Lange wurde sie missachtet und unterschätzt. Sie galt als hässlich und austauschbar – zu Unrecht! Denn Bausünde ist nicht gleich Bausünde! Manches, was landläufig als Bausünde bezeichnet wird, ist nur aus der Mode geraten, einiges wurde bereits als Bausünde geplant und anderes wiederum ist erst nachträglich durch Anbauten, Überformung oder Anstrich in den Stand der Bausünde erhoben worden. So unterschiedlich wie ihre Genese ist auch ihre architektonische Qualität. Je mehr Ablehnung und Unverständnis sie beim Betrachter auslöst, je größer ihr Störfaktor im Stadtbild, desto wahrscheinlicher ist es, dass es sich um eine gute Bausünde handelt, die eine Bereicherung für ihre Stadt sein kann. Denn eine gute Bausünde hebt sich souverän aus dem unendlichen Meer der schlechten Bausünden ab und besitzt bei genauerer Betrachtung sogar eine gewisse Schönheit und einen ureigenen Charme.
Die Auswahl ist chaotisch und willkürlich, aber es sind immer noch ein paar sehenswerte Gebäude dabei. Leider sind die Fotos sehr matschig und falb reproduziert.
Was ich gar nicht verstehe ist der Ansatz: die Autorin macht sich auf recht unkomische* Weise über Gebäude lustig, die sie eigentlich gut finden und verteidigen will? Hä? Insgesamt ist das Buch ein einziges Missverständnis, 2 Punkte fürs gute Erklären von ein paar Fachbegriffen und für eine Idee, die da irgendwo mal drinsteckte.
*ein Humor über Scharbeutz ist z.B. es sei "nicht die Dritte Welt" ???, stilistisch uneinheitliche Gebäude werden "Schizo-Häuser" genannt?? Also, ich mags nicht.
Achtung: Die Bilder dieses Buches sind nicht schön anzusehen. Sie irritieren und öffnen die Augen und verderben einem die nächsten Spaziergänge und Einkauftouren in den Städten der Umgegend, denn ganz ehrlich, wenn man die Maßstäbe dieses Buches ansetzt, sind über die Hälfte der Nutzbauten in gewissen Gegenden Bausünden. Bausünden sind somit überall um uns herum. In jeder Stadt, aber kaum so gehäuft wie in Berlin (oder auf Unigeländen). Es geht um Nutzbauten, um lieblose, geschmacklose Erweiterungsbauten und geschmackliche Verirrungen und Verwirrungen.
Meine Highlights sind S. 40 und die Kirche im Bunkerstil auf S. 48.
Einige der angeblichen Bausünden finde ich persönlich nicht gar so schlimm, mache sogar recht gelungen (S. 157 (Schande über mich)). Kitschig ja, aber insgesamt soweit stimmig. Ja, der Geschmack der 60er – 80er Jahre des letzten Jahrhunderts erscheint derzeitig streckenweise fragwürdig, das war aber damals mit dem Jungendstil genauso, den heute fast alle wieder gut finden. Viele Bilder zeigen einfach nur die alltägliche Hässlichkeit vieler (Nutz-)bauten, deren Ursache teils in Geldmangel und teils in zu viel Geld zu suchen sind. Herumhacken auf dem teils sehr konträren Geschmack von Besitzern von Doppelhaushälften hinterlässt schon ein Gschmäckle, vor allem, wenn man gegen Uniformität ist und Individualität erfrischend findet und das nicht als Bausünde ansieht, sondern als Portfolio der Möglichkeiten, die Reihenhäuser so in der unterschiedlichen Gestaltung bieten, ich finde, je bunter und individueller, desto besser.
Was das Buch aber so böse und ironisch macht, sind die Bildunterschriften. Hier einige gelungene Beispiele: „ Weimar – Der Fußgängertunnel verbindet den liebevoll gestalteten Bahnhofsvorplatz mit dem Areal hinter der Bahnanlage. Ihn zu durchqueren, verspricht einen kräftigen Adrenalinschub und dauert gefühlte zwanzig Minuten.“ (S. 30) (Die Dame hätte vor ein paar Jahren mal die Tunnels unter dem Siegesdenkmal in Freiburg durchqueren sollen). „Berlin – Das Außengelände dieser Kita an einer dreispurigen Durchgangsstraße in Charlottenburg trägt maßgeblich zur frühzeitigen Abhärtung der Atemwege der jungen Stadtbewohner bei und erhöht deren spätere Lärmtoleranz.“ (S 31).
Dem tristen Thema angemessen, sind die Bilder nicht auf Hochglanzpapier gedruckt, sondern auf mattem Umweltschutzpapier.
Fazit: Nett zum Anschauen, unterhaltsam und die Aufmerksamkeit gegenüber den einen täglich umgebenden Bausünden weckend. Dennoch kein Buch, dass man unbedingt haben muss.
Eine stilvolle Betrachtung deutscher Gross- und Kleinstädte und deren Bereicherung des Stadtbildes durch bauliche Stolpersteine. Tolle Fotos und ein Begleittext, der einen immer wieder zum Lachen bringt. Toll!