Herbert Zand wuchs als Kleinbauernsohn im österreichischen Salzkammergut auf. Er schloß lediglich die Pflichtschule ab und hatte keine weitere Ausbildung. Schon als Bub schrieb er Gedichte. Seine Begabung fiel seinem Hauptschuldirektor auf, der ihn mit Hermann Broch und Jakob Wassermann bekannt machte, die zeitweise in Altaussee lebten. Frank Thiess, damals ebenso in Altaussee, korrigierte seine ersten Schreibversuche.
Mit 18 Jahren wurde er als Infanterist zur Ostfront eingezogen. Er wurde schwer verletzt und überlebte nur knapp. Einige Splitter in seinem Körper konnten nie entfernt werden und bildeten bleibende Eiterherde, die ihn sein Leben lang beeinträchtigten und schließlich seine Nieren zerstörten.
Nach dem Krieg arbeitete Zand im Verlagswesen und als Übersetzer. Er übersetzte Rimbaud, Mallarmé, Baudelaire, Henry Miller, Lawrence Durrell und Anaïs Nin, die erforderlichen Sprachkenntnisse erwarb er sich als Autodidakt. Zu seinem Freundeskreis zählten u.a. Gerhard Fritsch, Hermann Bloch, Paul Celan, Elias Canetti, die ihn als Schriftsteller genauso wie als Menschen überaus schätzten.
Sein Werk umfasst mehrere Romane, Erzählungen, Essays und Gedichte. Von seinem ersten Roman Sonnenstadt distanzierte er sich später, einen zweiten zog er kurz vor der Veröffentlichung zurück. Es ging ihm nie um Karriere, Verkauf und Erfolg, es ging ihm ausschließlich um die Suche nach der adäquaten Sprache, um seinem Erleben und Empfinden Ausdruck zu verleihen. Dabei war er völlig kompromisslos und unnachgiebig mit sich selbst. Sein in sechsjähriger Arbeit entstandenes Hauptwerk hielt er für misslungen und verbrannte es kurzerhand.
Herbert Zand starb 1970 mit nur 47 Jahren an den Folgen seiner Kriegsverletzungen.
Elias Canetti sagt über Herbert Zand: "Seine Worte sind vom Schweigen genährt: es wird den Lärm, der uns mit Taubheit schlägt, überdauern."
• Anton Wildgans-Preis 1966 • Förderungspreis der österreichischen Industrie 1966 • Förderungspreis zum Österreichischen Staatspreis für Literatur 1952 • Literaturpreis des Landes Steiermark 1974 (posthum verliehen)
Er ist für mich die Entdeckung des Jahres, Herbert Zand, der vergessene Autor aus dem oberösterreichischen Knoppen. Nach seinem Roman Letzte Ausfahrt hat mich auch dieser Sammelband mit Erzählungen nachhaltig beeindruckt. Am Anfang steht die schon 1956 als Buch erschienene, etwa 100 Seiten lange Novelle der Weg nach Hassi el emel, es folgen 16 kurze, zwischen 1955 und 1968 entstande, zu Lebzeiten Zands unveröffentlichte Geschichten.
Der Weg nach Hassi el emel (dt. Brunnen der Hoffnung) ließ mich an Camus denken. Eine Spur im Wüstensand ist die schwache, aber einzige Hoffnung von Christopher Hall, der den Absturz eines Versuchsflugzeugs gerade überlebt hat. In den ersten drei Teilen begleitet ihn der Leser, die Leserin bei seinem Marsch auf dieser Spur und dem aussichtslosen Kampf gegen Hitze, Durst und die Hyänen. Mit einer immer traumartiger werdenden, symbolistisch aufgeladenen Sprache beschreibt Zand eindrucksvoll die Übergänge des Bewußtseins von der totalen Erschöpfung zu Halluzinationen bis hin zum Delirium. Im vierten Teil begleiten wir dann Christophers Frau in ihrer Ungewissheit über das Schicksal des Vermissten. Für mich war das der bewegendste Teil. Das Wechselbad der Gefühle und Gedanken in so einer Extremsituation, zwischen Hoffnung und Resignation, Ruhelosigkeit, Ohnmacht, Erinnerungen - diesen inneren Aufruhr dermaßen glaubwürdig und hautnah in Worte zu fassen, zeigt die große sprachliche Kunst von Herbert Zand.
