Jump to ratings and reviews
Rate this book

Ein Brief aus England

Rate this book
Es sind die Geheimnisse früherer Generationen, die uns ein Leben lang prägen.

Die erfolgreiche Münchner Geschäftsfrau Sigrid findet eines Abends beim Nachhausekommen ihre Tochter völlig verstört vor. Judith, Mitte zwanzig, stürzt ohne Erklärung aus der gemeinsamen Wohnung. Auf dem Küchentisch entdeckt Sigrid einen geöffneten Brief. Ein Amtsschreiben, in dem steht, dass eine Mrs Linda Hamstad, ehemals Macksiepen, in Manchester gestorben sei und die Verwandtschaft gebeten werde, wegen der Nachlassregelung mit den dortigen Behörden Kontakt aufzunehmen. Linda ist Sigrids Mutter, die kurz vor Kriegsende plötzlich verschwand. Von der Sigrid stets behauptet hatte, sie wäre längst tot. Der sorgsam gehütete Mythos, ihr Schutzwall gegen die unheilvolle Vergangenheit, droht brüchig zu werden. Ist es an der Zeit, ihre Tochter in die Familiengeheimnisse einzuweihen?

286 pages, Paperback

First published April 9, 2013

Loading...
Loading...

About the author

Brigitte Beil

15 books1 follower

Ratings & Reviews

What do you think?
Rate this book

Friends & Following

Create a free account to discover what your friends think of this book!

Community Reviews

5 stars
2 (16%)
4 stars
2 (16%)
3 stars
7 (58%)
2 stars
1 (8%)
1 star
0 (0%)
Displaying 1 - 3 of 3 reviews
Profile Image for Alexandra.
128 reviews112 followers
May 1, 2013
Ein kleiner Einblick:

"Ohne den Brief wäre ich vielleicht unbehelligt durchgekommen bis an mein Lebensende: Sigrid Johansen, erfolgreiche Geschäftsfrau, selbstständig, unabhängig, unanfechtbar. Aber mit diesem Blatt änderte sich alles [...]" Seite 18

Alles schien in Ordnung, als Sigrid abends nach der Arbeit nach Hause kam. Alles unter Kontrolle, wie immer. Doch dann rennt ihre Tochter Judith wütend und verstört an ihr vorbei aus der gemeinsamen Wohnung und knallt die Türe kräftig zu und Sigrid weiß plötzlich, gar nichts mehr ist in Ordnung.
Karola, das ehemalige Kindermädchen von Judith, die gute Seele, die den Haushalt zusammenhielt, kommt ihr mit einem Blatt Papier entgegen. Es ist ein Amtsschreiben aus England, der den Tod von Mrs. Linda Hamstad verkündet - Sigrids Mutter.
Sigrid erzählte ihrer Tochter immer, dass ihre Großmutter schon lange gestorben sei, nämlich als sie - Sigrid - selbst noch ein kleines Kind war.
Nun flattert dieser Brief ins Haus und stellt Sigrid vor die Tatsache, dass sie sich gezwungenermaßen ihrer düsteren Vergangenheit stellen muss, die sie bis dato erfolgreich verdrängt, vergessen hat, gegen die sich sich mit eisiger Kälte und Distanz wunderbar abgeschottet hat.
Dieser Brief ist wie ein Steinwurf ins Wasser, der konzentrische Kreise zieht.
Ihr Schutzwall bröckelt und Familiengeheimnisse brechen Kreis für Kreis hervor...

In letzter Zeit sind Dinge vorgefallen, die alles geändert haben.
Seite 13

Meine Gedanken zu dem Buch:
Die Münchner Autorin Brigitte Beil legt mit "ein Brief aus England" einen Roman vor, der den Leser mitnimmt auf eine Reise in die Vergangenheit. Eine Reise, die Etappe für Etappe eine düstere Familiengeschichte preisgibt, die bis dahin sorgsam versteckt, vergessen, verdrängt wurde.
Eine Familiengeschichte, mit der sich sicherlich in einigen Punkten viele Leser aus Sigrids Generation identifizieren können. Eine Familiengeschichte, die etwa Ende Mai 1940 in Kriegszeiten begann.
Was genau damals in Sigrids jungen Kinderjahren geschah, daran kann sie sich nicht erinnern. Zu gut hat sie sich selbst dagegen abgeschottet. Selbst wenn sie wollte, könnte sie ihrer Tochter nichts erzählen. Aber sie hat die gute Seele Karola an ihrer Seite, die alles miterlebte und die im Gegensatz zu Sigrid nichts vergessen hat.
Sigrid und Judith bilden eine kleine Familie, die man allerdings nicht als eine solche empfinden kann. Beide leben ihr eigenes Leben, schotten sich ab und lassen keine Nähe zu - auch nicht zueinander. Kälte und Kontrolle dominiert die beiden, Mutter als auch Tochter. Gefühle werden abgeblockt, gar nicht erst zugelassen, Liebe ist etwas für hoffnungslose Romantiker. Zielstrebig, gradlinig, immer alles unter Kontrolle - so muss es sein.
So sehr mir Sigrids Art, ihr Auftreten, eine Weile lang widerstrebte und ich ihre frostige Art und ihre kalten Augen beim Lesen fast spüren konnte, so sehr leidete ich aber auch mit ihr und ihren Erfahrungen mit und je mehr sie sich selbst offenbarte, desto mehr konnte auch ich mich für sie öffnen und zum Ende mochte ich sie am liebsten in den Arm nehmen.
Vielleicht kann man dieses Brief daher einfach als Schicksal bezeichnen, der einen Stein ins Rollen bringt, der es bitter nötig hatte, bewegt zu werden.
Eine psychologisch sehr tiefgründige Reise beginnt und man selbst als Leser fühlt mit den beiden mit, die auf sehr drastische Weise plötzlich ihre Familie und auch sich selbst kennenlernen.
So düster auch ab und an die Thematik ist, so packend ist es aber auch. Der Erzählstil ist sehr einladend und offen und man merkt, dass man selbst gefangen ist von diesen Offenbarungen und Stück um Stück diese Geheimnisse weiter freilegen möchte - und man somit das Buch kaum aus der Hand legen kann.

