Ulf Kastner's Reviews > Der Mann ohne Eigenschaften I: Erstes und zweites Buch

Der Mann ohne Eigenschaften I by Robert Musil
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Aug 18, 12

Read from October 21, 2011 to August 18, 2012 — I own a copy, read count: 1

Dieser Band stellte definitiv eine große persönliche Herausforderung dar - ich habe immerhin knapp zehn Monate lang mit seiner Lektüre verbracht. Und dabei habe ich ja den zweiten, ebenso umfangreichen Band noch vor mir.

Die Fülle und Dichte an Eindrücken, Ideen, und Gefühlskreuzfahrten sind wirklich schwer in einer zusammenfassenden Beschreibung zu charakterisieren.

Mir war der Protagonist Ulrich zugleich vertraut wie auch zuwider. Durch die geschichtlich bedingte Distanz erschien mir vieles Beschriebene vor meinem geistigen Auge in einer Art theatralischen Schwebe. Sowohl zum hin und wieder umrissenen Wien, wie auch zur eifrig ausgeschlachteten vorweltkrieglichen Gesellschaft konnte ich nur sehr bedingt persönlichen Bezug aufbauen. Trotz der zeitweilig unnachgiebigen und brutalen Art und Weise Ulrichs mit seiner Umwelt zu verfahren, fand ich ihn zu guter Letzt sehr verletzlich und in einer Art tragisch komischen Ankerlosigkeit verloren.

Das gerade er als einer der Eckpfeiler der Parallelaktion auserkoren wird, war natürlich schon von Anfang an als äußerst kurios und widersinnig zu erkennen, und ließ am Grad der Absurdität, durch die sich die Endzeit der K.u.K Monarchie nach Musil ausgezeichnet hatte, keinen Zweifel. Und genau darin fand ich großes Gefallen - diese Autopsie der im Rückspiegel so klar anmutenden Unmöglichkeit des Weiterbestands sowohl dieser Gesellschaft als auch dieses, durch viel zu viele und viel zu komplexen Rückkopplungsschleifen zu charaktisierenden Vielvölkerstaates.

Um es auf den Punkt zu bringen: das Wien der 1970er, 1980er und 1990er Jahre, in dem ich aufgewachsen bin, muss voll von Personen gewesen sein, die dieses Buch entweder nie gelesen oder sich das darin Gelesene nie zu Herzen genommen haben, weil anders kann ich mir die damals immer noch sehr verbreitete Nostalgie für die Epoche der Habsburger nicht erklären. Oder die selben Wiener konnten in Musils indirekten Bankroterklärungen etwas zu Erstrebenswertes abgewinnen, dass mir persönlich verborgen blieb. Obwohl ich ja dem Untergang geweihten Situationen und Orten nicht pauschal abgeneigt bin, besonders was den Trost, der die Melancholie spenden kann, betrifft.

Als ich heute morgen die letzten fünfzig Seiten dieses Bandes anging, empfand ich ein seltsames und äußerst unpassendes Deja Vu, das mich mit Sicherheit als großen Kulturbanausen entlarvt: "Das ist ein bißerl wie bei Sex and the City - die handelnden Hauptpersonen sind mir oft lässtig und die Handlung und die Inhalte oft müßig. Aber meine immer wieder getroffenen Entscheidungen, dem Ganzen bis zum Ende treu zu bleiben, stellte sich im Endeffekt dann doch als vorteilhaft heraus. Ein Gefühl, dass sich die zeitweilige Plage doch ausgezahlt hat, macht sich endlich breit und jetzt bin ich doch sowohl froh, dass ich das durchgestanden habe und auch traurig, dass es in aller nächster Zukunft für mich nichts Vergleichbares zu Durchstehen geben wird."
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Reading Progress

11/03/2011 page 30
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