Ganz anders die Kurzgeschichten, es sind keine typischen Geschichten, vielmehr sensible Beobachtungen kurzer und unspektakulärer, manchmal auch seltsamer Ereignisse oder Situationen, die wie durch ein hochauflösendes Mikroskop betrachtet und in ihren feinsten Nuancen akribisch genau beschrieben werden.
Ihre Hand lag leicht auf seinem Arm, er fühlte den Druck und den Rhythmus des Atems, ein kaum merkbares Heben und Senken, das die Hand bewegte - kaum merkbar zu schnell.
Die meisten Geschichten handeln von Frauen. Vielleicht erleichterte dieser Ansatz, auch im Hinblick auf das damalige Geschlechterbild, soviel psychologisches Empfindungsvermögen und feinfühlige Sinnlichkeit ins Zentrum der Texte zu stellen.
Es ist schwierig, die eigenartige Wirkung der Sprache zu beschreiben. Sie ist bedacht und minutiös ausgearbeitet, sehr empfindsam und zugleich eindringlich und bildhaft. Sie verlangt Aufmerksamkeit und erlaubt kein schlampiges Darüberlesen. Die späteren Erzählungen (sie sind chronologisch angeordnet) haben einen zunehmend poetischen Charakter.
Keine Beobachtung ohne Beobachter. Bei Zand hat man jedoch den Eindruck, er möchte sich als Beobachter geradezu unsichtbar machen. Wenn es heisst, ein Schriftsteller sollte sich selbst möglichst zurücknehmen (oder seine Subjektivität verschleiern), dann ist das hier absolut der Fall. Die Figuren und ihre Handlungen entwickeln sich wie von selbst nach ihrer innewohnenden Logik, der Autor greift nicht ein, verkündet keine Meinung, urteilt nicht, entscheidet nicht, er ist quasi nicht vorhanden.
Das Bemühen sich selbst aus dem Kontext möglichst herauszunehmen, wird in der Erzählung Überlegungen eines Boten direkt angesprochen. Ein Bote erzählt von den Eigenheiten seines Berufs:
Unsere erste Pflicht ist, der erhaltenen Botschaft keine eigenen Meinungen beizumischen. Die Botschaft muß rein und unentstellt übermittelt werden wie eine Münze frisch vom Prägestock. Dabei sind die Versuchungen, eine allzu wortreiche Botschaft ein wenig zu kürzen oder ein einsilbiges Wort etwas auszuschmücken, groß...
Herbert Zand nahm sein Ego soweit zurück, dass er seine Texte später gar nicht mehr veröffentlichte, sondern am Dachboden verstauben ließ. Seinen letzten Roman Ich ist ein anderer hatte er noch verbrannt, da er seinen Ansprüchen nicht genügte. In der Erzählung Der Maler Quirini schreibt er dann aber:
Ein Maler, der seine Bilder vernichtet, ist so wenig von ihnen frei wie ein Schriftsteller, der seine Bücher verbrennt, oder wie ein Mann, der seine Geliebte ermordet. Quirini aber sagte von sich, er sei frei.
Dass Herbert Zand diese Freiheit erreicht hat, dafür sprechen seine spätesten Texte. Die letzten beiden Lebensjahre zog er sich in sein Elternhaus in Knoppen zurück, er dürfte seinen baldigen Tod geahnt und angenommen haben. Er starb mit nur 47 Jahren an den Folgen seiner Kriegsverletzung.
Zwischen den Dächern und dem leeren Himmel gibt es keine Widerstände mehr. Auf den Straßen unten kommen die letzten erschöpften Nachzügler an. Sie hatten einen weiten Weg. Ihre Kleider sind verstaubt und von vielen Nachtwachen zerknittert. Aber nun sind auch sie angekommen und blicken sich um und fragen nach dem Ziel. Hier ist das Ziel. Man bleibt und richtet sich ein, so gut es geht. Einmal ist alles zu Ende. Aus ihren Augen bricht Angst. Sie müssen sich erst an das Ende gewöhnen. Man wird ihnen die Maschinenhallen zeigen. Der Tod ist kein Ende. Das Ende ist nicht der Tod. Man gewöhnt sich daran.