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Keep Sweet by Michele Dominguez Greene
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1250419
's review
Dec 21, 2010

really liked it
bookshelves: st-mine, t-religion-sects-cults, t-family-siblings, t-abuse-violence, loc-desert, gen-contemporary, gen-ya
Recommended for: people who want to read another The Chosen One
Read from December 07 to 08, 2010 , read count: 1

Inhalt
Alva Jane wächst in einer Gemeinschaft namens Pinerdige in der Wüste Utahs auf. Die Bewohner haben sich der Fundamentalistischen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage verschrieben und führen ein streng geregeltes Leben. Alva Jane lebt mit ihrem Vater, dessen 7 Frauen und ihren insgesamt 28 Geschwistern zusammen. Polygamie ist in ihrem Dorf eine Pflicht, da sonst weder Mann noch Frauen die Chance auf den Eintritt in das Heilige Reich haben. Sobald Mädchen ihre erste Periode bekommen, gelten sie als heiratsfähig. Alva Jane kann diesen Tag kaum erwarten, denn ihr Schwarm Joseph John hat ihr versprochen, dass er um ihre Hand anhalten würde. Doch Alva und Joseph haben die Kontrollgier der Propheten unterschätzt und als sie bei einem heimlichen Treffen erwischt werden, verändert das alles.

Rezension
Zig Ehefrauen, unzählige Kinder, Propheten und eine verbotene, unschuldige Jugendliebe – kommt das irgendwem bekannt vor? Ja? Genau! The Chosen One (dt. Auserkoren) hat nicht nur das gleiche Grundrezept, es schmeckt auch fast genauso. Ich möchte der Autorin keinesfalls Ideenraub vorwerfen (Keep Sweet erschien nach The Chosen One), ich denke viel mehr, dass die Quellen und Berichte sich einfach unheimlich ähnlich sind (möglicherweise, weil es nicht viele Frauen gibt, die so einer Gemeinde entkommen und dann auch noch offen darüber berichten) und man diese beiden Bücher deshalb auf keinen Fall kurz hintereinander lesen sollte. Für mich liegt über ein Jahr Pause dazwischen, daher habe ich die vielen Parallelen zwar wahrgenommen, aber nicht als sonderlich störend empfunden.

Als Alva Jane mich mit in ihre Welt genommen hat, war ich zuerst schockiert. Sie trug altbackene Kleidung und teilte sich ein Zimmer mit ihren drei Schwestern und ihrer Mutter. Ihr Vater hatte für jeden Tag (und jede Nacht) in der Woche eine andere Frau. Wenn ihre Mutter die Auserwählte war, musste Alva mitanhören wie er nachts zu ihr ins Bett schleicht und sie sich um den Nachwuchs kümmern. Eine gebärfreudige Frau hat in Alvas Weltansicht nämlich mehr Chancen nach ihrem Tod ins Heilige Reich aufgenommen zu werden. Eine Frau ohne Mann und Kinder wird als Schande angesehen. Was mich erschüttert hat, war für Alva ganz normaler Alltag. Sie ist in Pineridge aufgewachsen und kennt kein anderes Leben. Sie weiß zwar, dass es eine Welt außerhalb ihres Dorfes gibt, eine Welt die anders ist, aber ihr wurde auch beigebracht, dass die Menschen in jener Welt in Sünde leben.

Ich bin zwar unendlich froh nicht in einer Welt wie Alvas leben zu müssen, aber ich kann auch nicht bestreiten, dass ich es extrem spannend fand ihre Lebensweise und Überzeugungen zu erkunden. Jedes Mal wieder haben mich neue Informationen sprachlos gemacht, z.B. als Alva vom Kinderkriegen erzählt:

„Since then I’ve heard of other babies that came backward and Mama says it is because there is something crooked in the mother’s spirit, that her faith is not strong and God is giving her a trial to set her on the right path. The only doctor that a pregnant woman is allowed to see in Pineridge is Doc Levi, who didn’t go to a school to learn about medicine. His father had the gift and passed it on to his son. Besides, Mama has told me many times that the Gentile doctors cannot be trusted. They only want women to have three or four children and they will give you a hysterectomy or some other abomination to render you infertile during an exam. So, what woman who wants to fulfil her duty to her husband and the Lord would take such a risk?”
(S. 22)


Erschreckend, was man mit Religion alles begründen kann. Eigentlich hatte ich die ganze Zeit das Gefühl in einer dystopischen Zukunfts- (oder eher Vergangenheits-)gesellschaft gelandet zu sein. Leider ist Alvas Geschichte alles andere als fiktional, denn in den USA gibt es wirklich Gemeinden, die genau so leben.

