Sandy herausbekommen will, wer den Nazgul-Manager wirklich gekillt hat (den offiziellen Ermittlungen traut er so weit, wie er ein Klavier werfen kann); zum zweiten steigert Martin mit großem Geschick die Heftigkeit der ›magischen Verwerfungen‹, die Hauptfigur Sandy drastisch anhand von Alpträumen und Visionen erlebt. Das ergibt dann umwerfend intensiv wirkende Passagen, z.B. wenn Sandy sich schlaflos im Chicago der Achziger in einer großen Gespenster-Parade der Anti-Kriegs-Demonstranten und harsch durchgreifenden Sicherheitskräfte beim Parteitag der Demokraten 1968 wiederfindet.

Überhaupt Sprache & Stil: Eigentlich logo, dass ein Roman, der teils naiv, teils wehmütig, teils bitter, teils versöhnlich aber stets leidenschaftlich, subjektiv und emotionell danach trachtet, den Geist der »Make Love Not War!«-, »Sex Drugs & Rock’n Roll«- & »Macht Kaputt Was Euch Kaputt Macht!«-Zeit zu beschwören, in die Vollen greift. Da wird — auch Dank Sandys Schnodderschnauze — kurzweilig kalauert, gesudert, gewitzelt, gestichelt, debattiert. Auch sorgen knackige Beschreibungen von Saufen, Kiffen, Vögeln, Kater-Qualen, Musik-Lauschen und übermütigen Blödsinnsaktionen für Kurzweil. Richtig volle Kanne haut Martin in die Stimmungsorgel vor allem bei den schon orgiastischen Konzert-Beschreibung vor allem des letzten Drittels (Beispiele aus Kap. 20):
Faxons Gesicht war weiß und ausdruckslos geworden, aber seine Finger bewegten sich mit der sicheren Bestimmtheit von einst über die Saiten seines Rickenbacker, und tiefe dröhnende Töne verschmolzen mit dem Strom der Musik, Töne so tief wie das Räuspern Gottes, so bedrohlich wie das erste Grollen eines Erdbebens, so war und so schrecklich wie ein Atompilz. {…} Maggio tanze wild über die Bühne wie jemand, dem man einen elektrischen Schlag versetzt hatte, aber er grinste in einem fort und fletschte höhnisch die Zähne, und seine Gitarre spuckte beißendes, tosendes Feuer. Wie rasend riss er an den Seiten, und die Akkorde flogen wie Rasiermesser. Hobbins wandte sich zu ihm um, funkelte ihn an und kratzte über sein eigenes Instrument. Klänge und Melodiefetzen schossen hin und her, während sie gemeinsam improvisierten. Die Leute standen auf den Stühlen, klatschten über den Köpfen in die Hände, krümmten sich zur Musik, schüttelten sich, fickten die Luft mit den Fäusten.

Nur selten stieß ich auf Stellen, die ich etwas peinlich fand (z.B. die dollen Brüste einer Aktivistin, ihre sexy Brustwarzen, die sich stets durch den Stoff abzeichnen!).

Martin meidet trotz aller merklich spürbaren persönlichen Leidenschaft für ›seine‹ 68er-Gegen- & Musikkultur einseitige Polemik oder platte Parteilichkeit (einige Stellen wirken zwar wie blauäugige Verklärung, werden aber durch entsprechend wehmütige Schilderungen zerbrochener Träume aufgewogen). — Was das ideologische Parkett betrifft, gibt sich Martin als skeptischer Gegner von Fanatismen, Bevormundung & Beengung jeglicher Coleur zu erkennen und der Roman schließt mit dem beherzigenswerten Fazit, dass Menschen und persönliche Beziehungen im Leben wichtiger und bereichernder sind, als mit kämpferischem Zorn für eine Sache zu stehen.
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Reading Progress

December 20, 2014 – Shelved
December 20, 2014 – Shelved as: to-read
December 20, 2014 – Shelved as: 2014
December 20, 2014 – Shelved as: crime-thriller
December 20, 2014 – Shelved as: fantasy
December 20, 2014 – Shelved as: horror
December 20, 2014 – Shelved as: literary
December 26, 2014 – Started Reading
December 26, 2014 –
page 18
4.6% "Hach … hab ich zuerst vor fast 20 Jahren in der Heyne-Ausgabe gelesen."
December 27, 2014 –
page 83
21.23% "Einfach nur schön. Will auch ein rastloser Ex-Hippie-Schriftsteller sein!"
December 31, 2014 –
page 138
35.29% "Episodische Stationen heißt noch lange nicht, daß ein Roman schwach sein muss, wie dieses Buch klar verdeutlicht. Lustig finde ich, wie Martin »Disco« als wichtigen Nebenbösewicht für die Veteranen der Alternativ- & Rock`n Roll-Kultur beschreibt."
January 7, 2015 –
page 192
49.1%
January 17, 2015 –
page 328
83.89% "Finale hebt an und mittlerweile gabs die ersten großen Abschnitte mit intensiven Rock-Konzertbeschreibungen der fiktiven Gruppe Nazgul."
January 23, 2015 – Finished Reading
January 25, 2015 –
page 391
100.0% "Uff. Was für ein Finale! Und am Ende versöhnlich. Ganz große Klasse."
January 25, 2015 – Shelved as: all-time-favorites
February 11, 2015 – Shelved as: golkonda-verlag

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