Italien 1934: Die zweite Fußballweltmeisterschaft steht bevor, sie wird in Mussolinis Italien ausgetragen, und der »Duce« setzt buchstäblich alles daran, dass es keinen anderen Sieger als eben Italien geben wird. Handfeste Indizien deuten auf Schiedsrichterbestechung und weitere Manipulationen hin. Diesen historischen Hintergrund nimmt der Roman auf und verknüpft ihn mit der fiktiven Geschichte um den US-Sportreporter Nick Soriano, den aus dem Libyen-Krieg in sein Heimatdorf Piagnolia heimgekehrten Guido Ventura und deren Gegenspieler Oberst Briccone, der als Handlanger Mussolinis die Geschicke der WM lenken soll. Bestechungsgelder werden in Cafés übergeben, Dopingmittel den Trinkflaschen der Spieler zugesetzt, Schiedsrichter werden um die Ecke gebracht. Die souverän gegeneinander montierten unterschiedlichen Handlungsebenen und -orte erzeugen Tempo und Spannung. Der Roman folgt dem zeitlichen Ablauf des Turniers und endet beim Endspiel am 10. Juni 1934 in einem furiosen Finale.
„Piagnolia“ ist der Name eines kleinen italienischen Dorfes unweit der Stadt Florenz. Hier geht es noch ganz beschaulich zu, man kennt sich eben. Wir schreiben das Jahr 1934. Ein liebevolles Figurenensemble, fast ein bisschen wie in Schlumpfhausen, bewohnt dieses lauschige Nest:
Der Bürgermeister Agostino ist ein alter Kommunist, der im faschistischen Italien versucht, seinem Dorf noch eine gewisse Unschuld zu bewahren. Der Pfarrer Corello ist stets bemüht, den Pfad Gottes für seine Schäfchen so großzügig wie möglich auszulegen und väterlich-freundschaftliche Ratschläge zu erteilen. Der Bauer Filotti ist ein naiver wie liebenswerter und schwer verliebter Mann, der um die Gunst einer florentinischen Sängerin wirbt und dabei in Geldschwierigkeiten gerät. Der junge Guido Ventura, der nach Jahren wieder in sein Heimatdorf zurückkehrt, findet nicht das vor, was er zu suchen glaubte. Und der Sportjournalist Nick Soriano reist aus New York an, um über die anstehenden Fußballweltmeisterschaft zu berichten, ohne zu ahnen, welches Spiel in Italien tatsächlich gespielt wird.
Vor einer zeitgeschichtlichen Kulisse erzählt der Autor Matthias von Arnim in seinem Debüt „Piagnolia“ eine fiktive Geschichte rund um die realen, rätselhaften Ereignisse der zweiten Fußballweltmeisterschaft im Sommer 1934 in Italien. Dies macht er vor allem sprachlich sehr gekonnt, sein Stil ist redegewandt und transportiert die Atmosphäre der ländlichen Idylle Italiens. An einigen Stellen wird dann und wann die Handlung durch kleine Wiederholungen ausgebremst, hier hatte ich oft das Gefühl, eben erlebte Ereignisse erneut erklärt zu bekommen, was im Gesamtbild das reine Erzählen noch nicht richtig rund erschienen ließ.
Die Figurenzeichnung ist sehr herzlich, alle wichtigen Positionen für eine dynamisches Zusammenspiel sind besetzt. Es gibt einen schlauen, einen ehrlichen, einen väterlichen, einen traurigen, einen bösen, einen noch viel böseren, einen trotteligen und einen kecken Charakter. Dadurch entstehen zwar Protagonisten, die man als Leser sofort annehmen kann, die aber auch stark in ihren vorgegebenen Rollen verharren und mich so wenig überraschen konnten. Sympathisch, aber vorhersehbar.
Den auf dem Klappentext angekündigten Fußball-Krimi konnte ich für mich leider nicht ausfindig machen. Das Buch hat eine tolle Geschichte und ganz viel Fußball zu bieten, allerdings keinen Kriminalplot im eigentlichen Sinne. Es gibt Mord und Erpressung, finstere Machenschaften und Betrügereien, aber der Spannungsbogen bleibt über die Handlung gestreckt insgesamt doch flach, Nervenkitzel findet man dann höchstens bei den Beschreibungen der Fußballspiele, gerade das Finale des Buches dürfte für jeden Fußballfan einem Krimi gleichkommen.
Fazit: Eine Geschichte über die Manipulation und Instrumentalisierung der noch ganz jungen Fußballweltmeisterschaft, bei dessen Lektüre sich ein gewisses Maß an Begeisterung für Fußball als hilfreich erweisen könnte. Da ich bin persönlich mit verschwindend geringer Affinität zum Ballsport ausgestattet bin und mich selbst in EM- und WM-Jahren nicht im geringsten für das Geschehen rund um das Runde und das Eckige interessiere, blieb mir dieser Teil des Buches verschlossen. Wer sich von König Fußball allerdings begeistern und gern vom WM-Fieber packen lässt, dem sei dieses Buch empfohlen, das zusätzlich zum sportlichen Leseerlebnis auch viele interessante politische Aspekte einbringt und Zeitgeschichte mal aus einem anderen Blickwinkel beleuchtet.