August 1914. Endlich hat der große Krieg, den alle kommen spürten, wirklich begonnen. Das junge Paar Fritz und Mila wird gemeinsam mit so vielen anderen in den Taumel aus Kriegsbegeisterung und Feindseligkeit hineingerissen. Doch auch zwischen den beiden scheinen sich unkontrollierbare Gefühle zu erheben: Fritz erhofft sich vom Krieg eine Art Reinigung von verbotenen Gefühlen, die er nicht mal Mila anvertrauen kann, und meldet sich freiwillig an die Front. Und Mila bekommt plötzlich heftige Anfeindungen zu spüren, weil ihr Vater Franzose war und Frankreich jetzt als »Erbfeind« gilt. Als ein als Franzosenhasser bekannter Lehrer stirbt, kommt Mila in Untersuchungshaft. Hochverrat – schnell steht die Anklage im Raum ...
Das Buch 'Der Krieg und das Mädchen' wirft einen Blick auf die Situation in Deutschland kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Jürgen Seidel lässt eine Reihe von Personen auftreten, durch die er verschiedenste Aspekte und Schicksale dieser Zeit aufzeigt. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Einstellung zum Krieg. Da gibt es auf der einen Seite die Glorifizierung und das Einstimmen der Jugend auf Ehre, Ruhm und Heldentod durch ständige Propaganda und auf der anderen Seite die Kriegsgegner, die sich mit ihrer Haltung regelrecht zu Staatsfeinden machen. Auch zeigt sich der tiefsitzende Hass gegen den "Erbfeind" Frankreich, was das Mädchen Mila und ihre Mutter deutlich zu spüren bekommen, da Milas Vater Franzose war. Stellenweise muten diese Anfeindungen schon so extrem und mitunter übertrieben an, dass man beinahe an Paranoia glauben möchte und darüber fast übersieht, wie anders die damalige Gesinnung im Vergleich zur heutigen Sicht doch war. (Obwohl das Heute manchmal gar nicht so weit weg ist von diesem Damals.) Zudem lässt Jürgen Seidel über Fritz, der mit Mila liiert ist, sich aber zu einem Klassenkameraden hingezogen fühlt, das Thema Homosexualität mit einfließen. Interessant ist, dass die meisten Personen "zwei Gesichter" zuhaben scheinen; kaum jemand lässt sich in eine bestimmte Schublade stecken. Es gibt Personen, die man direkt mag, dann aber zwielichtige Züge an den Tag legen, was beim Leser zu Verwirrung und Misstrauen, womöglich sogar Abneigung führen kann. Und umgekehrt gibt es auch diejenigen, denen man zunächst eher negativ gegenüber steht, sich dann aber als sympathischer herausstellen als ursprünglich gedacht. Der zeitliche Rahmen ist zu Beginn noch sehr eng gehalten, mit dem Fortschreiten der Geschichte kommen dann aber auch Zeitraffungen zum Einsatz, bis es dann schließlich heißt: "Der Kaiser ruft zu den Waffen" und die jungen Soldaten dann plötzlich feststellen müssen, wie wenig ruhmreich der Krieg und wie grausam die Realität tatsächlich ist. Sprachlich kann man sich über 'Der Krieg und Das Mädchen' nur lobend äußern. Man begegnet dem ein oder anderen Ausdruck, der etwas fremdartig anmutet und anfangs das Verständnis ein wenig erschweren kann, gleichzeitig dem Leser aber durch diese Authentizität ermöglicht, sich in eine zurückliegende Zeit versetzen zu lassen. Das Buch wird als Jugendbuch geführt mit einer Altersempfehlung ab 12 Jahren. Ich betrachte das Ganze aber mehr als All Age, unter anderen weil mir der Stil des Autors mehr erwachsenenorientiert zu sein scheint. Neben dem Interesse für die Thematik bedarf es hier jedenfalls ein gewisses Maß an geistiger Reife und Auffassungsvermögen, um den gehobenen Stil von Jürgen Seidel wirklich genießen zu können. Und nicht jeder (ob nun 12-jährig oder älter) wird das mögen.
