"Brennende Flüchtlingsheime, rechte Gewaltakte und Wahlerfolge rechtspopulistischer Parteien. Wie nicht zuletzt die jüngsten Ereignisse in Deutschland und Europa gezeigt haben, ist die Beschäftigung mit dem Rassismus zwingend erforderlich. Wo liegen die Ursprünge und Ursachen des Rassismus? Was ist Rassismus überhaupt? Wo und wie äußert er sich? Welche gesellschaftliche Funktion besitzt er? Warum wird die »rassistische Karte« bei passender Gelegenheit immer wieder mit Erfolg gespielt? Welche Merkmale und Erscheinungsformen lassen sich benennen? Welchen Einfluss besitzt der Rassismus auf die Gesellschaft? Wie beeinflusst er unser eigenes Denken und Handeln?
Der Erste Band dieser »WISSEN AKTUELL«-Reihe »Rassismus« bietet Einsicht und Aufschluss über ein viel genanntes und dennoch kaum hinterfragtes Phänomen. Er zeigt die Facetten ebenso wie die Folgen des Rassismus in Gesellschaft, Politik und Alltag." source: verlagshaus-roemerweg.de
Tagesaktuell, wie das Buch sein sollte, ist es im Ganzen enttäuschend. Freilich ist es "politisch korrekt" und entlarvt impliziten Rassismus dort, wo er offiziell als abgelehnt erscheint (z.B. im "institutionellen Rassismus"). Auch sind historische Zusammenhänge richtig herausgestellt, so die Kritik an der Rolle der Aufklärer oder ansonsten anerkannter darwinistischer Theoretiker (Haeckel etc.). Man erkennt die Zugrundelegung eines "weiten Rassismus- Begriffs". Diese Stärke des Buches in einzelnen Teilen ist mit Bezug auf Titel und Anliegen als Ganzes aber kontraproduktiv: "Die Geschichte aller bisherigen Klassengesellschaften ist die Geschichte des Rassismus" (S.9). Das klingt griffig, aber was bei Marx mit Blick auf die Klassenkämpfe schon vereinseitig daher kommt, trifft die Komplexität der Herausbildung menschlicher Zivilisation und die Rolle, die "Rassismus" darin spielt, gleich gar nicht. So gefasst meint "Rassismus" alles und jedes, womit der Begriff unscharf wird. Medientechnisch eher wenig ausgebildeten Lesern sei die Lektüre der Kapitel zur "Diskursiven Rassifizierung" (ab S. 133) durchaus empfohlen. Man kann dort lernen, wie "Wir- Gruppen" als in groups über Körperdiskriminierung, Kulturalisierung, Sexualisierung usw. im Gegensatz zum "Anderen" (out group) konstituiert werden. Völlig richtig erscheint der Aspekt "Rassismus" hier als "soziale Konstruktion". Problematisch ist jedoch, dass damit die historisch verfestigte Vorurteilsstruktur als eines Unbewussten weitgehend negiert und stattdessen ein bewusst rassistisches Verhalten mit Blick auf eine beinahe "ewige" (Klassenstaat= 10000 Jahre) "intentionale Strategie" unterstellt wird. Nun würden aber die meisten Menschen, beispielsweise deklassierte AfD- Anhänger, ein von ihnen intendiertes "Macht- und Herrschaftsverhältnis" (S.47) als Grund für Rassismus völlig zu Recht ablehnen, da sie sich kaum als "mächtig" im Sinne der Kapitalakkumulation begreifen können (und es auch nicht sind). Damit wird jede (ansonsten soziologisch gefasste) auf Unterdrückung und Ausbeutung gerichtete Gesellschaftsstruktur "rassistisch" gedeutet und vereinnahmt, obwohl der konkret-ökonomische Bezug letztendlich nur ziemlich allgemein in den Kapiteln "Beraubung und Enteignung" (S.250ff.), "Sklaverei und Zwangsarbeit" (S.255ff.) und "Kolonisierung" (S.259ff.) knapp abgehandelt wird. Stattdessen findet der Leser Erläuterungen zur "Kranken- und Behindertenfeindlichkeit" (S. 70ff.) und zum "Antifeminismus" (S.76ff.). Was hat das, sofern es sich nicht um migrantische Menschen mit Behinderungen oder meinetwegen asiatisch aussehende Frauen handelt, mit "Rassismus" zu tun? Hier wird der Begriff aufgelöst und unpraktisch, wenn es darum geht, ein gegen andere Menschen aufgrund äußerlicher und als "rassisch" konnotierter Merkmale (Hautfarbe, Augen- oder Mundform etc.) gerichtetes Handeln als solches zu erkennen und zu verurteilen. Es ist eben nicht dasselbe, ob ich von der Pharma- Industrie als Frau diskriminiert werde, indem ich Medikamentendosen verschrieben bekomme, die am