Alva Jane habe ich schnell ins Herz geschlossen. Sie ist ein sehr herzlicher, hilfsbereiter Mensch, der sich aber auch nicht alles gefallen lässt. Ihren Schwarm John Joseph beansprucht sie beispielsweise für sich und nimmt es voller Genugtuung hin, dass manch andere Mädchen sich grün ärgern über die Aufmerksamkeit, die er ihr widmet.
Alva ist vollkommen überzeugt von dem Leben, das sie führt, sie kennt es nicht anders und vertraut ihren Eltern und ihrer Gemeinschaft. Dennoch entwickelt Alva mit der Zeit Zweifel. Sie macht sich Gedanken darüber, ob es richtig ist, wenn ihre jüngeren Schwestern oder Freundinnen mit Männern, die über 50 Jahre alt sind verheiratet werden. Umso älter sie wird, desto mehr erfährt sie und beginnt Grundsätze in Frage zu stellen. Dieser Zwiespalt macht ihren Charakter so interessant und es ist spannend zu beobachten wie sich ihre Ansichten und Gedanken verändern.

In meiner Zeit in Pineridge habe ich aber nicht nur Alva kennen gelernt sondern auch andere Frauen, die von den verschiedensten Schicksalen gezeichnet sind. Zum einen wäre da Ann-Marie, die versucht aus der Gemeinschaft zu fliehen und als Strafe brutal zusammengeschlagen wird. Oder Donna, die mit ihrem Mann in die Gemeinschaft zieht und große Schwierigkeiten hat, sich an die neuen Lebensumstände anzupassen.
Diese beiden Figuren haben nicht nur gezeigt, wie unterschiedlich es den Frauen in Pineridge ergehen kann, sie waren auch elementar für den Verlauf der Handlung.

Am Ende noch eine kleine Warnung: Keep Sweet ist in manchen Szenen wirklich nichts für schwache Gemüter. Es gibt Momente, in den Brutalität sehr deutlich geschildert wird. Auch sexueller Missbrauch wird thematisiert und bei dieser einen Szene musste sogar ich das Buch für ein paar Minuten zuklappen.

Ich finde das Thema FLDS (Fundamentalist Church of Jesus Christ of Latter-day Saints) wirklich hochspannend und würde gern noch mehr darüber erfahren. Kennt jemand zufällig eine gute Dokumentation oder ähnliches?
Was ich richtig toll fände, wäre ein Jugendbuch, das erzählt wie es einer Frau ergeht, die die Flucht aus so einer Gemeinde gelungen ist und die sich nun in unserer Welt zurechtfinden muss.

Offene Fragen
Was ist damals mit Sharrie passiert? Warum hat sie einen Hilferuf in die Wand geritzt?

Fazit
Ein erstaunliches Buch über ein grausiges Thema. Michele Greene schildert das Leben in einer FLDS-Gemeinschaft äußerst authentisch durch die Augen eins jungen Mädchens. Ich habe viel über das Leben und die Ansichten einer solchen Gemeinschaft gelernt und gerade die Umstände dieses Lebens dort, haben mich mit Alva zusammengeschweißt und ich habe gehofft und gebangt, dass sie diesem Ort entkommen kann.
Absolut lebenswert, aber man sollte vor dem Lesen seine Gedanken für diese schockierende, streckenweise perverse Reise stählen.

[4 STERNE]

Optische Gestaltung
Das Cover ist sehr passend und aufmerksamkeitsstark. Umso länger ich es betrachte, desto besser gefällt es mir. Es würde definitiv auch zu einem Buch passen, das von Selbstverletzung oder Missbrauch handelt. Mit letzterem lag der/die Designer/in ja gar nicht so falsch.
Auf der Rückseite findet man noch ein kleines ovales Porträt, das das Covermodel (vermute ich) von vorn zeigt, mit geflochtenem Zopf und in traditioneller Kleidung. Sehr hilfreich, wenn man Schwierigkeiten hat, sich Alvas Erscheinung oder ihren Kleidungsstil vorzustellen.

Trivia
Der Titel des Buches lässt sich auf das Motto der Gemeinschaft zurückführen. Die oberste Regel der Frauen dort lautet „keep sweet“, wörtlich übersetzt „bleib süß“, was bedeutet, dass die Frauen zu jeder Zeit ihrem Mann gehorchen sollen, sich nicht auflehnen oder rebellieren dürfen. Sie sollen stets ihr Gesicht wahren und sich den Männern nicht widersetzen.

Ein sehr ähnliches, wirklich gutes Buch
The Chosen One – Carol Lynch Williams
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Reading Progress

12/07/2010 page 93
43.0% "So krass in was für einer fremden Welt Polygamisten leben o.o"

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