Inhaltlich und sprachlich gibt es an diesem Buch wie gesagt nichts zu beanstanden. Es war für mich eine interessante Erfahrung, es zu lesen und ich bin auch recht schnell durch die 480 Seiten gekommen. Allerdings ist es dem Autor nicht gelungen, auf emotionaler Ebene zu mir durchzudringen und dieses subjektive Empfinden beim Lesen ist für mich letztlich wichtiger als der objektive Eindruck. (Selbst wenn ein Gericht von einem Profikoch mit den besten Zutaten zubereitet wird, ist das kein Garant dafür, dass es auch allen schmeckt.) Ich für meinen Teil habe angesichts der Geschehnisse in dieser Geschichte erschreckend wenig Mitgefühl empfunden oder auch nur mit gefiebert. Wichtig ist für mich auch, dass ich in irgendeiner Form eine Bindung zu den Protagonisten aufbauen kann, was hier leider weder bei Mila noch bei Fritz der Fall war. Mila wirkt anfangs sehr interessant, scheint sie doch jemand zu sein, der sich seine eigenen Gedanken macht und gewillt ist, etwas zu bewegen. Allerdings driftet sie mehr und mehr in den Hintergrund und wird bedauerlicherweise immer passiver. Ihre Ängste und Sorgen dominieren. Die sich entwickelnde Liebesgeschichte hat mich ehrlich gesagt kalt gelassen. (Ich hab es nicht so mit Jugendromanzen.) Auf Fritz' Kampf mit seinen Gefühlen wird intensiv eingegangen, sodass man sich gut in seine Lage einfühlen kann. Leider fand ich seine extrem impulsive Art, die des Öfteren im Einsatz von Gewalt gipfelt, äußerst abschreckend, was bei mir zu einer eher distanzierten Haltung ihm gegenüber geführt und eine aufrichtige Anteilnahme verhindert hat. Ich glaube auch, dass Tempo war nicht so meins. Die Handlung wird größtenteils von Gesprächen dominiert (so zumindest mein Eindruck) und das war wohl etwas zu trocken für mich. Da waren einfach zu wenige Momente, die sich mir bildhaft ins Gedächtnis eingraben konnten und so stehe ich der Geschichte am Ende recht nüchtern gegenüber. Ebenfalls kein gutes Zeichen ist, dass ich jetzt schon sicher bin, dass ich dieses Buch kein zweites Mal lesen werde (diese Gewissheit kommt bei mir selten vor) und vermutlich auch den Autor für mich abhaken kann.
Abschließend sollte ich vielleicht noch bemerken, dass ich, obwohl ich genau weiß, dass die Bücher streng genommen sehr verschieden sind, den Vergleich mit 'Im Westen nichts Neues' nicht aus dem Kopf bekomme. Im Grunde sind für mich beides Bücher, die sich mit dem Ersten Weltkrieg aus deutscher Sicht auseinandersetzen, wenn auch von (zugegeben) völlig unterschiedlichen Standpunkten ausgehend. Nur ist mein Erfahrungsschatz dazu nicht besonders groß, weshalb der historische Hintergrund für mich ausreichend zu sein scheint, um den Vergleich zu ziehen. Und das hat mit Sicherheit meine Meinung zu 'Der Krieg und das Mädchen' beeinflusst - insbesondere da ich 'Im Westen nichts Neues' erst vor Kurzem wieder gelesen habe und es mich praktisch umgehauen hat. Und dann denke ich daran, wie sehr ich mit Paul Bäumer mitgefühlt habe, wie schockiert ich oftmals war und wie ich an anderer Stelle aber auch geschmunzelt habe. Ich denke daran, wie mich der Einklang von Ruhe und Dramatik beeindruckt hat und an die vielen Bilder, die Remarque in meinen Kopf gepflanzt hat und die mich auch dann noch begleiten, wenn ich mit dem Buch längst durch bin. Auf den Punkt gebracht denke ich an all die Dinge, die ich bei Seidel vermisst habe, auch wenn mir klar ist, dass das ein verzehrter Eindruck ist. Man möge mir also diese Sichtweise verzeihen.
Obwohl laut Klappentext dieses Buch über den ersten Weltkrieg hanelt, welcher in 1914 begonnen hat, muss man beim Lesen des Buches feststellen, dass dies nicht so ganz stimmt. Sogar das Attentat is Sarajevo darf man nicht als Beginnn des Krieges sehen, denn dies war eigentlich nur eine Sache zwischen einigen Attentäter und Österreich-Ungarn. Auch wenn Österreich Serbien für den Anschlag verantwortlich stellt, ist dies nur eine Möglichkeit irgendwer für den Anschlag auf Erherzog Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie Chotek den Schuld zu zu schieben. Sollte man dies tatsächlich als Beginn des Krieges sehen wollen, sollte man eigentlich sagen, dass der Krieg am 28. Juni 1914 angefangen hat. Vielleicht sogar, könnze man feststellen, dass der Krieg begonnen hat in März, als die Serben schon angefangen haben den Anschlag zu planen.
