Welche Verbindung besteht zwischen Moses und uns? Man ist versucht zu antworten: die Verbindung, die die Allgemeinbildung garantiert. Es gibt keine Galerie großer Männer, die seinen Namen nicht anführte, ja keine, die nicht mit seinem Namen begänne, denn im Bewußtsein des Mannes auf der Straße steht Moses zeitlich an der ersten Stelle. Er ist der Älteste unter den Religionsstiftern, Gesetzgebern und Sittenlehrern, sogar unter den Eroberern. Zoroaster, Jesus, Mohammed, Solon, Justinian, Robespierre; Sokrates, Konfuzius, Rousseau; Alexander, Caesar und Tschingis Khan werden immer erst nach ihm genannt. Die Reihe der Menschheitshelden beginnt bei ihm. Zahllose bildnerische, musikalische und literarische Werke haben das Thema Moses, seinen Namen und sein Antlitz unserem Geiste immer wieder vorgeführt.
André Neher (1914–88) war Franzose und jüdischer Gelehrter. Seine Monografie erzählt den Mythos Moses und das jüdische Selbstverständnis unbescheidener als ich es z.B. aus Stembergers Kurz-Einführung kenne, und verdient vielleicht eine bessere Bewertung, weil es sowas wie einen historischen "Sehnsuchtsort" im jüdischen Gefühlsleben zu umreißen vermag, eher als der "institutionelle" Stemberger, der mehr zu Heirat, Schule, Riten, Gesetz usw. schrieb, zumindest in seinem Kurzbuch.
Stellenweise war Nehers Moses etwas ermüdend, manchmal schwafelig und assoziativ-exkursiv, manchmal zu viel Namedropping, was es für theologisch und volkskundlich Bewandertere möglicherweise spannender macht. Ich bin nur interessierter, nichtreligiöser Laie. Falls wenig hängen bleibt, dann zumindest die Standardbegriffe wie Dekalog (Deka=10: 10 Gebote), Pentateuch (Penta=5: ersten 5 Bücher AT) usw.
Enthält zahlreiche Fotos von ägypt. Bauten und Pharaostatuen, versch. hist. Illustrationen mit Moses u.a. (Haggadot), gute Kurzfassung der Geschichte um Moses, umrandet mit Kommentar (wie im Talmud) zur realhistorischen Einordnung entweder bei Thutmosis III (links) oder Ramses II (rechts).
Während andere Religionen Moses jeweils auf ihre Weise "eingemeinden", sei er eben nur bei den Juden authentisch: Neher begründet das Selbstverständnis der Juden – in Abgrenzung von weltabgewandten, ahistorischen/abstrakteren/metaphorischen Vorstellungen – mit der historischen Erzählung: dem Exodus der Israeliten aus Ägypten als Befreiung aus Sklaverei und Genozid, den Lehren aus 40 Jahren Wüstenwanderung, die aus den befreiten Sklaven erst ein Volk gemacht hätte, Diaspora als neuer Zug durch die Wüste etc. Die jüdische Typologie von Gut und Böse habe nicht Gott und Satan als Gegenspieler gewählt (139), sondern Schechina (Gott-im-Exil: Exil & Offenbarung gehörten zusammen) und Amalek bzw. die Reinkarnationen "dieses Volkes, das als erstes Israel in der Wüste quälte" (ebd.) – Nebukadnezar (Babylon/Irak), Haman (Persien/Iran), Titus (römisch-jüdischer Krieg), Torquemada (span. Großinquisitor), Chmielnicki (Ukraine/Polen) und Adolf Hitler.