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Passend zum Trend verspricht uns die Taschenbuch-Anthologie Der wilde Osten, deren himmelblaues Cover eine braune Konsum-Tüte ziert, "neueste deutsche Literatur". Kommt Ostalgie, nach ihrer schwerfällig-dumpfbackigen Erscheinungsform, nun jung, cool und ironisch daher? Der Verdacht, dass hier billig auf den Wogen des Zeitgeistes gesurft wird, liegt mehr als nahe. Tut man dem Buch und seinem in Köln lebenden Herausgeber damit Unrecht? Eine Lehrverpflichtung am Deutschen Literaturinstitut zog Roland Koch 1998 nach Leipzig; in seinen Seminaren mit jungen Schreibenden entwickelte er die Idee zur Anthologie: erzählte Kindheit und Jugend in der DDR, noch rauchende Geschichte also.
Der Band versammelt Prosa-Stücke von 26 Autorinnen und Autoren -- inzwischen bekannte Namen wie Jochen Schmidt, Antje Rávic Strubel, Terézia Mora oder Falko Hennig, aber auch viele neu zu Entdeckende. Die Ältesten gingen beim Mauerfall bereits auf ihr 30. Jahr zu, die Jüngsten waren eben zehn. Die meisten Geschichten kreisen um Schul- und Familienalltag, große Ferien, Freundschaft, Liebe, den ersten Sex -- wobei sich zeigt, dass die realsozialistische Kindheit nicht allzu weit von der im Westen entfernt war. Auch in Honeckers "Unrechtsstaat" trugen die Jungs Ende der 70er-Jahre Mittelscheitel und den Plaste-Stielkamm in der Gesäßtasche. Wenn, wie etwa in den Texten von Ariane Grundies ("Die Uniform") oder Clemens Meyer ("Seid bereit"), das Hineinwirken des politischen Systems in private Räume gezeigt werden soll, wirken die Figuren seltsam blutleer; Halstuch und Fahnenappell könnten nachträglich aufgeklebte Requisiten sein. Autoren, die wie Tom Schulz ("Höre Bach und die Sterne") oder Jörg Schieke ("Die Geschichte eines Befreiers") herzerfrischend spielerisch mit ihrem Material umgehen, sind selten. Zumeist bewegt man sich brav auf dem sicheren Boden konventioneller Erzählmuster.
Nach Fräulein- und diversen anderen Wundern hat der darbende Buchmarkt neue Helden. In Roland Kochs Sammlung präsentieren sie sich eher als fleißige Handwerker. Ein bisschen wilder hätte man sich den Osten dann doch gewünscht. --Niklas Feldtkamp
255 pages, Paperback
First published November 1, 2002