Österreich muss auch ganz genau informiert gewesen sein, über die Feierlichkeiten am 28. Juni 1914, dem Veitstag, wo Serbien, Bosnien und Albanien den Schlacht auf dem Amselfeld gegen den Türken in 1389 gedenken wollten, wie jedes Jahr. Leider haben sie den Schglacht verloren. Doch dieser schwarzen Tag bleibt immer bei den Serben als Schicksaltag im kollektiven Gedächtnis geprägt. Wie wir wissen aus der rezente Zeit, wo dies auch für Problem sorgte, als ... sich selbständih machen wollte und Serbien dadurch das Amselfeld als Gedenkstätte verloren hätte.
Wir können sogar sagen, dass Österreich einen Krieg wollte, vor allem eein Teil der Regierung strebte einen Krieg an. Ob nun den Anschlag als willkommenen Vorwand benutzt wurde oder man einfach im Kauf genommen hat, dass der Kronprinz ums Leben kommt lässt sich nicht genau sagen. Sicher ist, dass in der ursprünglichen Planung gar kein Besuch an Sarajevo vorgesehen war. Und ganz bestimmt nicht an diesem bedeutungsvollen Tag. Der für Bosnien-Herzegowina (wo das Attentat statt fand, NICHT in Serbien!), vorgesehenen Planung von Truppenmanöver wurde dann auch ohne Einwände von dem zuständigen Minister genehmigt. Auch Kaiser Franz Joseph I hat keine Bedenken.als er die ursprungliche Pläne sah und billigte den Besuch. Erst nachher wurden Änderungen vorgenommen, worüber weder Franz Joseph, noch Minister Bilinski informiert wurde. Damit wollte man eindeutig einen Krieg provozieren.
Auch im deutschen Reich wurde schon seit Anfang des 20. Jahrhundert den Haß geschürrt auf Fanzosen, Britten und Russen. Und das, obwohl die Deutschen den deutsch-französischen Krieg 1870-1871 gewonnen hatten. Berühmt wurde den Spruch: "jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Britt, jedes Schuß ein Russ". Ab 1921 hat man Gerüchte gestreut, dass Frankreich einen neuen Krieg wollte, obwohl davon keine Zeichen vorhanden waren. Und wo solche Falschberichte (heute wurde man "FAKE NEWS" sagen, einmal die Rund machen, wird jeden Tag etwas neues dazu gedichtet, wobei Russland und England auch bald einbezogen wurde. Teilweise sogar die Juden.
Schon am 2. August 2014 hat Frankreich daraufin die Mobilmachung ausgerufen. Am 4. August erklärte das Kaiserreich Frankreich dann tatsächlich den Krieg, nachdem schon am 1. August Russland ebenfalls einen Kriegsdepeche bekommen hatte.
Wer aber denktr, dass dieses Buch vom Krieg handelt, hat sich getäuscht. Es handelt großenteils von den Jahren davor, wo jeder sich zu freuen schien, dass es doch irgendwann wieder gegen den Erzfeind Frankreich losgehen würde nach 40 Jahre Ruhe. Auch in der Schulke wurde über fast nichts anders geredet.
Das Mädchen Mila, wovon das Buch handelt, hat aber wenig mit den Kriegswirren zu tun, obwohl man das denken würde, wenn man den Buchtitel liest. In wirklichkeit ist es eher ein Jugendbuch, wo es um Fritz und Mila handelt, die irgenwie ein Paar sind. Und viele Seiten handeln also teils nur von den Probleme, wie sie ind jeder Beziehung spielen. Auch die französische Abstammung von Mila sorgt dafür, dass sie zwar immer mehr Anfeindungen ausgesetzt ist, aber der Krieg fängt erst ganz spät an. Erst aus Seite 413 werden die Schüler - und so auch Fritz - in den Krieg geschickt,. Und schon 55 Seiten später ist das Buch zu Ende.
Ich kann also nur nochmals betonen: der Titel ist irreführend. Der Krieg fängt erst ganz spät an und das Mädchen (Mila) hat keine eigene Erfahrungen damit. Wer also denkt etwas über diese Zeit zu lesen und zu lernen solte besser ein anderes Buch wählen. Wer aber ein jugendbuch lesen möchte, über diese Zeit, den werdet wahrscheinlich hier finden, was er sucht.
