sabisteb's Reviews > Die geheime Geschichte Moskaus

Die geheime Geschichte Moskaus by Ekaterina Sedia
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5100042
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Mar 10, 11

bookshelves: buch, fantasy
Read in April, 2009

Galina lebt in der grauen moskauer Vorstadt. Sie ist die ungeliebte ältere Schwester einer wunderbaren, schönen und schwangeren jüngeren Schwester. Regelmäßig wirft ihr ihre Mutter vor, dass sie noch keinen Mann hat "Aber ich sag lieber zu früh als zu spät, sag ich, und die kennst doch Galina, die alte Jungfer; ich habe meine Zweifel, dass aus der noch Enkelkinder kommen, und ich muss ganz ehrlich sagen, wenn das so weitergeht, dann dauert es nicht mehr lange, und ich wünsche mir, dass sie einfach was Uneheliches kriegt, [...]."
Aber noch etwas anderes als die 10 Jahre Altersunterschied zu ihrer Schwester unterscheiden die beiden: Galina sieht eine andere Welt. Eine unheimliche Welt parallel zum heutigen Moskau in welcher sich Menschen in Vögel verwandeln. Nachdem Galina jedoch wegen ihrer Visionen bereits in der Psychiatrie war, traut sie sich nicht, sich jemandem anzuvertrauen, bis sich ihre Schwester eines Tages in eine Dole verwandelt.
In Jakov dem Polizisten, welcher das Verschwinden der Menschen untersucht und Fjodor, dem obdachlosen, alkoholabhängigen Maler und der Zigeunerin Oksana findet Galina Verbündete auf der Suche nach ihrer Schwester. Fjodor führt sie in das geheimnisvolle unterirdische Moskau, welches man durch spiegelnde Oberflächen, wie Pfützen oder U-Bahn Fenster, betreten kann. In dieser unterirdischen Parallelwelt haben die Märchen und Sachengestalten des alten Russland ihre Zuflucht vor dem Christentum gefunden und führen ein von der Zeit und Realität losgelöstes Leben. Eine Märchengestallt jedoch spielt falsch und verkauft das Wissen an die Magie an die russische Maffia, die die Seelen ihrer Gegner in Glaskugeln einschließt.
Das Buch ist voller subtilem Humor, so erklärt Fjodor sein Obdachlosendasein mit der Thermodynamik "Obwohl er noch jung war, hatte er gelernt, dass es nie besser, sondern immer schlimmer wurde, dass die Entropie gewann, dass das Universum, obwohl es geordnet wirkte, nur eine Richtung hatte, nämlich den Hitzetod, so viel besagte der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, und wer war er, dass er sich mit Herrn von Helmholtz anlegen durfte? Alles strebte nach seinem niedrigsten Energiestatus, und Fjodor hatte seinen gefunden" (S. 51).
Für Westeuropäer ist dieses Buch befremdlich zu lesen. Einerseits beschreibt es die desolate Situation im heutigen Russland. Moskau ist keine so schöne, saubere Hochglanzmetropole, wie man es aus angelsächsischen Fantasyromanen gewöhnt ist. In dieser Hinsicht enthält dieses Buch eine gehörige Portion Sozialkritik.
Andererseits spielt die Autorin mit mythischen Elementen der europäischen Literatur, wie dem Zauberer von Oz oder Alice im Spiegelland gepaart mit russischen Märchen- und Sagengestalten, die den meisten Westeuropäern fremd sind. Eine Spannende Mischung, die den Bogen zwischen westlicher und östlicher Mythologie schlägt, gepaart mit einer gehörigen Priese russischer Melancholie.
Fremd, ungewöhnlich und überraschend.
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