Ein gutgeschriebenes und humorvoll untermaltes Buch - es lässt sich leicht lesen und man kann als Leser auch den Gedankengängen sehr gut folgen. Allerdings fehlt mir eine gewisse Logik im Aufbau, etwas Übersicht und Struktur. Ich hatte über das gesamte Buch hinweg immer wieder das Gefühl, als wäre all das (gute!) Wissen zum Thema Narzissmus spontan runtergeschrieben worden. So fällt es als Laie natürlich schwer, den Stoff einfach zu greifen und für sich einzuordnen.
HAGEMEYER erklärt das Phänomen des Narzissmus als eine im DSM-5 anerkannte psychische Bewertungsstörung, die i. d. R. durch (früh)kindliche Selbstwertverletzungen oder -prägungen ausgelöst wird – oft durch eine starke Vernachlässigung, durch eine an Bedingungen geknüpfte Liebe und Anerkennung teilweise auch weitergegeben durch narzisstische Eltern. Dieses Defizit führt dazu, dass betroffene Menschen unbewusst eine tiefe Trauer in sich tragen und u. U. ein Leben lang auf der Suche nach der verwehrten bedingungslosen Liebe sind. Da dieses Gefühl jedoch nicht richtig verstanden wurde, äußert sich das meist in einer Anerkennungs- und Aufmerksamkeitssucht. Diesem Bedürfnis wird nicht nur im zwischenmenschlichen Leben oft unkontrolliert nachgegangen, sondern unter anderem auch dadurch, dass man sich selbst stark überhöht, andere ggf. abwertet und sich so selbst (durch falsche Bewertung) das Gefühl gibt, besonders bzw. liebenswert/genug zu sein. Weiter wird das verhalten oftmals gekennzeichnet durch ein hohes Geltungsbedürfnis und Angst vor Zurückweisung und Ablehnung. Einem Narzissten können viele Wege recht sein auf der Suche nach der Annahme von anderen, u. a. starke Selbstinszenierung, Empathiemangel, Manipulation, Lügen, Umdeuten der eigenen oder fremden Realität (Gaslighting) und Idealisierung des eigenen Lebens(umfelds).
Zu beachten ist, dass Narzissmus in jedem Menschen natürlich verankert ist und besonders in der Jugend stärker zum Vorschein kommt – entscheidend für die Diagnose ist jedoch der hohe Ausprägungsgrad (wie stark werden narzisstische Verhaltensmuster an den Tag gelegt UND wie häufig werden diese wiederholt).
Eine Chance zur Heilung gibt es nach Hagemeyer, wenn das innere „Narzissmus-Monster“ gebändigt und verbannt wird. Ein Narzisst hat ein gespaltenes Selbst – ein aufgesetztes, sichtbares, anerkennungsbedürftiges Selbst (= Monster) und ein authentisches, unterdrücktes Selbst. Das Monster mit unstillbarem Hunger kontrolliert den Menschen/Narzissten und gibt ihm meist keine Fläche, um das authentische Selbst zu leben. Alles worum es sich im Leben nun dreht ist die Anerkennungsgier und das Bedürfnis nach Annahme. Da das narzisstische Monster jedoch fälschlicherweise glaubt, das die Befriedigung durch Leistung und Wichtigkeit erreicht werden kann (was dem authentischen Selbst aber nichts bringt), ist die Suche nach einem erfüllten Leben scheinbar endlos.
Erwähnenswert ist die Haltung von Hagemeyer zum Umgang mit Narzissten. Sie stellt beinahe eine Gegenposition zum aktuell stark pulsierenden Narzissmus-Bashing dar: Die Persönlichkeit mit Narzissmus lässt sich verstehen. Narzissten sind (wie alle Menschen) im Grunde gut, werden aber durch ein enormes psychisches Trauma (Monster) innerlich gejagt und unkontrollierbar in eine falsche Realität gesetzt. Man sollte nicht vergessen, dass ein Narzisst ein im Selbstwert stark verletzter Mensch ist. Narzissten sollten wie alle anderen Menschen auch mit Würde behandelt werden (selbstverständlich bei gleichzeitiger Vermeidung sämtlicher Schäden, die durch narzisstisches Verhalten ausgelöst werden können) – ein wohlwollender Dialog, ein anerkennender Blick und ein verständnisvoller Umgang können das narzisstische Monster besänftigen und so dem authentischem Selbst/Menschen einen Platz im Leben geben.