Milas schon früh tödlich verunglückter Vater war Franzose; die 16-jährige Schülerin erregt mit ihrem französischen Familiennamen im Berlin des Jahres 1914 regelmäßig Aufsehen. Mutter und Tochter leben in einfachen Verhältnissen. Die Mutter arbeitet als Buchhalterin, Mila besucht ein Mädchengymnasium und möchte später einmal Medizin studieren. Für ein Mädchen in ihren Lebensumständen hat Mila mehr als optimistische Zukunftspläne. Zur Verwirklichung ihres Traums tut Mila bisher kaum mehr, als zur Schule zu gehen. Von etwaigen Zweifeln wie Milas Mutter ein Studium finanzieren wird, erfahren die Leser nichts. Als einziges Mädchen hat Mila mit drei gleichaltrigen Jungen einen Künstlerbund gegründet. Die intellektuellen Luftschlösser der Gymnasiasten wirken elitär bis phantastisch; Fritz schreibt sogar heimlich an einem Roman. Mila und ihre Freunde müssen ihre Ansichten nur selten gegenüber Eltern und Ausbildern vertreten, ein Korrektiv für ihre Phantastereien fehlt.
In der aufgeheizten Stimmung kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kommt es in der Wohnung der Pigeons zu einer Haussuchung. Als Witwe eines Franzosen wird Milas Mutter unter Spionageverdacht verhaftet. Relativ spät im Buch setzt damit eine spannende, krimireife Handlung mit zahlreichen abrupten Szenenwechseln ein.
Jürgen Seidel entwickelt einen wichtigen wie spannenden Romanstoff mit seiner Suche danach, wie es im Vorfeld des Ersten Weltkriegs zur überschäumenden Kriegsbegeisterung sehr junger Männer kommen konnte. Rein rechtlich waren diese Jungen noch Kinder (die erst mit 21 Jahren volljährig wurden). Sie selbst fühlten sich mit 17 Jahren erwachsen genug, um in den Krieg zu ziehen. Das sehr persönliche Motiv des Fritz, sich zum Kriegsdienst zu melden, hat meine Erwartung an den Roman leider nicht erfüllt, tiefer in das Denken der Generation der um 1900 geborenen Männer vorzudringen.
In Ansätzen vermittelt der Autor die damals herrschende gesellschaftliche Hierarchie mit festgelegten Rollen als Herr oder Knecht, Bürger oder Bauer, Ehefrau oder Ehemann. Warum gerade Mila aus der für sie vorgesehenen Rolle ausbricht, wird für Leser unserer Zeit nicht deutlich genug gezeigt. Wie genau es sich anfühlte, damals ein 17-jähriges Mädchen zu sein, bleibt zumeist an der Oberfläche oder wird zu modern gedacht (Mutter und Tochter wollten damals sicher keine Freundinnen sein, auch wenn sie in einer Zweier-WG lebten). Als Leser könnte man nach Seidels Darstellung zu dem unzutreffenden Schluss kommen, dass Jugendliche damals viele Freiheiten genossen und im Grad ihrer Unabhängigkeit zwischen Mädchen und Jungen nicht unterschieden wurde.
Für die Zielgruppe ab 12 finde ich ohne weitere Erläuterungen den altertümlichen Stil und den authentische Wortschatz jener Zeit zu anspruchsvoll. Von Zwölfjährigen unserer Zeit würde ich z. B. nicht erwarten, dass sie den Begriff „Rock“ für ein Herren-Jackett kennen oder das Wort "anheimfallen". Für diese Lesergruppe ist eine reine Zeittafel im Anhang ohne weitere Erläuterungen zu den Lebensverhältnissen vermutlich zu knapp. Die 17-jährigen mit ihren abgehobenen Themen bieten jungen Lesern wenig Identifizierungsmöglichkeiten. Gymnasiasten waren Anfang des 20. Jahrhunderts eine winzige Minderheit gegenüber einer Mehrheit von Jugendlichen, die mit 14 in den Beruf starteten. In einer Literaturgattung, die hauptsächlich von Mädchen gelesen wird, wäre dem Buch eine glaubwürdigere Entwicklung der weiblichen Hauptfigur zu wünschen. Vom Thema her ambitioniert, richtet sich der Text mit seinem anspruchsvollen Wortschatz eher an Youngadult-Leser, die über die inhaltlichen Ungereimtheiten nicht hinweglesen werden, falls sie sich zuvor mit den Lebensumständen der Zeit und speziell denen von Frauen beschäftigt haben.