In dem Buch feiern zwei Themen fröhlich, aber ernsthaft kulturgeschichtliche Vermählung: Politik und Wein. Die Bedeutung des Themas kredenzt Bergmann passenderweise gleich mit dem Aperitif auf Seite 8: „Wein kann durchaus ein – obwohl bloß kleiner und mancherstaats unterschätzter – Teil der Identitätskonstruktion einer Nation sein.“ Er stellt fest, dass über „das bundespräsidiale Ausschankverhalten diverse Anekdoten, manche Kritik und allerlei Vorurteile bis hin zur üblen Nachrede existieren“ das alles ein aber, so Bergmanns Grundthese, „allerdings weniger den tatsächlich ausgeschenkten Gewächsen geschuldet als dem Image des jeweiligen Bundespräsidenten wie dem des deutschen Weins in der jeweiligen Zeit.“
Nachdem er den Leser mit den nötigen Grundlagen versorgt hat, nimmt er ihn im Laufschritt mit durch Kaiserreich, Weimarer Republik und Nationalsozialismus, um dann nach 60 Seiten zur frühen „Bonner Republik“ und dem Protokoll der Bundesrepublik Deutschland zu kommen. Anhand der unterschiedlichen Regierungschefs und Staatsoberhäupter zeichnet er kenntnisreich nach, wie Zeitgeist in Verbindung mit der besonderen Persönlichkeit des jeweiligen Amtsinhabers dem Wein-Protokoll ihre besondere Prägung gaben. Von der Wein-Diplomatie Adenauers über die betonte äußere Nüchternheit Theodor Heuss („Pathos der Nüchternheit“), dem lebensfrohen Genießer Walter Scheels („Mehr Protokoll wagen“) und der Jetzt-Zeit wirft Bergmann auf fast 70 Jahre Bundesrepublik einen neuen, erfrischenden Blick und räumt en passant mit dem einen und anderen fragwürdigen Unterstellung auf.
Der Autor, der mit einer Dissertation über den Bundestagswahlkampf 1998 promoviert wurde (letztlich geht es in „Mit Wein Staat machen“ ebenfalls um politische Kommunikation), kennt als langjähriger Mitarbeiter im Bundespräsidialamt als Redenschreiber für Horst Köhler und später den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert das Staatsprotokoll aus nächster Nähe und verfügt über ein breites Netzwerk, das ihm Zugang zu zahlreichen Quellen ermöglichte. Umfangreiche Recherchen (insbesondere im politischen Archiv des Auswärtigen Amtes) sowie zahlreichen Hintergrundgesprächen (u.a. mit dem Protokollchef der Bundesregierung Bernhard von Planitz), Recherchen vor Ort wie auch die Erschließung exklusiver Quellen wie dem Nachlass von Erica Pappritz, der Grande Dame des frühen Bonner Protokolls, ergeben deshalb auf 366 Seiten ein schlüssiges und fundiertes Werk. Umfangreiche Anmerkungen sowie ein Seitenverzeichnis der erwähnten Weingüter runden das Kompendium vollwertig ab. Eine ganz eigene Qualität haben dabei die zahlreichen, sorgfältig zusammengestellten Fotografien: Zeitgeschichtliches mischt sich mit Kuriosem wie z.B. der Staatskarosse Walter Scheels vor dem legendären Weinhaus Maternus in Bad Godesberg.
Ein wahres Lesevergnügen stellt sich deshalb ein, weil Bergmann viel Informatives mit kurzweiligen Hintergrundgeschichten und Anekdoten zu einer prallen Kulturgeschichte zu verbinden mag, die ein heiter-ironischer Grundton begleitet.
Eine Empfehlung für jeden, der sich für Politik, Zeitgeschichte, Fragen des Protokolls und vor allem guten Wein interessiert und gleichzeitig Lust auf eine kurzweilige, mit kluger, dezenter Ironie geschriebenes Buch hat. Perfekt also für einen entspannten Herbstabend komplettiert durch das passende Glas Wein aus deutschem Anbau – die meisten der Lagen, Winzer und weine existieren ja schließlich noch.
Diese Sachbuch behandelt das Verhältnis von Wein und Staat und gibt so einen ganz neuen Einblick in die Kulturgeschichte durch Staatsbankette. Das Buch beschreibt durch die Jahr hinweg, wie Wein zu Representationszwecken im staatlichen Kontext genutzt wurde. Der Fokus liegt dabei auf (West-)deutschland und es war wirklich interessant zu sehen wie sich die Weinauswahl in das Gesamtbild einfügt. Es gab viele spannende Fakten zu Protokoll, Staatsbaketten und Wein und ich glaube mit jedem Niveau der Weinkenntnis kann man hier etwas neues lernen. Lediglich die negative Äußerung zur veganen Küche ganz am Anfang hat mich gestört. Ansonsten hat mir das Buch wirklich neue Einblick gegeben und daher sehr gut gefallen. 4,5 Sterne