Durchschnitts- Mann getestet wurden, oder ob mir aufgrund meiner Hautfarbe eine Behandlung verweigert wird. Uneinsichtig ist auch die Verwischung der (historischen) Grenzen zwischen Anti- Judaismus und Anti- Semitismus. Antike "Judenfeindschaft" als "antiken Rassismus" (S.80ff.) zu begreifen, womöglich ausgeübt durch den schwarzen Kirchenvater Augustinus, ist genauso wenig einsichtig wie die Konnotation christlicher Judenfeindschaft als "rassistisch", indem man bildliche Darstellungen an Kirchen zur Illustration heran zieht. In der Tat sind das eben "Illustrationen", also scheinbare Anzeichen, die an der Sache vorbei gehen. Luthers Judenfeindschaft, die durchaus nicht von Anfang an vorhanden war, folgt aus der Enttäuschung darüber, die Juden nicht zur Konversion bringen zu können. Man sieht die eindeutig theologische Grundlage, denn das Merkmal einer "rassistischen" Stigmatisierung beispielsweise durch die Verhöhnung mit dem Schweins-Symbol" ist an das Jude- Sein im Sinne der Religion und nicht an schwarze Haare oder etwas gebunden, das nach der Konversion erhalten bliebe. Ein im Mittelalter konvertierter Jude ist genauso assimiliert wie ein im Mittelalter in ungarische Familien eingeheirateter Zigeuner und das Beispiel Puschkins zeigt deutlich, wie sehr "moderne" bürgerliche Auffassungen Voraussetzung für Rassismus sind. Immerhin konnte der Enkel eines äthiopischen Sklaven im 19. Jahrhundert in den Adelsrang aufsteigen und zum russischen Nationaldichter werden. Ikonografisch entschärft hat man die Physiognomie des Dichters erst ab dem späten 19. Jahrhundert und in der Sowjetunion, wobei die Abstammung des Dichters nie wirklich verschwiegen wurde. Biologistisch motivierter Rassismus ist eben doch etwas anderes, als die Feindschaft von Wir- oder Ihr- bezogenen Gruppen in Geschlechter- oder Klassenverhältnissen. Dasselbe ließe sich im Vergleich des "antiziganistischen" (S.67ff.) oder meinetwegen "Antiasiatismus" (S.72f) zum "antiirischen Rassismus" (S.73ff.) sagen. Letzterer dürfte im europäischen Allgemeinbewusstsein entweder nie angekommen oder erloschen sein. Wer würde einen Iren in Deutschland ernsthaft "rassistisch" angehen? Damit ist auch gesagt, dass "Rassismus" meines Erachtens eben doch an Vorurteilsstrukturen und an physiologische Äußerlichkeiten gebunden ist. Wenn die Engländer jetzt aus der "Wir- Gruppe" der EU ausscheiden, werden sie deshalb nicht rassistisch verfolgt werden, was den ziganen Angehörigen derselben "Wir- Gruppe" immerhin passiert. Diese Unschärfen entwerten das Buch aus meiner Sicht mit Blick auf das Anliegen. Davon ab sind die Ausführungen etwa zur "Diskursive(n) Rassifizierung" (S.133ff.), wie schon angedeutet, für sich genommen informativ. Man lernt durchaus etwas über Herabsetzungsstrategien, wenn etwa die Diffamierung des FDP- Politikers Philipp Rösler als "'Fipsi' Rösler" auf einer Webseite der Grünen mit der Anlehnung an den Begriff "Fidschi" erklärt wird. Allerdings sieht man hier, dass Bühl auch als Medientheoretiker von den angeprangerten Strategien selbst nicht frei ist, indem er die Begriffs-Verwendung als in der DDR entstanden und auf vietnamesische Vertragsarbeiter begrenzt bezeichnet. Da kommt ein anderes Ideologem durch und man wundert sich eigentlich, warum die Begriffe "Ossi" und "Wessi" nicht in die Illustration rassistischer Abgrenzungsstrategien zum Zwecke des Machterwerbs bzw. Machterhalts der Wessi- über die Ossi- Gruppe einbezogen werden. Immerhin enthält die Konnotation der "Ossi- Gruppe" doch alle Kriterien einer abgewerteten und ausgebeuteten Minderheit, zumal in Attribuierungen wie langhaarig (früher) oder glatzköpfig (heute) resp. Jeansjacken- (früher) oder Springerstiefel- Träger (heute) auch noch äußerliche Abgrenzungsmerkmale hinzu kommen. Das zugespitzte Beispiel zeigt: Hier würde sich der Rassismus- Begriff endgültig auflösen. Dieser Gefahr in anderen Zusammenhängen nicht entgangen zu sein, muss man Achim Bühl (wie einigen Teilen der aktuellen Rassismnus- Forschung) vorwerfen.