Der selbsternannte Zukunftsforscher Matthias Horx beschreibt in Das Buch des Wandels ebendiesen Wandel als Fähigkeit des Menschen, sich an äußere Veränderungen anzupassen. Daraus macht er einen Lobgesang auf Krisen, Unsicherheit und permanente Transformation sowie einen kaum verhohlenen Selbstoptimierungsappell — auch wenn sein Bezugsrahmen eigentlich ganze Gesellschaften sind. Im Wesentlichen unterscheidet Horx zwischen angstbeherrschten, geschlossenen Kulturen und dynamisch-adaptiven, offenen Gesellschaften, was am Ende auch in politische Forderungen mündet.
Das Buch gehört eher in den Bereich der Management- und Selbstoptimierungsliteratur als in ernsthafte Geschichts- oder Gesellschaftsanalyse und geht mit Fakten ausgesprochen freizügig um. Das beginnt bei einfachen Fehlern: Der Burj Khalifa ist 828 Meter hoch und nicht etwa 560 Meter; Keynes datierte die von ihm beschriebene Langsamkeit historischen Wandels bis zum Beginn des 18. und nicht des 19. Jahrhunderts. Selbst simple naturwissenschaftliche Behauptungen wie die, Diamanten entstünden in sterbenden Sonnen, sind schlicht falsch.
Hinzu kommen fragwürdige oder widerlegte Thesen, etwa die Behauptung, der Community Reinvestment Act von Jimmy Carter aus dem Jahr 1977 sei wesentlich verantwortlich für die Finanzkrise 2007/08, oder die Vorstellung, nach dem sogenannten Skyscraper Index fielen der Bau der höchsten Gebäude der Welt und wirtschaftliche Krisen systematisch zusammen.
Besonders unerquicklich wird es bei Horx’ Darstellung der Maya. Seine Behauptung, diese seien eine angstzerfressene Kultur gewesen, die sich selbstzerstörerisch einem Kult der Menschenopfer hingegeben habe, statt konstruktiv auf ihre Probleme zu reagieren, ist gelinde gesagt grotesk vereinfachend. Dabei orientiert er sich erkennbar eher an Mel Gibsons „Apocalypto“ als an seriöser Geschichtsforschung.
Horx sammelt in Geschichte, Populärwissenschaft und Psychologie Versatzstücke auf, die er irgendwo aufgeschnappt hat, und biegt sie sich passend zu seiner großen Erzählung zurecht. In der Wirtschaft werden fragwürdige Konstruktionen wie der Kondratjew-Zyklus kurzerhand als Tatsache behandelt; in der Psychologie dienen persönliche Krisen als angebliche Motoren der Selbstverbesserung. Boris Cyrulniks Resilienzbegriff wird dabei nicht nur übernommen, sondern zu einer fast religiösen Krisenverherrlichung weitergedreht: Leiden soll nicht bloß bewältigt, sondern aktiv begrüßt werden.
Am Ende enthält das Buch schlicht zu viele falsche, halbrichtige oder ungesicherte Behauptungen, zu viel Küchentischpsychologie und zu viele Selbstoptimierungsseminar-Weisheiten, um als ernstzunehmende Analyse irgendetwas wert zu sein.
Rating: 1/5 Sprache gelesen: Deutsch Gelesen im Jahr: 2026 Gelesen als: Taschenbuch (Broschur)
Too right/conservative for my taste. But the beginning was good, dwelling into anthropology and giving some nice historical examples of how societies changed.
Wer sich für Geschichte, Ökonomie, Psychologie, Soziologie und natürlich Wandel interessiert, kommt hier voll auf seine Kosten! Für ein Sachbuch ist der Schreibstil noch sehr angenehm, hat aber natürlich trotzdem bisschen länger gedauert zu lesen als ein Roman. Man erfährt auch viele persönliche Eindrücke von Matthias Horx, was das Buch aber besonders Lesernah macht, was ich sehr genossen habe. Das letzte Kapitel enthielt für mich zu viel politische Maßnahmen, ich hätte lieber bei den allgemeinen Feststellung über den Menschen geendet. Alles in allem empfehlenswert!