"Das Leben des Michelangelo", oder: Die Vergöttlichung eines Künstlers.
Vasaris Lebensbeschreibung des Michelagnolo Buonarroti stellt den Kulminationspunkt des Gesamten Vitenwerkes dar. Jegliche künstlerische Entwicklung mündet - nicht ohne Widerspruch- seinem teleologischen Geschichtsverständnis nach in dem Erlöser der Kunst aus ihrem miserablen Zustand vergeblicher Mühen, Michelangelo.
Schon der Geburt Michelangelos verleiht Vasari ein theologisches Moment: um der Welt, die sich vergebens um eine Wiedergeburt der vollendeten Kunst der Antiken nach dem Verfall der Kunst im Mittelalter bemüht, einen Heiland zu senden, schenkt der himmlische Statthalter Gottvater an einem Sonntag, an dem die Sterne gut standen, den göttlichen Michelangelo, seinen Erzengel (nomen est omen). Michelangelo, der im Verlauf seines Lebens unter schweren körperlichen Leiden arbeitete, vollzieht seine ganz eigene Passionsgeschichte.
Über die Kunst selbst zu schreiben, ist kein Platz, allein soll bemerkt werden, dass sie immerzu "göttlich" ist, allenthalben Staunen hervorbringt, dass Michelangelo schon im Frühwerk die Antike übertrifft und dass der Höhepunkt der gesamten Kunstentwicklung seit ihren Ursprüngen im Jüngsten Gericht der sixtinischen Kappelle mündet. Somit ist die Christus-Allegorie vollkommen.
Wichtig ist auch die Betonung darauf, dass Michelangelo sich seine Aufgaben selber stellte und mehr oder weniger nach Lust und Laune arbeitete, wodurch er pausenlos seine Kunst perfektioniere und gleichzeitig intrinsische Motivation zum Kunstschaffen offenbare.
Seine Informationen in der Vita stützt Vasari auf zum einen auf Briefe aus Michelangelos Umfeld, die er angeblich gesichtet und von ihm (M.) selber, sowie auf persönliche Erfahrung. Sein Verhältnis zu Michelangelo stellt er dabei besonders vertraut und freundschaftlich dar.
Unvollendete Werke sind dabei eigentlich nie Zeichen mangelnder Kräfte und Kapazitäten Michelangelos, sondern immer wertvolle Lehrstücke, an denen sich die Schüler im Nachahmen erproben sollen und anhand derer sie z.B. den Prozess der Bildhauerei erkennen können.
Letztendlich bleibt der Appell an alle nachfolgenden Künstler, die Michelangelo in keinster Weise überbieten könnten, da er der Zenit der Kunst darstellte, forthin selbigen nachzuahmen und seinen Stil zum Tonangebenden für die Ewigkeit zu machen.