Schwanitz war von Beruf Anglist und von Berufung Universalgelehrter. Und so geht er daran, uns den Antisemitismus unter der besonderen Berücksichtigung der Figur des Shylock zu erklären. Und besondere Berücksichtigung heißt besondere Berücksichtigung, rein vom Umfang und der Intensität her. Da bekommen wir es mit subtiler Interpretation (nebst Alternativ-Interpretationen) zu tun, und wie sich zeigt, kann man dann, so ziemlich alles, jedenfalls ganz sicher die Geschichte des Antisemitismus verstehen, wenn man erst einmal das Shylock-Syndrom verinnerlicht hat.
Nun führte der Antisemitismus in Deutschland zum Holocaust, und da erscheint es auf den ersten Blick etwas frivol, wenn man die fiktionale Gestalt des Shylock mindestens so wichtig, und tatsächlich viel wichtiger findet als reale Gestalten wie Dreyfus oder Hitler.
Aber, und das macht den Reiz des Buches aus, der schiere Enthusiasmus, mit dem Schwanitz sein Thema behandelt, lässt die Vorbehalte schnell verblassen. (Und es ist ja tatsächlich so, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, dass das echte, weil emotionale Verständnis, trotz Studiums, erst durch die Fernsehserie Holocaust entstand.)
Und Neues gelernt, wie über den erstaunlichen Lebenslauf des Hans Ernst Schneider, SS-Mann und Referent im „Ahnenerbe“ und später, unter anderem Namen linksliberaler Rektor einer deutschen Hochschule, nachdem er sich „selbst entnazifiziert“ hatte. Oder die Geschichte von Soll und Haben, das ich also doch einmal lesen sollte. Und erhellend erinnert wurde ich an die unsägliche Tauf- (Umtauf?)Geschichte der Uni Düsseldorf, an die Jenninger-Rede, an Ernst von Weizsäcker, an die Karriere des Disraeli und vieles mehr.
Und zum Schluss: „Deshalb war es ein gewaltiger Sprung vorwärts auf dem Wege der Zivilisation, als sich der Staat von der Religion löste und die innige Liebe unter Brüdern durch die distanzierte Höflichkeit und Fremden ersetzte.“ (268)