Einen Höhepunkt im 125-jährigen Jubiläumsjahr des S. Fischer Verlags bildet die Neuübersetzung der mittelalterlichen Isländersagas zur Buchmesse 2011. In der europäischen Literatur sind die Sagas einzig: nirgendwo als auf Island entstand eine solch spannende, in der Volkssprache abgefasste Prosaliteratur. Dashiel Hammet hat auf ihre Dialoge gelauscht, Borges bewunderte ihren zynischen Realismus, und ihre Gegenwärtigkeit verblüfft: betritt man heute die Landschaft ihrer Schauplätze, scheinen nur die alten Helden zu fehlen. Die 64 Sagas der neuen S. Fischer Edition erzählen vom Leben der ersten Siedler auf Island, von der Landnahme, ihren Hofgründungen, Familienfehden und Rechtsstreitigkeiten - und natürlich von ihren Fahrten, die nach Schottland, England und bis nach Rom führten, und nicht zuletzt zu dem legendär rauen Ruf der Isländer beitrugen, denn es ging dabei nicht immer friedlich zu. Eine Neuübersetzung wie diese - vorlegt von den besten literarischen Übersetzern, über die wir im Moment in Deutschland verfügen - und wissenschaftlich ediert von führenden Skandinavisten schließt eine lange als schmerzlich empfundene Lücke. Islands wichtigster Beitrag zur Weltliteratur wird damit dem deutschen Lesepublikum wieder neu zugänglich gemacht. Die bekannten Sagas wie die von den Menschen im Laxárdal oder von dem großen Helden Grettir fehlen ebenso wenig wie die bekannten Sagas z. B. »Die Saga von Brennu-Njáll« sowie die Sagas von Vinland und Grönland, die von der ersten europäischen Entdeckung Amerikas berichten. Die literarisch akzentuierten Neuübersetzungen werden in vier Bänden vorliegen, dazu kommt ein Begleitband der Herausgeber, der in die Welt der Sagas einführt, die Gattung und ihre Geschichte darlegt und in einem umfangreichen Glossar erläutert.
Bd. 1 dieser vierbändigen Werkausgabe aller maßgeblichen Isländersagas enthält die Saga von Gunnlaug Schlangenzunge, die Saga von Egill Skala-Grimsson, die Saga vom kriegerischen Björn aus dem Hitardal, die Erzählung von Gisl Illugason, die Erzählung von Orm Strolofsson, die Erzählung von Porstein Zeltaufspanner, die Saga vom Hühner-Porir, die Saga von Brennu-Njall und die Erzählung von Pirandi und Porhall, wobei die Saga von Brennu-Njall neben der Saga von Egill Skala-Grimsson bereits durch ihren Umfang von annähernd 400 Seiten und ihre herausragende literarische Qualität heraussticht.
Vor einigen Jahren war Island Gastland der Frankfurter Buchmesse und anlässlich dessen wurden zahlreiche Werke isländischer Autoren neu übersetzt. Ich war mit der isländischen Literatur nur durch Laxness (einen meiner Lieblingsautoren) bekannt, hörte einen Vortrag eines der Initiatoren der vorliegenden Werksammlung und war sofort fasziniert. Nachdem ich nun einige Jahre vergeblich nach einer antiquarischen Ausgabe gesucht habe, habe ich in den sauren Apfel gebissen und ale vier Bände neu gekauft und es hat sich gelohnt.
Die isländischen Sagas wurden im 12. Jahrhundert niedergeschrieben, einer Zeit in der sich die europäische Literatur ansonsten auf Minnegesänge beschränkte. Literarisch sind sie mit den großen japanischen Epen der selben Zeit oder mit den großen Epen der Antike zu vergleichen, wobei gerade die herausragenden Epen, wie die Saga von Brennu-Njall einen modernen Krimi in Spannung nicht nachstehen (hier ein Grisham Krimi, denn obwohl nahezu 200 Personen im Laufe der verschiedenen Rachezüge ermordet werden, kulminiert die Spannung in prozessualen Tricks vor dem Allting). Als besonders interessant kommen drei Dinge hinzu: Die meisten Sagas spielen im 10. und 11. Jahrhundert, rund 100-150 Jahre vor ihrer Schöpfung, einer Zeit in der Island besiedelt wurde und in der es alsbald christianisiert wurde; diese Entwicklungen werden auch literarisch reflektiert. Nahezu alle Sagas sind crossrefferenziell, weswegen die sorgfältige Kommentierung nicht nur zeithistorisch interessant ist, sondern auch das Lesevergnügen steigert. Wir wissen unglaublich wenig über das Europa des 10. und 11. Jahrhunderts. Da die Sagas immer wieder reale Ereignisse und real existierende Personen einfließen lassen, bilden sie eine wichtige Erkenntnissquelle über das Leben im Einflussbereich der Wikinger vom Baltikum nach Island, von Nordnorwegen bis nach Zentralengland.