"Es gibt Verletzungen", sagte er einmal, "die lassen sich nicht heilen, man kann nur lernen, sie auszuhalten."
Seite 256

Kurz & gut - mein persönliches Fazit

"Ein Brief aus England" hat mich gefangen genommen und ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen. Schnörkellos und gradlinig, ohne zu viel Sentimentalität in der Sprache - denn etwas anderes wäre nicht Sigrids Art - und doch so mitreißend, spannend und berührend.
Viele Momente, unter anderem auch gesellschaftskritische, regten mich sehr zum Nachdenken an und das Gelesene hallte nach dem Zuschlagen des Buches noch lange nach.
Eine Geschichte mit psychologischem Tiefgang, die aber alles andere als trocken oder gar langweilig erscheint. Eine tolle Leseerfahrung, die ich definitiv weiterempfehlen kann!


© Rezension: Alexandra
buecherkaffee.blogspot.de
Profile Image for Buchdoktor.
2,451 reviews196 followers
February 23, 2014
Großeltern hätte sie nicht mehr, hat die Münchnerin Sigrid ihrer Tochter Judith bisher immer erzählt. Ein Brief aus England informiert über den Tod von Sigrids Mutter und bringt ihr Lügengerüst überraschend zum Einsturz. Linda Hamstad war eine englische Spionin, die zur Tarnung eine Zweckehe mit einem prominenten Münchener Arzt einging. Das ungeplant zur Welt gekommene Kind wird von einem Kindermädchen betreut. Lindas Angst, sich während der Entbindung als Ausländerin zu verraten, gehört für mich zu den bewegendsten Szenen des Buches. Linda flüchtet, als die britische Armee Deutschland besetzt, und lässt Sigrid beim Vater zurück. Auch unter schwierigen Bedingungen sucht Karola, Sigrids Kindermädchen, stets den Kontakt zu ihrem Schützling, der ins Kinderheim und später in eine Reihe von Internaten abgeschoben wird. Die Ereignisse wiederholen sich in der Gegenwart, die ungeliebte Tochter kann ihr eigenes Kind nicht lieben. Karola springt als Kinderfrau ein, so dass auch Judith wie ihre Mutter Liebe nur bei einer Fremden findet. Das schwierige Verhältnis zwischen Mutter und Tochter eskaliert mit Eintreffen des Briefes, weil Judith sich von ihrer Mutter speziell zur nationalsozialistischen Vergangenheit ihres leiblichen Vaters belogen fühlt. Sigrid öffnet sich in einer schicksalhaften Situation ihrem Groll und ihren Ängsten, das genetische Erbe eines Nationalsozialisten an ihre Tochter weitergegeben zu haben. Die Konfrontation mit ihrer Vergangenheit führt ihr vor Augen, dass ihr in ihrer Kindheit nicht nur hartherzige Erzieher begegneten und dass es allein bei ihr liegt, ihre Mitmenschen in der Gegenwart nicht in einer Rolle als Dienstboten auf Distanz zu halten. Karola hat Sigrid ihr Leben lang unterstützt - und vermutlich wegen dieser Aufgabe auf eine eigene Familie verzichtet.

Die Romanhandlung ist rein fiktiv und könnte circa in den 70ern spielen, wenn Sigrid während des Zweiten Weltkriegs zur Welt gekommen ist. Den Beginn des Romans fand ich zunächst schwer zugänglich; denn die Darstellung von Sigrids verständlicherweise traumatisierter Persönlichkeit ist mir etwas zu aufdringlich geraten. Dass einem verlassenen und hospitalisierten Kind Elternliebe und Vorbilder fehlen, wäre mit nur wenigen Andeutungen zu verdeutlichen gewesen. Je mehr ihrer ehemaligen Weggefährten Sigrid aus ihrer emotionalen Abstellkammer zurückholt, umso mehr Spannung entfaltet Brigitte Beils Handlung, bis Mutter und Tochter mit Unterstützung von außen schließlich ihre ungewöhnliche Familiengeschichte aufgedeckt haben. Abgesehen vom historischen Hintergrund hat Sigrid Beil einen lesenswerten, zeitlosen Roman über eine gestörte Eltern-Kind-Bindung und deren Folgen geschrieben.
1,421 reviews6 followers
October 18, 2021
Eine interessante Nachkriegsgeschichte bei der eine ältere Geschäftsfrau ihre Kindheit als Tochter einer Spionin und eines Nazis total verdrängt hat. Deren Tochter entdeckt die Wahrheit und ist total verwirrt und beschuldigt die Mutter ihre Vergangenheit bewusst versteckt zu haben. Gut zu lesen.
Displaying 1 - 3 of 3 reviews