Ein zentraler Glaubenssatz unserer Zeit lautet: Um eine Vergangenheit zu »bewältigen«, muß man die Erinnerung an sie ständig wachhalten. Christian Meier, einer der bedeutendsten deutschen Historiker, stellt diese Geschichtsversessenheit in seinem brillanten Essay in Frage. Er weist nach, daß in früheren Zeiten nicht Erinnern, sondern Vergessen das Heilmittel war, mit einer schlimmen Vergangenheit fertigzuwerden.
Christian Meier ist die Weltgeschichte durchgegangen, um herauszufinden, was die Menschen früher taten, wenn sie nach Kriegen oder Bürgerkriegen Versöhnung suchten. Sein Befund ist ebenso erstaunlich wie einfach: Die Welt setzte seit den alten Griechen auf Vergessen. Die deutschen Verbrechen der NS-Zeit aber konnten nicht vergessen werden. Die öffentliche Erinnerung an sie war und ist unabweisbar. Und bei allem Ungenügen: Die Auseinandersetzung damit hat sich gelohnt. Gilt also seitdem eine neue Regel? Wie ist etwa mit der Erinnerung an das Unrecht später gestürzter Diktaturen, zumal des SEDRegimes, umzugehen? Wäre vielleicht auch heute Vergessen eher angebracht als Erinnerung?
=To forget the commandment and the imperative of remembering: From the public dealing with worse past
Die Perspektive des Althistorikers ist interessant, denn auch andere Wissenschaftler haben aus alter Geschichte heraus erklärt wie Erinnern funktioniert, v.a. der Altägyptologe Jan Assmann, aber Meier argumentiert umgekehrt. Vergessen war immer ein wichtiger Bestandteil von Gesellschaften, gerade wenn es nach Kriegen und Auseinandersetzungen darum ging, wieder friedlich zusammen zu leben. Nichtsdestotrotz funktionierte dieses Vergessen nicht immer umfassend; immer wieder gab es dennoch entsprechende Prozesse und Racheaktionen. Meier führt dabei einige Beispiele an und zeigt, dass so richtig erst in der BRD mit einer entgegengesetzten Strategie begonnen wurde, wenn auch nicht direkt nach 45. Selbst Churchill setzte eher auf Vergessen. Auch in anderen Ländern wird Amnestie of praktiziert, bestes Beispiel sind die Wahrheitskommissionen in Südafrika. Am Ende geht Meier auch auf den Umgang mit der Wiedervereinigung in Ost und West ein, dieser Teil wirkt ein wenig angeklebt, ist aber nicht weniger interessant. Das ist inhaltlich alles interessant, faktisch in vieler Hinsicht sicher auch richtig, doch dort, wo Meier seine eigene Meinung wiedergibt nicht immer überzeugend. So schreibt er angesichts der Verstrickung der deutschen Bevölkerung in Verbrechen: „Und viele haben sich doch wahrhaft geschämt (dass sie das mit polternden Unschuldsbeteuerungen kompensieren, ändert nichts daran).“ Da fragt man sich, woher Meier das wissen will. Seine These ist, dass schlimme Verbrechen so lange beschwiegen werden müssen bis man aus ihrem unmittelbaren Schatten heraus ist. Auch da kann man geteilter Meinung sein, wenn es um Themen wie Entschädigung oder Aufzeichnung von Verbrechen geht. Jedes Zögern würde bedeuten, dass Zeugen verloren gehen und Entschädigungen weniger Opfer erreichen.
I am not entirely sure to which degree a point has been made regarding the title, but it was nonetheless quite interesting. Not exactly what I expected (and hoped for?), though.